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Bad Sägewerk (Nerven)
HEIKO E. DOHRENDORF
Martin Semmelrogge fühlt sich hier auch ohne Führerschein pudelwohl:
„Endlich sehe ich mich mal wieder auf einem Plakat. Können Sie sich
vorstellen, was das für mich bedeutet?“ – Ob wirklich jede
REHA-Maßnahme in dem holsteinischen Neurologie-Mekka derart erfolgreich
verläuft, bleibt fraglich.
Aus großer Höhe betrachtet, erscheint Bad Segeberg mit seiner
Psychosomoatischen Klinik, seinem Neurologie-zentrum und seiner
bedeutenden Familien- und Freizeitindustrie übersichtlich: Bei „google
earth“ erscheint das dritte große Krankenhaus („AK Segeberg“)
zutreffend als „Autobahnkreuz“. Anstatt sich nämlich, wie andere
ländliche Großgemeinden in den frühen 70er Jahren es taten, eine
Umgehungsstraße als Bypass legen zu lassen, um dem Verkehrsinfarkt zu
entgehen, entschieden die Segeberger Lobotomie-Experten sich dafür, die
mitten durch den Ort führende Bundesstraße 206 im Stadtgebiet
vierspurig auszubauen und an beiden Enden der Fußgängerzone
Autobahnauffahrten anzulegen.
Auf der einen Seite des ebenerdigen Highways liegen der Kalkberg, ein
netter Marktplatz sowie der See mit den 40 Watt-Bewegungsgruppen. Hier
gestaltet sich das Leben geruhsam und beschaulich, für den größten
Aufreger sorgte immerhin Großbäcker Michely, als der jüngst zu
Sylvester 80.000 Berliner-Vorbestellungen gegen Vorkasse annahm – es
aber gerade mal schaffte, knapp 40.000 Stück gefülltes Siedegebäck
herzustellen. Die Menschenschlange der geduldigen Backwarenabholer am
letzten Tag des Jahres reichte über den ganzen Marktplatz und durch
Nebenstraßen bis weit ins neue Jahr hinein – am Ende mussten sie ohne
Jahresendhupferl gehen und wurden damit vertröstet, in vermutlich ein
bis zwei Wochen auch ihr Geld wieder abholen zu dürfen. – Mit solch
genialem Marketing konnte auch keine kaufmännische Werbegemeinschaft
mehr mithalten, weswegen sich inzwischen der einst so mächtige
„Kalkberg-Ring“ auflöste; der gut versteckte Weihnachtsmarkt der
Konkurrenz von der „IG Altstadt“ hielt genau zwei Tage, dann kamen die
Beschicker nicht mehr. Eine geplante Vereinsgründung geschäftlicher
Interessenten im Bereich der Kurhausstraße wurde daraufhin vorerst
verschoben. – Andererseits der Bundesstraße gibt es eigentlich nur die
KFZ-Zulassungsstelle und den Südstadt-Slum; die vierspurige
Reviergrenze wirkt sich erfreulich mäßigend auf die Kriminalität im
Innenstadtbereich aus. Barrierefreiheit ist gar nicht immer so gut, das
lernt man hier schnell.
Richtig gut gehen hier genau zwei: Möbelkraft und Karlmayfestspiele,
die hatten auch beide extrem gut besuchte Weihnachtsmärkte mit
Schlittschuhbahn (Kraft, gehört jetzt Hübner in Berlin) bzw. „Country
meets Western“-Cowboymusik (Kalkbergarena, mit echten Rentieren). Beide
Großfreudenspender sind mit dem Auto gut erreichbar, nur eben von
Segeberg aus nicht. Kaum angeschnallt, landet man schon auf irgendeiner
Nebenstrecke nach Kaltenkirchen (Disco) oder Henstedt-Ulzburg (halber
Weg nach Norderstedt) – nur die überregionalen Einfuhrschneisen führen
direkt zu Winnetous Schwester bzw. mit Vollgas in die neue Sitzgruppe.
Die Stadtmarketing will jetzt bei Möbelkraft Schilder aufstellen, die
nach Segeberg zeigen: hundert Meter weiter ist eine richtige Stadt. Auf
dem Kalkberg wären solche Hinweise sinnlos – wer eben noch mit seiner
ganzen Bagage nebst Alter Schmetterhand und Heinrichstutzen die edlen
Wilden vor den Scheiß-Amis beschützt hat, hält sich von den heiligen
Gräbern der Aborigines in der innerstädtischen Prärie respektvoll fern
und führt die ihm Anbefohlenen lieber nächstes Wochenende zum
gemeinsamen Schlafzimmer-Aussuchen bei Kraft aus, das macht denen
nämlich Freude.
Einmal im Jahr, immer im Mai, kommt aber Tabaluga, das ist ethisch
korrekt und wer will wirklich gegen den kleinen, großen Peter Maffay
etwas einzuwenden haben, wenngleich er es in puncto Verrücktheit mit
Karl May, der sein ostdeutsches Reservat niemals verlassen hat und sich
selbst für Onkel Manitu hielt, sicher nicht aufnehmen kann. Den Rest
des Jahres bleibt man besser zuhause: mittwochs kommt „Basses Blatt“,
das lesen aus gutem Grund alle, die irgendwas wissen wollen, denn die
nicht-werbefinanzierten Tageszeitungen sind Mantelblätter (Segeberger
Nachrichten = Lübecker Nachrichten; Segeberger Zeitung = Kieler
Nachrichten; Stormarner Tageblatt = sh.z und sowieso andere Seite vom
Klingberg), deren Lokalteile seit Jahresbeginn ausschließlich
Freiwillige Feuerwehr bringen (ungelogen, von acht Seiten „Segeberger
Umland“ sind jeden Tag mindestens sechs komplett voll mit Fotos von den
Jahreshauptversammlungen und den annähernd identischen Texten der
jeweils veröffentlichten Jahresberichte, wobei man nach drei Wochen
jetzt offenbar mit allen FFs des Kreises durch ist und deshalb erstmal
mit den neugewählten Vorständen der dazugehörigen Jugendfeuerwehren
weitermacht, bis Jahresende folgen Ehrennadeln für verdiente
Mitglieder, Beförderungen und natürlich Anschaffungen von
Löschfahrzeugen, Atemschutzgeräten und Tauchrettern sowie Planungen für
neue Feuerwehrgerätehäuser und Aktivitäten der Gattinnen), der Rest ist
dann Handball und am Wochende auch Kieler Fußball und Oldesloer Tennis.
Da ich neben Krimis auch gerne etwas „real fiction“ lese, bleibt mir
nur die Doku-soap mit der hiesigen ARGE, die zum Glück auch immer im
Briefkasten ist, wenn ich so gegen elf mit der Feuerwehrzeitung durch
bin.
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