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Der Pfad der Gerechten
Zur Kritik des antichristlichen
Ressentiments
RICHARD KEMPKENS
I.
Die Regierung George W. Bushs stellte für die deutschen Propheten einer
anderen Welt einen langen Winter des Missvergnügens dar, der nun zu
Ende ist, da mit der glorreichen Sonne Barack Obamas ein Frühling der
Völkerverständigung anbricht, die jetzt schon auf Kosten der Sicherheit
Israels geht.
Doch ebenso wie Gloucester in Shakespeares Richard III.
insgeheim das zivile Leben hasst und längst tödliche Pläne schmiedet,
mit Hilfe von Verschwörungs- und Hochverratsgerüchten an die Macht zu
kommen, wird in der deutschen Linken eifrig nach neuen Volksfeinden
gesucht, die freilich nicht allzu vulgär jüdisch konnotiert sein dürfen
und dennoch eine griffige Karikatur der Herrschaft abgeben müssen,
welche stets fremd zu sein hat.
Die Produktion der deutschen Ideologie funktioniert wie eine iranische
Zentrifuge: Sie kreist notwendig um einen negativ-identitären Pol, der
mit starken, magnetisierenden Affekten geladen sein muss, damit es beim
Schleudervorgang nicht zu destabilisierenden Unwuchten, also dem
Auseinanderfallen der Fraktionen kommt.
An dieser Stelle soll es um ein altneues, vielgesichtiges Hassobjekt
gehen, das sich zunehmend im Angebot befindet und auch und gerade für
Menschen, die die vier edlen Wahrheiten der antideutschen Tradition
(die vier konsekutiven kategorischen Imperative von Kant, Marx, Hitler
und der Bahamas) aufgenommen haben, ein naheliegendes
Be(s)tätigungsfeld darstellt. Was wäre für alle sich emanzipatorisch
nennenden Bewegungen zum Fokussieren und Mobilisieren immer schnell
verbrauchter Kräfte geeigneter, als ein machtversessenes,
erzpatriarchales, von allen guten Geistern längst widerlegtes
Gedankengut? Nein, der Islam ist selbstverständlich nicht gemeint, und
die Nazis, gegen die traditionell alles zusammenwächst, was
zusammengehört, auch nicht.
In letzter Zeit kommt es dagegen zu vermehrten Aufrufen, auch der
christlich-fundamentalistischen Gefahr (neben und oft in einem Atemzug
mit den Faschisten) in deutschen Städten „keinen Fußbreit“, wie es in
tiefer Selbsttäuschung schon bei der klassischen Antifa hieß, zu
überlassen.
Die politisch wirksame Betätigung der „Pro Life“-Bewegung, z.B. in den
USA, Polen, Irland und Nicaragua, hat hierzulande fromme Ambitionen
geweckt, wenngleich es trotz aller Verschwörungstheorien, die nie lange
brauchen, um entweder finstere Mönche des Opus Dei oder finanzstarke
US-Missionswerke zu erwähnen, schlicht keine
christlich-fundamentalistische Massenbasis in Deutschland gibt.
Österreich wäre vielleicht etwas anfälliger – doch auch dort kommt vor
der communio sanctorum immer noch die Volksgemeinschaft.
Das weltweite Erstarken einer islamischen Bewegung, der es selbst und
gerade in den aufgeklärtesten Enklaven des Westens gelingt,
Sonderrücksichten für ihre beschränkten Kollektive zu erpressen, weckt
bei den Christen weiteren Futterneid. Man kann diesen Neid z.B. im
recht linksliberalen, aber sehenswerten US-Film Jesus Camp
(2006) gut beobachten, in dem die ein christliches Ferienlager
betreibenden Fundamentalisten ihre verschärften
Indoktrinationsprogramme immer wieder mit dem Hinweis auf die
invasorische Pädagogik von Hisbollah und Hamas rechtfertigen. Es muss
aber einschränkend hinzugefügt werden, dass selbst solche reaktionären
Christengruppen auch einen unleugbaren Individualismus transportieren,
der die totalitäre Durchstreichung des Ichs immer wieder sabotiert und
der diffus vorhandenen Akzeptanz für Todeskulte und terroristische
Gewalttaten wie bei Timothy McVeigh und David Koresh entgegensteht.
Diese individualistische Neigung ist zwar in den USA am stärksten
ausgeprägt, rührt aber nicht einfach nur vom säkularen,
bürgerlich-revolutionären Konzept der amerikanischen Gesellschaft her –
obwohl dies ein entscheidender Faktor ist – sondern auch von den bis
nach Old Europe, eigentlich bis in den Alten Orient zurückreichenden
Wurzeln, die man grob mit den drei Ortsbestimmungen Athen – Rom –
Jerusalem ausdrücken kann.
Dass es in der westlichen Zivilisation ein zumindest vermissbares und
einklagbares Ich gibt, das Emanzipation und Autonomie fordern kann, hat
auch mit dem zum Allherrscher gewordenen midianitischen Feuergeist zu
tun, dessen Name JHWH „Ich bin, der ich bin“ bedeutet. Die Konstruktion
dieses absoluten, aus dem semitisch-ägyptischen Pantheon ausbrechenden
Ichs ermöglichte es den Gläubigen, ebenfalls Individuen zu werden und
ihr Glück im Widerspruch zum chaldäischen (Abraham), ägyptischen
(Moses), babylonischen (Daniel) und sogar israelitischen (Jeremia,
Hosea) Kollektivs zu suchen. Durch die ganze Bibel zieht sich ein roter
Faden des Protests, der Dissidenz, des einsamen Ichs, das sich von der
generell als korrupt und gottlos dargestellten Gemeinschaft ab- und
einer unmöglichen und doch zunächst sehr irdischen (Milch und Honig)
Verheißung zuwendet.
Wenn Deutsche Christen werden, ist es nicht ungewöhnlich, dass das
supranationale, den Gläubigen die volle Identifikation mit den
„weltlichen“ Kollektiven sabotierende Element der christlichen
Theologie [1] sich letztlich nicht gegen die wirkmächtigere deutsche
Ideologie durchsetzen kann, die in jedes Kulturprodukt seit Luther
hineingewoben ist, und wohl durch keine Erlösung und kein Taufwasser
abzuwaschen ist. Der Grund für diese Abwehrschwäche liegt in der
Spannung zwischen dem von den jüdischen Propheten geerbten
Staatsskeptizismus Jesu Christi bzw. der vier Evangelien [2] und der
beginnenden Konzeption einer (zur Zeit der Abfassung minoritären, mit
der jüdischen Diaspora konkurrierenden) Gemeinschaft nach göttlicher
Ordnung in den Paulusbriefen, die, ohne es sich einzugestehen, das zur
damaligen Zeit zivilisierteste römische Vorbild aufgriff und sich nolens
volens die Vergöttlichung der Staatsautorität einhandelte [3], die
Luther für sein Evangelium so wirksam verdeutschte.
Doch die staatsbürgerliche Unzuverlässigkeit brach immer wieder in
Strömungen und Sekten aus, die sich stets der
prophetisch-apokalyptischen Schriften der Bibel bedienten, zuvörderst
der Offenbarung des Johannes, die mit einigem Recht als
antiimperialistisches und in einem gewissen Sinne religions- und
staatskritisches Urmanifest bezeichnet werden kann. Johannes denunziert
nicht nur das römische Imperium, die ökonomische Ausbeutung der
unterworfenen Ethnien, die militärische Gewalt des „Tieres“, sondern
entwickelt das ideologische Bild einer „großen Hure“, der gottlosen
Zivilisation, die „betrunken vom Blut der Heiligen“ „mit den Königen
der Erde Unzucht treibt“ und deren Strafe „in einer einzigen Stunde“
über sie kommen wird. Es gibt so viele Interpretationen der
Schreckensbilder Johannes’ wie es Kirchen gibt, doch fast alle [4]
sehen in der „großen Hure, die auf dem Tier reitet“ die totale Religion
eines orwellschen Staates, der laut Offenbarung unbesiegbar ist, bis
der Antichrist sich an die endgültige Vernichtung Israels macht und
damit die Wiederkehr Jesu auslöst. Als Johannes die „Hure Babel“
erblickt, „wunderte ich mich, als ich sie sah, mit großer Verwunderung“
(Offb 17,6) und hebt mit dieser Beschreibung die Gewaltigkeit des
Eindrucks hervor, die keine andere Schau auf ihn auszuüben vermochte.
Diese Verwunderung und die Attribute Babels (goldener Kelch voller
Unreinheiten, purpurner Mantel, Trunkenheit), die eine
negativ-satanische Variante der Attribute der Urgemeinde darstellen
(Abendmahlkelch, Gebetsmäntel der Juden, Erfüllung mit dem Heiligen
Geist), weisen in den traditionalistischen Auslegungen darauf hin, dass
Babel die von Gott abgefallene Kirche ist, die sich mit der weltlichen
Macht des Antichristen verbündet hat, ihn „reitet“, um später von ihm
verraten und zertrampelt zu werden. Dies ist ein 2000 Jahre altes,
religiös verrücktes Bild, das sich nicht nur in der Kirchengeschichte
immer wieder bewahrheitet hat, sondern bis in die Geschichte der Linken
hinein mit ihrem vielfachen Ausverkauf an die Macht des Staates
fortsetzt.
In diesem Schreckbild der Hure Babel liegt ein Grund für die freilich
inkonsequente Absage an die weltliche Macht, die Ablehnung des
„babylonischen“ Katholizismus und der evangelischen Landeskirche durch
die Freikirchen. Der moderne christliche Fundamentalismus erhält nach
dem Vorbild Jesajas und Jeremias kritische Wucht aus diesem
prinzipiellen Fernstehen. Hierin ähneln sie - wie zuvor die christliche
Urgemeinde – der sokratischen Metoikie sich an, jedweder Position
gegenüber fremd zu bleiben, die theologisch in der Negativität Jahwes
als dem ganz anderen wurzelt [5]. Die alten Freikirchen wie Baptisten
und Mennoniten ähneln in ihrer ursprünglichen sozialen Stellung den
orthodoxen Synagogen, in einer Mischung von Ausgeschlossenwerden aus
der landeskirchlichen oder katholischen Mehrheitsgesellschaft und
identitärer Selbstsegregation, wenn auch das Ressentiment der Mehrheit
viel schwächer und leichter zu überwinden ist als im Fall der Juden.
Die moderne Trennung von Kirche und Staat, vor allem in den USA, hat
keineswegs zum Verschwinden, sondern vielmehr zur Privatisierung der
Religion geführt, was von Marx in der Frühschrift Zur Judenfrage
anhand der Vielzahl der dort munter gedeihenden Kirchen und Sekten
beschrieben wurde. Die säkularisierte Gesellschaft hat aber, um den
Vergleich mit den Synagogen fortzusetzen, ihre Gewalt immer wieder
gegen die ungeliebten Minderheiten gekehrt, die ihre konkurrierende
Identität nicht preiszugeben bereit sind und unter dem Generalverdacht
der Vaterlandslosigkeit leben müssen. In Ländern, in denen Lenins
„demokratischer Zentralismus“ praktiziert wird, wie heute noch in China
und Nordkorea, wird Marx' „private Schrulle“ zur öffentlichen Gefahr,
die mit rücksichtsloser Unduldsamkeit und Effizienz bekämpft wird. Wer
sich außerhalb der chinesischen „Drei-Selbst-Kirche“ [6] in eine der
Kongregationen begibt, die insgesamt ca. 60 Millionen Christen
versammeln, riskiert Verhaftung, Folter und Umerziehungslager. Dies
übertrifft selbst die Maßnahmen in manchen Hochburgen der Scharia wie
dem Iran, wo es zumindest auf dem Papier die prekäre Dhimmitude gibt,
also als Christen registrierte Menschen in ghettoisierter Form ihren
Glauben ausüben dürfen – freilich gilt dies nicht für Konvertiten aus
dem Islam und auch nicht für das Land der „heiligen Stätten“,
Saudi-Arabien, das von Ungläubigen freizuhalten ist.
Die historisch nicht unbegründete Selbstwahrnehmung der Freikirchen als
zunächst durch christliche, später auch durch säkulare Staaten
verfolgte Minderheiten, das verstärkte Studium der prophetischen
Passagen der Bibel nach der Shoah und dem damit verbundenen Scheitern
von Zivilisation und Kirche und last but not least die
eschatologisch alarmierende „Wiedergeburt“ Israels sind Gründe für das
Erscheinen des christlichen Zionismus vor allem in der angelsächsischen
Welt, aber auch in deutschen Freikirchen. Letztere hatten zudem
personelle und strukturelle Verwicklungen im Reich des Antichristen
Hitler zu verarbeiten.
Man sollte sich beim christlichen Zionismus darüber im Klaren sein,
dass er bei allem momentanen Nutzen, den er z.B. in den USA, bedeutend
schwächer auch in Großbritannien, den Niederlanden und der Schweiz
zeitigt, die Rolle Israels und der Juden während der christlichen
Endzeit letztlich die eines kollektiven Märtyrers ist, auf dessen Opfer
Milliarden von Toten folgen, bis Jesus wiederkehrt und ein ewiges,
wahrhaft theokratisches Zion errichtet. In dieser Form wird auch die
Vernichtung eines Drittels aller Juden durch die Deutschen als
notwendige Station des göttlichen Heilsplans kommensurabel gemacht. Die
Freikirchen integrierten mit der ihnen eigenen Unerschütterlichkeit die
Schoah in ihren Fahrplan zur Endzeit, während sich die katholische
Kirche weniger apokalyptisch und unter stärkerer Betonung der
Leidensmystik an die Verarbeitung des Unverarbeitbaren machte. Woytila
brachte diese interessierte Zuneigung gut zum Ausdruck, als er die zum
Katholizismus konvertierte und in Auschwitz ermordete Edith Stein
selig- und heiligsprechen ließ, sie also, wie es im Kirchenjargon
heißt, „zur Ehre der Altäre erhob“. Diese „Ehre“ weist den Weg, durch
den Juden in christlicher Sicht das Wohlgefallen Gottes erlangen können
– im Ermordetwerden erlangen die Gottesmörder Sühne, wie es Edith Stein
bei ihrer Festnahme durch die Gestapo aussprach: „Komm, wir gehen für
unser Volk.“ [7] An den Äußerungen der deutschen Bischöfe zur
„Warschauer Ghettomauer“ in Israel lässt sich sehen, wie der
oberflächliche (man denke nur an die Affäre Williamson) katholische
Philosemitismus umschlagen kann, sobald die real existierenden Juden
aus der ihnen zugedachten Rolle fallen.
Die protestantischen Sekten, die einen dezidierten Zionismus verkünden,
gerieren sich lautstark israelsolidarisch. Der Baptistenprediger und
Gründer der politisch schwergewichtigen „Moral Majority“ Jerry Falwell
erklärte sich und die Seinen zum zionistischen Gewissen Amerikas [8],
wenngleich der gar nicht so weit zurückliegende christliche
Antisemitismus eines Martin Luther Thomas [9] sich einerseits mit den
gleichen obsessiven Argumentationsmustern und Verschwörungstheorien
gegen Satanisten, Homosexuelle, Feministinnen, Evolutionsforscher und
anderen Infektionen des Leibes Christi richtet und andererseits der
Hass auf die konkreten Juden immer wieder durchschlägt. Dies wird
bereits daran sichtbar, dass die neuen „Freunde“ Israels, die sich
ursprünglich selbst als das „wahre Israel“ bezeichneten [10], innerlich
und hier und da öffentlich über „Kriege und Kriegsgerüchte“ in der
Region jubeln, die den Tag näher bringen, an dem die Armeen der Welt
sich im Tal Meggido versammeln werden und „das Blut bis an die Zügel
der Pferde, 1600 Stadien (296 Km.) weit“ (Offb 14,20) reichen wird. Es
sei auch an die Bannflüche Pat Robertsons, des Gründers der in der
Republikanischen Partei zeitweise dominierenden Christian Coalition,
gegen Ariel Sharon erinnert, als dieser den Gazastreifen räumte. Sein
Schlaganfall sei die Strafe dafür, dass er sich nicht an Gottes Plan
mit Israel gehalten habe. Ähnlich könnte die Zukunft der christlichen
Judenliebe aussehen, wenn letztere nicht die ihnen zugedachte Rolle als
Katalysatoren der Endzeit spielen. Die warnende Prophetie des Johannes
von der Macht als Versuchung hat sich immer wieder erfüllt. Im
evangelikalen Süden der USA und darüber hinaus hat sich die Theologie
des Dominionismus stark etabliert, die sich beauftragt sieht, mittels
der Staatsmacht hier und jetzt das Reich Gottes zu errichten. Hinter
diesen bizarren Streitigkeiten darüber, ob man mit Hilfe der zu
erobernden Staatsmacht oder doch erst nach der Wiederkunft Christi die
Theokratie zu errichten habe, stecken freilich ganz untheologische
Bedürfnisse, den amerikanischen Bürgerkrieg nachträglich zu gewinnen,
also den Partikularismus der beschränkten Kollektive, den Southern
Comfort, gegen die bürgerliche Revolution zu verteidigen.
II.
Der XX. Weltjugendtag 2005 in Köln, auf dem Höhepunkt der deutschen
Papstbesoffenheit - die mit einer eigentlich religiösen Erweckung
nichts zu tun hatte und mittlerweile den Papst in die Rolle eines
schnarchenden Unbekannten bringt, den Deutschland nach einem one
night stand beim verkaterten Erwachen neben sich vorfindet –
führte zu karnevalesken, religionskritisch sich nennenden
Interventionen, z.B. einem Umzugswagen, auf dem der Papst recht kölsch
und lustig als schäfchentreibender Tyrannosaurus Rex dargestellt war,
wenngleich in so einem Bild implizit an der Falschzitierung von
Religion als Opium fürs Volk (anstatt des Volkes,
wie Marx schreibt) festgehalten wurde. Der Papst mag ja eine alte Echse
sein, doch die Unmündigkeit seiner „Schäfchen“ ist selbstverschuldet.
Ebenso wenig ist der kurze Sommer des Katholizismus ein dem arglosen
Volk von Dunkelmännern angedrehtes, sondern ein kollektiv aufgezogenes
Spektakel gewesen. Das maßgebliche kirchenkritische Bündnis mit dem
abgründig-ostdeutsch anklingenden Namen „Religionsfreie Zone“ litt
ohnehin an inhaltlichen Mängeln, wie am penetrant deutschen Lamento
über die katholische Belastung der Steuerkasse und an der später eilig
zurückgezogenen Einladung des der Sekte „Universelles Leben“ nahe
stehenden „Kirchenexperten“ und rechten Esoterikers Hubertus Mynarek zu
einer antikirchlichen Tagung deutlich zu sehen war.
Das autonome Stattmagazin Terz glaubte sich bemüßigt, die
anreisenden, v.a. osteuropäischen Jugendlichen, die auch in des
Magazins Hoheitsgebiet Düsseldorf strömten, mit einem Titelblatt zu
begrüßen, auf dem ein großer, schwarzer Wolf drei an einen Baum
gefesselte, furchtsam großäugige, kruzifixtragende Kätzchen mit den in
Beinahe-Sütterlin geschriebenen Worten zähnefletschend anspricht: „Na,
ihr kleinen Christen... Willkommen in Düsseldorf!“ [11]
Als 2006 zu Protesten gegen einen Kreuzweg von christlichen
Abtreibungsgegnern aufgerufen wurde, musste die Feministin und
Gender-Studies-Forscherin Sarah Diehl, von der später ein wenig die
Rede sein soll, noch traurig konstatieren: „Den etwa 600 ChristInnen,
die mit weißen Holzkreuzen die Straße Unter den Linden in Berlin
entlang zogen, traten traurige zwölf GegendemonstrantInnen gegenüber.
Deutlicher kann kaum präsentiert werden, dass Abtreibung hierzulande
für linke und feministische Gruppen kein Thema mehr ist.“ [12]
Zwei Jahre später, in der Walpurgisnacht am 30.4.2008, waren es schon
mehr als 800 Menschen, die sich dem evangelikalen Jugendevent
Christival in Bremen mit der Parole: „Wir sind die Perversen, wir sind
Euch auf den Fersen!“ entgegenstellten – dabei streng in
FrauenLesbenTrans-, Queer- und Männerblock getrennt und von der
Demoleitung per Lautsprecher darüber belehrt, dass, wie indymedia
[13] berichtet, „die sich als Männer definierenden BioMänner, die gegen
Sexismus und das Christival auf die Straße gehen wollten, [...]
aufgerufen [wurden], sich im Hintergrund zu halten“. Ein ganz radikaler
Autonomentrupp von 100 Leuten bewarf die zumeist jugendlichen Besucher
mit Knallkörpern, anreisende Christenkids erlebten Beschimpfungen und
Drohungen, bei einem musikalisch-frommen „Straßenbahnfest“ flogen die
Bierflaschen.
Es wird allmählich sichtbar, dass sich die jugendbewegte Klientel, die
in deutschen Städten gern die Rolle einer antifaschistischen
Hilfspolizei spielen würde, unter Abrufung autoritärer Reflexe gegen
diese neuen Volksfeinde in Anschlag gebracht werden kann, so dass sich
z.B. in der Zeitschrift analyse & kritik (Nr. 532/2008)
Kirsten Achtelik freuen konnte: „Radikale Christen und Abtreibung waren
bisher sowohl bei der Antifa als auch in der queeren Szene eher
vernachlässigte Themen, das scheint sich zu ändern.“
Das diesen Beitrag mitauslösende Ereignis war der Auftritt des
Bündnisses zahlreicher Berliner Gruppen gegen den „Schweigemarsch der
1000 Kreuze“ am 26. September 2009, bei dem als Protest gegen
behauptete 1.000 tägliche Abtreibungen [14] ebenso viele weiße Kreuze
durch die Stadt getragen werden sollten. Über diese religiöse Variante
der Kaffeefahrt (vollklimatisierte Busse, verbitterte Rentner und
manipulative Animateure) zu befinden, sie sei frauenfeindlich,
reaktionär und lächerlich, ist eine Banalität, die nicht viel Mühe
erfordert. Die Lebensschützer scheinen zwar aus den Skandalen der
letzten Jahre hinzugelernt zu haben und vermieden es diesmal, sich mit
„Babycaust“-Parolen an den Rand des Justiziablen zu bringen [15], doch
der altbekannte Vorwurf „Abtreibung ist Mord“ steckt ohnehin implizit
in der vorsichtigeren und sehr deutsch formulierten Losung „Wir trauern
um die vielen tausend Kinder in unserem Lande, die durch Abtreibung ums
Leben kamen“.
Bemerkenswert ist vor allem der zunehmende christliche Bezug auf den
Nationalstaat („Deutschland braucht Jesus“ war auf T-Shirts zu sehen),
auch in den Statements auf der Berliner Kundgebung, die sich häufig,
auch in der Altersstruktur dieser Bewegung begründet, um die
Rentensicherung und mangelnde Pflegekräfte sorgten.
Das national-schicksalhafte Element wird in den einschlägigen
Publikationen auch gerne mit einer Warnung vor dem Aussterben der
Deutschen und ihrer drohenden Überfremdung verbunden, was die
wohlwollende Berichterstattung der Jungen Freiheit und des
Kotzkübels Politically Incorrect erklärt, die sich auch für
den Antikommunismus, das geschlechtliche Rollendenken und den
störrischen Traditionalismus der Fundamentalisten erwärmen können.
Der Wunsch, sich im eigenen Interesse diesen autoritären Trauergästen,
die auf die Politik Einfluss nehmen wollen, entgegenzustellen, hat
seine Berechtigung. Dem nekrophilen „Marsch für das Leben“ wohnt die
allen fundamentalistischen Bewegungen gemeinsame, maßlose Herrschsucht
im Namen eines verabsolutierten Über-Ichs (Gott) inne. Ohne Zweifel
würde eine nach ihrem Willen gestaltete Gesellschaft alle nur denkbaren
hässlichen Ismen, die die jetzige bereits aufweist, um ein Vielfaches
verstärken und entgegen der bequemen bürgerlichen Rede vom finsteren
Mittelalter vielmehr eine moderne Verfinsterung bewirken.
Es fand sich also eine von _innen widerhallende Reihe von
antisexistischen AGs, Initiativen und Antifagruppen bereit, sich unter
dem Motto „1000 Kreuze in die Spree“ blasphemisch in Szene zu setzen.
In dem Aufruf, dem ca. 800 Menschen folgten, wurde den Teilnehmer_innen
mitgeteilt, es werde von ihnen erwartet, dass sie „laut und mit
vielfältigen Aktionen“, als Kontrast zur christlichen Trauerkleidung
mit „bunter Kleidung und emanzipatorischen Sprüchen“ behübscht
aufträten. Und tatsächlich, folgt man der Darstellung in den gewohnt
kreativen Selbstbeglückwünschungen [16], YouTube-Videos [17] und
flickr-Bildsammlungen [18], dann wurde es tatsächlich laut, vielfältig
und bunt. Ob es emanzipatorisch wurde (ein dem Ketchup entsprechender
Adjektiv, mit dem derzeit alles Ungenießbare schmackhaft gemacht wird),
wäre noch zu prüfen.
Das Brisante an der apriorischen Selbstbezeichnung als „vielfältig,
kreativ, phantasievoll und bunt“ liegt in der spontan und undogmatisch
daherkommenden inhaltlichen Verantwortungslosigkeit, die zum brainstorm
der Parolen einlädt, zur Fuge gehässigen Unfugs, und die in diesem Fall
zum Ergebnis hatte, dass auf den Plakaten der Gegenkundgebung mal
„Christen abtreiben“, mal „Christen fisten“, mal der Klassiker „Hätt'
Maria abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben“ stand, auch das
anti-ableistische, strunzdumm leidversüßende „Für das Recht auf
Abtreibung, Behinderung und Krankheit“ und das fast schon Heideggersche
„Abtreibung gehört zum Leben dazu“ [19], das wohl auf den Titel eines
programmatischen Beitrags von Sarah Diehl zum popfeministischen
Sammelband Hot Topic zurückgeht. Selbstredend war auch ein
Veteran unter den Slogans – „Mein Bauch gehört mir“ – zu sehen, und
ein, wie zu befürchten ist, gänzlich unironisch gemeintes „Feminismus
ist die Antwort“.
Der mitaufrufende starblog, der sich mit den Vignetten „Fight
Terror – Support Israel“ und „Antideutsch since 1989“ schmückt – was
auch immer solche Banner, die elektronischen Nachfahren von
Gesinnungsbuttons am Jackenrevers, bedeuten – entblödete sich nicht,
unter dem Titel „By any means necessary – Christen in die Kisten“
folgendes zu schreiben (ich kürze hier in denunzierender Absicht, der
komplette Jagdschein ist unter http://starblog.olifani.eu/archives/1822
zu lesen): „Am naechsten Sonnabend wird Deine sportliche Aktivitaet
verlangt. Schliesslich reicht es ja, wenn Du den darauf folgenden
Wahlsonntag entspannt zu Hause auf dem Sofa verbringst und einfach gar
nichts tust, ausser die Seele baumeln und Fuenfe grade sein zu lassen.
Sonnabend wird geackert! Dummdreiste Lebensschuetzer planen einen
Schweigemarsch und besudeln die Strassen Berlins mit dem ekelhaften
Ritual des Zeigens von 1000 Kreuzen, die fuer die angeblich taeglich
1000 abgetriebenen Kinder stehen. Dabei duerfte nicht nur Zahl der
tatsaechlichen Schwangerschaftsabbrueche frei erfunden sein... [...]
Halten wir es mit ihnen wie mit den anderen Nazis: Es gibt nichts zu
diskutieren. Die erste Chance ist die Beste. Ein kurzer Auftritt und
wieder gehen. Langer Stoeraufenthalt fuehrt mit grosser
Wahrscheinlichkeit zur Personalienfeststellung oder Schlimmeren. [...]
Einige Fanatiker erscheinen uebrigens mit Flaggen des Staates Israel.
Lassen wir uns durch diesen billigen Trick nicht verwirren. Es geht
hier nicht um Solidaritaet, sondern um christliche Dominanz. Starblog,
das Magazin fuer den gesunden killer instinct, ermuntert Dich
ausdruecklich: Stelle Dich diesem klerikalen Mob in den Weg! [...] In
diesem Sinnen: Halali! Die Kreuzsportliga ist eroeffnet!“
Ein Kommentar, den ich trotz seiner programmatischen Ahnungslosigkeit
in einen echten Gedanken zu überführen hoffe, lautete: „ach ja: letztes
jahr wurde die gegendemo ja auch von nazis besucht und anschließend bei
altermedia reviewt, also augen auf beim christenlauf.“
Ach ja. Die Nazis haben sich in jüngster Zeit perfiderweise angewöhnt,
wie Linke zu reden, sich wie autonome Werwölfe zu kleiden und
heimtückisch ähnlich lautende Transparente vor sich her zu tragen. Da
muss mensch höllisch aufpassen, die haben mittlerweile gelernt, jeden
emanzipatorischen Satz konsequent zu Ende zu denken. Sie wären die zu starblogs
Halali passenden Hunde des Krieges.
Auf welcher Seite wäre nun genau das Mitlaufen der Nazis zu befürchten?
Da die antisexistische Mobilisierung die Fundamentalisten mit den Nazis
gleichsetzt, wären dann die Warnungen so zu verstehen, dass die
Lebensbornanhänger in den Reihen der Lebensschützer mitmarschieren, im
Sinne der Abwehr eines schleichenden Völkermords an den Deutschen?
Selbst ein Blick in die Abgründe von altermedia & Co.
fördert nicht viel mehr als einen bislang unentschiedenen Streit
zwischen den von mir vorläufig als „Mutterkreuzler“ und „Neuheiden“
bezeichneten Fraktionen zutage. Die Uneindeutigkeit der Nazi-Warnungen
könnte aber auch optimistisch als aufkeimende Ahnung interpretiert
werden, dass das Halali der Antichrist_innen einer völkischen Meute,
die nicht nur „Bockwurst statt Döner“, sondern auch „Odin statt Jesus“
propagiert, Anschlussmöglichkeiten bietet.
Die Parolenwerkstatt der Bunten und Kreativen musste jedenfalls
Abwehrsprüche zaubern, um unreine Geister zu vertreiben, die sich sonst
womöglich selbst eingeladen hätten: „Abtreiben gegen Deutschland“ und
„Mein Bauch gehört nicht Deutschland“ sollten nach innen und außen
Klarheit schaffen und die Ineinssetzung von Lebensschützern und Nazis
bekräftigen.
Apropos Ineinssetzung: Um diese antideutsche Selbstbestempelung auf die
Höhe der Zeit zu bringen, wurde in Sichtweite des ehemaligen
Opernplatzes (Bebelplatz), der alten Wirkungsstätte des
bücherverbrennenden NS-Deutschen Studentenbundes, unter den hilflosen
Augen der Statuen von Karl Marx und Friedrich Engels jubelnd eine Bibel
eingeäschert, was sich der NSDStB gewiss auch gerne getraut hätte, es
aber aus Rücksicht auf das Reichskonkordat nicht durfte.
Zur Zeit tourt Jörg Kronauer mit einem akribischen Vortrag durchs Land,
der gewiss vorhandene personelle und organisatorische Verbindungen der
Lebensschützer- und Christensszene nach rechtsaußen in bekannter
Antifa-Spurensicherungsmanier aufzählt und das fundamentalistische
Phänomen gleichzeitig völlig verkennt. Dass es z.B. den Freikirchen vor
allem im nichtislamischen Trikont zunehmend gelingt, Menschen zu
rekrutieren, lässt sich nicht auf aufgewärmte Priestertrugtheorien
reduzieren, was letztlich die linke Reproduktion der Sicht christlicher
Prediger auf ihre „Schäfchen“ ist, also unmündige Idioten, die man vor
dem Hören der falschen Botschaft zu schützen bzw. mit der wahren
Botschaft zu beglücken hat. Jörg Kronauer wirft den Evangelikalen, die
man sich wie alle Schädlinge immer „auf dem Vormarsch“ vorzustellen
hat, nicht nur Homophobie, Sexismus, faschistoide Gesinnung vor,
sondern – horribile dictu – Feindseligkeit gegen den Islam.
Noch während das Publikum ob dieser Ungeheuerlichkeit um Atem ringt,
legt der Referent nach: „Die dramatischen Folgen hat man im Jemen
gesehen.“ Die zwei ermordeten Krankenschwestern? Die beiden
christlichen Missionarinnen, die versucht hatten, „im Jemen zu
missionieren, obwohl es verboten ist“? Ein wahres Verbrechen: Erst
versuchten sie, den Muslimen zu erzählen, wie scheiße ihre Religion ist
(zugegeben, mit der Absicht, sie vom islamischen Opium auf ein
christliches Methadon zu bringen), dann ließen sie sich heimtückisch zu
islamophoben Propagandazwecken ermorden. Die Exkulpation der
islamischen Mörderbanden folgt dem gleichen Muster, mit dem die Schuld
an 9/11 den USA zugeschoben wurde. Jedes Kind weiß doch, wie
empfindlich und schonungsbedürftig diese Biotope der Beschränktheit
sind – nur nicht provozieren!
Das verstärkte linke Interesse an der Skandalisierung der wild
gewordenen, traurigen Überreste des fundamentalistischen Christentums
in Deutschland, die im Gegensatz zu den „Erweckungen“ in Afrika und
Südamerika kümmerlich und apathisch bleiben, ist nichts anderes als die
Weigerung, den rabiaten Frauenhass, die rasende Homophobie und den
fanatischen Antisemitismus der Islamisten zu konfrontieren, die jeden
Tag in unzähligen Moscheen ein Podium und in den Migrantenvierteln
Europas einen Resonanzkörper haben, in der globalen Elendszone
Bastionen der unmittelbaren Gewalt errichten und in diesem Westen
größtes Verständnis, willfährige Bewunderer und schöne Subventionen
finden. Doch die Linke ist mehr daran interessiert, eine exponierte
Minderheit, die keine Batallione auf ihrer Seite hat, zu Volksfeinden
zu erklären.
Ein wesentlicher, verfolgungsauslösender Reiz ist das Muster der
Schwäche, das in die linken Verlautbarungen gegen das christliche
Unwesen einsickert. Hinter dem Popanz der christlichen Verschwörung
verbirgt sich das Wissen um die Machtlosigkeit der Fundamentalisten,
denen es nicht einmal gelingt, sich in der CDU Gehör zu verschaffen,
weswegen sie ja ihre skurrilen und aussichtslosen Bibelparteien
gegründet haben. Die Aussicht, mit reinem Gewissen eine von der
Volksgemeinschaft ungeliebte Gruppe terrorisieren zu können, ist es,
was die Werwölfe aus ihren Hinterhöfen lockt. Die Hardcore-Christen
werden dafür bestraft, weil sie die „Finsternis dieser Welt“
aussprechen und an ein Entkommen zu glauben nicht aufgeben. Ihr
falsches Beharren auf längst widerlegte und durchschaute Prinzipien wie
Liebe, Leben, Wahrheit usw. erregt den unwiderstehlichen Impuls, sie in
den Dreck zu tauchen, sie für die Anmaßung büßen zu lassen, ihnen
triumphierend zu beweisen, dass sie um nichts besser sind. Und, was für
das linke Ressentiment noch lohnender ist: Sie sind ein dankbares
Objekt für jakobinische Schrecken, eine moralisch einwandfreie
Gelegenheit, die wahnhaften Bedürfnisse, die trotz einer
oberflächlichen Integration der Ideologiekritik (oder vielmehr ihres
Jargons) fortbestehen, auszuleben.
Die Antisexist_innen zog es auch zum christlich-homophoben 6.
Internationalen Kongress für Psychotherapie und Seelsorge in Marburg
(1.000 Demonstranten). Unter der – ich mag es nicht mehr hinschreiben –
selbstverständlichen Einleitung „unser Protest ist vielfältig, kreativ
und erfolgreich!“ ruft eine Sprecherin des Protestbündnisses, Nora
Nebenberg: „Ein breites Spektrum von bundesweit politisch,
wissenschaftlich und gesellschaftlich aktiven Gruppen und
Einzelpersonen hat gezeigt, dass pseudowissenschaftliche,
diskriminierende Meinungen in öffentlichen Gebäuden nichts zu suchen
haben.“ [20] Die dümmliche Parole vom Faschismus, der keine Meinung,
sondern ein Verbrechen sei, wird in den Erklärungen des Bündnisses
weiter durchdekliniert: „sie lenken von ihren eigenen aggressiven Akten
der weltweiten Missionierung, ihrer politischen Einflussnahme und von
ihren eigenen Verbrechen ab (Ermordung von Abtreibungsärzten,
psychischer Druck auf Homosexuelle in ihren Homoheiler-Seminaren, ganz
zu Schweigen von dem gesellschaftlichen Druck und den weiterhin
bestehenden alltäglichen Diskriminierungen gegen Homosexuelle und gegen
Frauen, die abtreiben und sich patriarchaler Rollenbilder entziehen).“
[21] In der immer weitere Kreise ziehenden Anklageschrift ist als
erstes wieder die unfassbare Tatsache skandalisiert, dass religiöse
Menschen missionieren und Einfluss in der Politik suchen. Die Ermordung
von Abtreibungsärzten bezieht sich auf den im Mai 2009 in seiner Kirche
erschossenen Dr. Tiller, der erste Fall in den USA seit neun Jahren,
insgesamt der neunte Mord und tatsächlich ein Verbrechen, das bei
manchen Abtreibungsgegnern zwar hämische Schadenfreude, aber vor allem
massive Distanzierungen auslöste. Zum Vergleich sei an den öffentlichen
muslimischen Jubel, das Verteilen von Süßigkeiten bei Terroranschlägen
gegen die USA und Israel erinnert. Der Druck auf Homosexuelle in den
Homoheilerseminaren, die Dämonisierung all dessen, was außerhalb der
heterosexuell-monogam-genitalen Sexualität stattfindet, hat gewiss
unzählige Leben zerstört, auch im wörtlichen Sinn, nicht nur in den
gelegentlichen Schwulenmorden durch selbsternannte (auch meist nicht im
Namen ihrer Kirche auftretenden) Tugendwächter, sondern in noch viel
größerer Anzahl in Gestalt der „Selbstmorde“ von Menschen, die am
unerfüllbaren Anspruch der patriarchalen Ideologie scheitern. Nicht
wenige Freikirchen haben solche Leichen im Keller, wobei im nicht zu
leugnenden Unterschied zu islamischen Kollektiven zumindest ein
„Versagen“ der Gemeinde konstatiert werden kann und oft wird, in dem
Sinne, dass die Betroffenen nicht genug geliebt worden seien. Die
Ideologie wird deswegen meist nicht revidiert, und doch ist hier am
Unterschied zum Islam festzuhalten, der den Tod des unerwünschten
Elements nicht nur in Kauf nimmt, sondern geradezu feiert. Während die
Christen solche „Vorfälle“ beschämt unter den Teppich zu kehren suchen,
strömt zu den Hinrichtungen in Riad und Teheran alles freudig zusammen.
Die Vokabel „Verbrechen“ in Bezug auf die Homoheilung mag einen
berechtigten Abscheu ausdrücken, verkennt aber – wie das
antikatholische Tyrannosaurus-Schäfchen-Bild – die doppelbödige
Freiwilligkeit der Teilnehmer, die schließlich nicht gegen ihren Willen
therapiert werden können und nicht selten, wie z.B. beim
Ex-Gay-Movement, die Hauptakteure ihrer Diskriminierung sind. Bei
Kindern und unmündigen Jugendlichen aus christlichem Elternhaus, die
diesem Moralterror ausgesetzt werden, wäre Empörung sogar geradezu
gefordert. In konsequenter und den Antisexist_innen sehr unwillkommener
Anwendung dieses Gedankens müssten aber antisexistische Mahnwachen
nicht zuletzt in den islamisch geprägten Banlieus und vor ihren
Hinterhofmoscheen dauerkampieren, was bekanntlich nicht geschieht. Und
der Einfluss auf den patriarchalen Alltag sowie die Handhabung des §
218 durch eine Strömung, deren dezidierte Anhänger im günstigsten Fall
kein Prozent der deutschen Bevölkerung ausmachen, rechtfertigt es
nicht, ihnen die Schuld am nächst besten hinterher pfeifenden
Bauarbeiter oder diskriminierenden Schwulenhasser zuzuschieben.
Auf dieses weite, bunte etc. Spektrum kann man vor dem nächsten
iranischen Konsulat lange warten. Man hat es sogar tatsächlich getan
und ist meist enttäuscht worden: In den Demonstrationsaufrufen (z.B.
von Stop the Bomb) zur Wahl im Iran wurden wieder und wieder die
Unterdrückung, Folterung und Ermordung von Schwulen und nichtkonformen
Frauen angeprangert, in der Hoffnung, dass sich das aufgeklärte
deutsche Publikum anschließen würde. Bei den Solidemos blieben die
Iraner dennoch größtenteils unter sich. Wenn es hingegen darum geht,
den Einwohnern des Judenstaates eine Lektion zu erteilen, weil es dort
einen Schwulenmord (und – geflissentlich unterschlagen – eine
Solidaritätsdemonstration mit 70.000 Teilnehmern) gegeben hat, ist es
dem zahlreichen gender racket in Berlin eine mitzvah,
den Israelis „Homosexuality is not a crime – not even in Tel Aviv“ ins
Stammbuch zu schreiben. Zur Demo am 4.8.2009, die antizionistische
Redebeiträge propagierte und ein Fahnenverbot durchzusetzen versuchte,
fanden sich dementsprechend mehrere Hundert queerfeministisch bewegte
Israelkritiker ein. Antisemitismus, Christenfeindlichkeit und
Islamtoleranz sind Nahtstellen des unheilbar guten Gewissens der Linken
mit dem gesunden Volksempfinden, dem die raison d'état
scheinbar noch entgegensteht.
III.
Die verzweifelte Lage, in die weltweit Millionen Frauen aufgrund
restriktiver Abtreibungsgesetzgebung geraten, das Ausmaß an
materiellem, gesundheitlichem und seelischem Elend, das den in der
relativen Liberalität des Westens lebenden Frauen droht, wenn es der
Partei Bibeltreuer Christen oder der katholischen Zentrumspartei jemals
gelänge, hiesige Gesetze zu ändern, lässt das poppige lila Banner mit
dem eigentümlichen Spruch vom mir gehörenden Bauch heller erscheinen,
als es verdient.
Der bürgerliche Eigentumstitel auf die eigenen Fortpflanzungsorgane
muss gleichzeitig in kommunistischer Absicht kritisiert und gegen die
falschen Aufhebungen verteidigt werden, so, wie es mit dem Subjekt und
seiner Freiheit der Fall ist. Denn der Besitz des eigenen Körpers, das empowerment
der freien Bürgerin entsprechen der doppelten Freiheit des
Proletariers, die nie mehr, aber auch nicht weniger als ein
gespenstischer Aufschein der Emanzipation ist. Der Konkurrenzdruck in
diesem kapitalistischen Reich der Notwendigkeit befreit mit der Frau
den Uterus aus der Obhut Gottes und seiner patriarchalen Vertreter, um
ihn umso gründlicher den Geboten des Sachzwangs zu unterwerfen, die im
liberalen Ideal von der einsichtigen Bauchbesitzerin selbst befolgt
werden sollen. Der Unterschied zur vormodernen, gottergebenen
Serienschwangerschaft bis zum Tode im Kindsbett ergibt sich aus der
historischen Erschließung der Frau als variables Kapital, ihrem
Erscheinen als vertragsfähige Proletarierin und gleichzeitig als
„doppelter“ Arbeitskraftbehälter. Die individuelle Entscheidung für
oder gegen die Schwangerschaftsfortsetzung vollzieht sich als
Selbstverortung im prekären Bermudadreieck von Kontostand,
Beziehungslage und Zukunftsreserve, was die Forderung Sarah Diehls, zu
akzeptieren, dass eine Frau sich „einfach so“ zur Abtreibung
entschließen können soll, letztlich sabotiert. Die durch die Christen
ideologisch beklagte Lockerung der Abtreibungsgesetze im Zuge der
massiven Überflüssigwerdung von Arbeitskräften und der einschrumpfenden
Sozialhaushalte hat den Frauen nicht die Willensfreiheit, sondern die
Exekution der sozialen Diagnose in die Hand gegeben, die Freiheit als
Einsicht in die Notwendigkeit, über die die Waren produzierende
Gesellschaft nicht hinauskommen kann. Die Frage: Will ich jetzt ein
Kind? kann konsequent nicht gestellt werden, weil sie immer auch
lautet: Kann ich mir jetzt ein Kind ökonomisch und sozial leisten?
Wenn also auf der antisexistischen Demo ein Plakat mit dem Spruch: „Ich
entscheide, was in mir nisten darf“ hochgehalten wird, ist es wahr und
falsch zugleich, im Sinne Adornos, dass es bei den meisten Menschen
eine Unverschämtheit ist, wenn sie „Ich“ sagen. Und nur en passant
sei hier der ungewöhnliche Reichtum der deutschen Sprache an Verben
erwähnt, der es z.B. ermöglicht, mit dem wohl auf die Nidation [22]
anspielenden Wörtchen „nisten“ eine eindringlich enthumanisierende
Ungeziefermetapher abzusondern.
Sarah Diehls Aufsatz Schwangerschaftsabbruch gehört zum Leben dazu
vermeidet Fauxpas wie „nisten“, verwendet aber wiederholt das Bild vom
„unabhängig von der Mutter nicht lebensfähigen Zellhaufen“, in dem eine
Person oder Rechtsubjekt zu erblicken (nach Diehl: konstruieren) sich
schlicht verbiete, nicht aufgrund seiner eigenen Eigenschaften, sondern
der unleugbar frauenentmündigenden Implikation wegen: „Die Frage, was
es denn nun tatsächlich sei, was da vernichtet wird, ist nicht
abschließend zu beantworten. Alle Beurteilungen funktionieren nur durch
eine ideologische Brille. Gerade deshalb ist es wichtig, diese nicht
den Abtreibungsgegnern zu überlassen. Die technische Darstellbarkeit
des Fötus' im Uterus hat sich in den letzten Jahren enorm verbessert,
was es Abtreibungsgegnern sehr leicht macht, mit dessen Leben zu
argumentieren. Denn unabhängig davon, was in einem Fötus wann
funktioniert oder was eben nicht, sieht er bereits in einem sehr frühen
Stadion menschenähnlich aus, weshalb seine Darstellung leicht zu
populistischen Zwecken missbraucht werden kann und wird.“
Es ist also „abschließend nicht zu beantworten“, ab wann ein etwas
ein jemand wird, da es nur „ideologische Brillen“
gibt, der Fötus also kein Ding an sich ist, sondern eine im Krieg
zwischen Konstruktion (werdender Mensch) und Dekonstruktion
(ideologisiertes Geschwür) erst herzustellende Wahrheit. Dieser
taktische Umgang mit Sprache und Beobachtung steigert sich bis zur
verräterischen Warnung, sich nicht von der empirischen Wahrnehmung irre
machen zu lassen. Hier ist die Furcht vor der möglichen und alles
andere als bequemen Implikation selbst des geringsten Zugeständnisses
an die „Lebensschützer“ am Werk. Die Rede vom „Missbrauch zu
populistischen Zwecken“ ist ein klassisches „Haltet den Dieb!“, also
eine Projektion auf einen manipulativen Gegner, um sich die eigene
Projektionsleistung nicht bewusst machen zu müssen. Die die Frau
entmündigende Implikation durch das Evangelium vom werdenden Menschen in
utero spiegelt sich in der emanzipatorischen Rhetorik vom
Zellhaufen, hinter der sich nicht minder ideologische Interessen
anmelden, die über die Autonomie der betroffenen Frau hinausgehen.
„Die Institution der Heterosexualität bezieht ihre natürliche
Legitimation vor allem aus der zweigeschlechtlichen Reproduktion. Diese
zu unterlaufen, die gesellschaftliche Konstruktion von Mütterlichkeit
und Väterlichkeit zu hinterfragen und sich dem ‚natürlichen’ Schicksal
durch einen Schwangerschaftsabbruch zu verweigern, sind für die
Dekonstruktion der Kategorie Gender sehr hilfreiche Tools.“ Mit dem
Stichwort „hilfreiche Tools“ ist der Wille zur Instrumentalisierung des
Abtreibungskomplexes bekundet. Wie die Fundamentalisten in jeder
prekären Schwangeren eine kleine Marienerscheinung erblicken und im
Namen des „unschuldigen Kindes“ unter ihrem Herzen ihrem bisschen
Autonomie den Garaus machen wollen, so sehen die Popfeministinnen
Schwangerschaft prinzipiell als heteronormative Invasion, die
Ansammlung DNA als zu dekonstruierende Zumutung der Biologie. In diesem
Zusammenhang erhält auch der Titel des Sammelbandes zur Abtreibung, der
von Sarah Diehl herausgegeben wurde, eine Doppelbödigkeit der
schlechten Aufhebung – das Buch heißt Deproduktion.
In der Schwangerschaft manifestiert sich die nicht ganz aufzuhebende
Naturgeworfenheit, sie versinnbildlicht trotz Pille und Abtreibung die
Möglichkeit des Einbruchs der Biologie in die Biographie und kann unter
den gegebenen Verhältnissen nichts anderes als den Antagonismus von
erster und zweiter Natur darstellen, der sich mit variierenden
Vorzeichen auch in den Phänomenen des Pubertierens, Alterns,
Krankseins, Sterbens zeigt, also überall, wo der vermeintlich vollends
beherrschte Körper seinem „Eigentümer“ und der auf reibungslosen
Betrieb bedachten Gesellschaft gegenüber sich auf den Kopf stellt. All
diese das Subjekt kränkenden, es auf seinen Körper zurückwerfenden
Erscheinungen sind in menschlichen Gesellschaften mit mehr oder weniger
starken Tabus und Ritualen behaftet, die den Schutz des Betroffenen mit
der Macht des Kollektivs verhandeln. In der Waren produzierenden
Gesellschaft sind die Kategorien der Unproduktivität zudem Einfallstore
der Entmündigung. Nicht umsonst lassen sich manche Rentner Botox in die
abgearbeiteten, faltigen Gesichter spritzen, werden Krebsdiagnosen zu
streng gehüteten Familiengeheimnissen, sind Bewerbungsinterviews mit
jungen Frauen auch Sondierungsgespräche zur Fertilität.
Nicht zufällig sprechen die Fundamentalisten die Sorge aus, dass es
eine Verbindung zwischen der Verhinderung unerwünschter Geburten und
der Erleichterung des Sterbens überflüssig gewordener Menschen gibt.
Der ausdrückliche Vorwurf, unnütze Esser zu sein, wird nicht offen
ausgesprochen, sondern den Alten gesellschaftlich vermittelt und von
ihnen selbst gedacht. Dagegen richtet sich ein verbietendes „Du sollst
nicht“, das sich nicht rational, sondern nur noch religiös zu begründen
vermag. Von feministischer Seite gibt es meistens ob dieses Vergleichs
von Abtreibung und Euthanasie einen großen Aufschrei, der die leise
Ahnung übertönen soll, dass die blinden Hühner, die die Religiösen
sind, hier einmal ein Körnchen Kritik der instrumentellen Vernunft
gefunden haben. Bei beiden Vorgängen spielt das Element der
vermittelten Freiheit, die so genannte Entscheidung eine große Rolle.
Das Subjekt hat den lebensbeendenden Eingriff zu wollen und vor der
Autorität zu begründen, die als ethische Kommission dafür zuständig
ist, den unterstellten freien Willen zu bescheinigen und die
Gesellschaft, die in jeden Schritt des Entscheidungsprozesses
eingeflossen ist, beim letzten Schritt per Beratungsgespräch und
Patientenverfügung freizusprechen. Daher das hohle Ritual der
Gewissensprüfung, das in der Praxis auch nicht der Verhinderung der
Entscheidung dienen soll, sondern der Legitimierung eines Vorgangs,
dessen abstrakte Notwendigkeit - die Liquidierung des Überflüssigen –
sowohl vom antragstellenden Individuum als auch von der gleichzeitig
widerwillig das Gewaltmonopol räumenden und erleichtert den Vorgang
gewährenden Amtsstelle erkannt wird. Wenn „mein Bauch gehört mir“, also
mein formales Eigentum ist, gilt Artikel 14, Absatz 2 GG: „Eigentum
verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit
dienen.“
Sarah Diehl plaudert den unerwünschten Zusammenhang von Abtreibung und
Sterbehilfe ungewollt aus, wenn sie in ihrer berechtigten Klage über
die ideologische Reduktion von Frauen aufs Muttersein zusätzlich auf
die Zurichtung zur Pflegekraft hinweist: „Die Verantwortung für die
Konsequenzen dieses Managements [der Gebärfähigkeit; RK] wird allein
den Frauen überlassen. Das funktioniert nur, da gesellschaftliche
Aufgaben mit dem Kurzschluss einer durch das biologische Schicksal
bestimmten Bedeutung auf Frauen geschoben werden. Das passiert auf der
privaten wie öffentlichen Ebene: Frauen werden dabei zusätzlich die
ganzen restlichen Aufgaben der Fürsorge wie selbstverständlich
zugeschanzt, vom inkontinenten Opa bis zum unterbezahlten Pflegejob.
Die psychologische Zurichtung von Frauen zu sich selbst aufopfernden
Müttern kam bisher noch jedem Staat zugute.“ Gewiss werden diese
lästigen Pflichten im Übermaß auf Frauen abgewälzt. Worum es mir hier
geht, ist die „Lästigkeit“ der vom tendenziellen Fall der Profitrate
überflüssig Gemachten, die sich ein unreflektierter Feminismus so
bereitwillig zueigen macht. Der Fairness halber sei aber hinzugefügt,
dass Sarah Diehl hier wenigstens ein Problem sieht:
„Schwangerschaftsabbrüche gehören zu einem selbstbestimmten Leben.
Darüber hinaus stellt der Abbruch auch hinsichtlich des sozialen und
ökonomischen Drucks auf Frauen in unserer Gesellschaft eine
Notwendigkeit dar. Da unsere Gesellschaft dies ‚moralisch’ nicht
verkraften kann, prügelt sie mit Images von unschuldig dahin
gemetzelten Babys auf Frauen ein. Ob die weitgehende Ausklammerung
dieses Themas aus den öffentlichen Diskursen der letzten Jahre darin
begründet liegt, dass der Schwangerschaftsabbruch heterosexuelle Normen
der Arbeitsteilung in Frage stellt, oder welche Notwendigkeit er in
einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung darstellt, die das Leben
auf dessen Effizienz ausrichtet, das wäre dochmal ein begrüßenswertes
Thema für die Doktorarbeiten der nächsten Jahre.“
Das vermeintlich selbstbestimmte Leben ist ein ständiger Prozess der
Selbst- und Fremdzurichtung, der den Freiraum eines jeden
vertragsfähigen Subjekts in eine Werkstatt der Selbstveredelung
verwandelt. Das Subjekt hat ebenso wie die Ware die künftigen
Anforderungen eines mit variablem Kapital übersättigten Marktes
vorauszuahnen und muss dann mit sich selbst als Gebrauchswert den Salto
Mortale in die Tauschsphäre wagen. Kinderlosigkeit und Kinderkriegen
sind unter den gegebenen Verhältnissen lediglich variierende Pirouetten
des variablen Kapitals beim Sprung in den Markt und enthalten immer die
Möglichkeit der Bauchlandung. So wie einst in der Bibel das bittere
Schicksal der Unfruchtbaren damit beschrieben wurde, dass Gott – im
Hintergrund lauerte immer die Unterstellung einer verborgenen Sünde –
„ihren Schoß verschlossen“ hatte, gerät die moderne Bauchbesitzerin
unter den Willen des Marktes, den sie als ihren höheren Willen zu
integrieren hat, was gut daran sichtbar wird, dass sowohl die
Abtreibung als auch die Mutterschaft von den entsprechenden Ideologien
als unverzichtbare Bausteine des Glücks propagiert bzw. als ultimativer
Verrat an der je vorgezogenen Selbstverwirklichung denunziert werden.
Die bürgerliche Überwindung des auswendigen Pfaffen ist durch die
Installation des inwendigen erkauft, der im Namen eines hinter jedem
Schaufenster scheinbar nahen, doch unerreichbaren Glücks dem Subjekt
Tausend Versagungen abverlangt und dies auch noch als freie
Entscheidung hinstellt. Die Verantwortung fürs eigene Unglück – beim
vorliegenden Thema wären dies die Einsamkeit des Großstadtsingles und
die freiwillige Idiotie der Mutterschaft – trägt das zum
Entscheidungsträger erklärte Subjekt selbst, da die Gesellschaft die
anarchischen Parameter von Produktion und Reproduktion aufstellt,
jedoch die anstehenden Operationen im modernen Bett des Prokrustes [23]
und die damit verbundene, sich im Verlauf der bürgerlichen Biographie
anhäufende Schuld dem monadischen Nomaden auf dem Pursuit of
Happiness überlässt.
Das aufklärerische Ideal der Autonomie ist in seiner feministischen
Rezeption gleichzeitig ein Impuls zur Individualisierung und eine
Initiative zur Aufbesserung des weiblichen Tauschwerts. Wenn dieses
„rückläufige Moment der Aufklärung“, ihr Umschlagen in die
instrumentelle Vernunft nicht bewusst gemacht wird, wird der Wunsch
hintergangen, der entmündigenden Dialektik von Legehenne und
Arbeitsbiene zu entkommen.
Anmerkungen
[1] Joh 18,36: Mein Reich ist nicht von dieser Welt; 1
Petr 1.18: Ihr seid erlöst worden von eurem eitlen, von den Vätern
überlieferten Wandel; Hebr 13,13-14: Deshalb lasst uns zu ihm
(Christus) hinausgehen, außerhalb des Lagers, und seine Schmach tragen!
Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige
suchen wir.
[2] Mt 20,25: Ihr wisst, dass die Herrscher der Nationen sie
beherrschen und die Großen Gewalt gegen sie üben. Unter euch soll es
nicht so sein...
[3] Röm 13,1: Jede Seele unterwerfe sich den übergeordneten Mächten!
Denn es ist keine Staatsmacht außer von Gott, und die bestehenden sind
von Gott verordnet (hier sei die bemerkenswerte Tatsache erwähnt, dass
dieser Brief des Paulus ausgerechnet während der Regierungszeit Neros
unter scharfen Verfolgungen der Christen verfasst wurde).
[4] Zumindest von denjenigen, die nicht den Wahrheitsanspruch der Bibel
preisgegeben haben, namentlich die Evangelikalen.
[5] Jes 58,8: Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure
Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR.
[6] Die „Drei-Selbst-Kirche“ ist die staatlich zugelassene Organisation
des Protestantismus in China, die unter anderem effektiv auf jedwede
Missionstätigkeit verzichten muss. Ihr steht eine schwer
einzuschätzende Anzahl von unregistrierten „Hauskirchen“ gegenüber, die
trotz massiver Verfolgung auf 50-60 Millionen Mitglieder angewachsen
sind.
[7] http://www.heiligenlexikon.de/BiographienE/Edith_Stein.html
[8] Zum Beispiel in einer Rede Falwells von 2002: “It is my
belief that the Bible Belt in America is Israel's only safety belt
right now.”
[9] Siehe die Studien zum autoritären Charakter.
[10] Aus dem Brief des Paulus an die Römer, in dem vom „Fall“, der
„Verwerfung“ des ungehorsamen Israel die Rede ist, haben die großen
Kirchen – in geflissentlicher Ignoranz der Passagen, die die künftige
Rettung Israels verheißen – sich selbst als das „neue Zion“ gesetzt.
Die Freikirchen haben sich jedoch größtenteils der Auslegung
angeschlossen, die bisherige „Ungläubigkeit“ Israels sei eine offene
Klammer, die Zeit zur Missionierung und Errettung der Nichtjuden
schaffe, und die mit der Bekehrung des „Überrestes“ der Juden
apokalyptisch geschlossen wird: Das Ende der mit Golgatha begonnenen
Gnadenzeit und der Beginn der apokalyptischen „Wehen“. Dies macht
Gruppen wie die Jews for Jesus für ihre christlichen Unterstützer so
interessant – sie kündigen das Schließen der historischen Klammer an.
[11] Terz für Juli/August 2005 bzw. http://www.terz.org/terz_archiv_07_05.html.
[12] Sarah Diehl, Der Schwangerschaftsabbruch gehört zum Leben dazu
(http://www.copyriot.com/diskus/07-2/pdf/d07-2_leben.pdf).
[13] http://de.indymedia.org/2008/05/215175.shtml.
[14] Die glatte Zahl ist durch großzügiges Aufrunden und der Annahme
einer durch nichts nachgewiesenen Quote von 1:1 zwischen legalen und
illegalen Abtreibungen entstanden; dennoch unappetitlicher als die
Instrumentalisierung der Föten ist das interessierte und verräterische
Feilschen um ihre Menge.
[15] Obschon Günter Annen, der Betreiber der mittlerweile
gerichtsnotorischen Website babycaust.de in Berlin vorneweg
mitmarschierte.
[16] „Ihr wart wunderbar“ unter http://no218nofundis.wordpress.com/2009/09/26/kreuze-in-der-spree.
[17] http://www.youtube.com/watch?v=xUJMhKB96SY.
[18] http://www.flickr.com/photos/mikaelzellmann/sets/72157622459370462.
[19] Heidegger bejaht den Tod noch radikaler, er nimmt ihn nicht nur in
Kauf, sondern eilt ihm entgegen: „Das Vorlaufen aber weicht der
Unüberholbarkeit nicht aus wie das uneigentliche Sein zum Tode, sondern
gibt sich frei für sie. Das vorlaufende Freiwerden für den eigenen Tod
befreit von der Verlorenheit in die zufällig sich andrängenden
Möglichkeiten, so zwar, daß es die faktischen Möglichkeiten, die der
unüberholbaren vorgelagert sind, allererst eigentlich verstehen und
wählen läßt. Das Vorlaufen erschließt der Existenz als äußerste
Möglichkeit die Selbstaufgabe und zerbricht so jede Versteifung auf die
je erreichte Existenz. (Heidegger, Sein und Zeit, S. 264)“
In der etwas weniger stahlgewittrigen Rezeption, für die der
nachfolgende Auszug des Heidegger-Artikels bei Wikipedia
stehen mag, lässt sich die praktische (Selbst-)anwendung der
Todesumarmung als Entrée der Authentizität erkennen, die beinahe
vermuten lässt, Sarah Diehl hätte hier ihre Inspiration gefunden: „Das
Vorlaufen zum Tod wird so zum Ausgangspunkt für ein selbstbestimmtes,
authentisches und intensives - in Heideggers Worten - eigentliches
Leben, das sich nicht von der Verfallenheit an das
alltäglich-gesellschaftliche ‚Man' bestimmen und leben lässt.
(Wikipedia)“
[20] http://noplace.blogsport.de/2009/05/21/8-pressemitteilung.
[21] http://noplace.blogsport.de/2009/07/21/verfolgungswahn-rechtskonservativer-christen.
[22] „Die Nidation (Einnistung, nach lat. nidus, Nest) [...] ist die
Einnistung der befruchteten Eizelle im Stadium der Blastozyste in die
Gebärmutterschleimhaut. Die Nidation beginnt beim Menschen zwischen dem
5. und 6. Tag nach der Befruchtung der Eizelle.“ Quelle: Wikipedia.
[23] Aus Diodôros Sikeliôtês (Diodorus Siculus), Bibliothêkê historikê
(Weltgeschichte), Buch 4, Kapitel 59: „Hiernach tötete er [d.i.
Theseus; RK] den Prokrustes, wie er genannt wurde, der am als
Korydallos bekannten Ort in Attika lebte; dieser Mann zwang die
Vorbeireisenden dazu, sich auf ein Bett zu lagern, und wenn sie zu lang
für das Bett waren, schnitt er ihnen die herausragenden Glieder ab,
während er im Falle, dass sie zu kurz dafür waren, er ihnen die Beine
streckte (prokrouein), was der Grund war, dass man ihm den Namen
Prokrustes gab.“
Verwendete und empfohlene Literatur bzw. Medien:
Adorno, Theodor W., Studien zum autoritären
Charakter, Frankfurt/M 1973.
Darin befindet sich eine Analyse der demagogischen Rhetorik
der antisemitischen Prediger Martin Luther Thomas (ev.) und Charles
Coughlin (kath.).
Die Bibel. Revidierte Elberfelder Ausgabe,
Wuppertal 1985.
Die präziseste, wenngleich unglatte, von den meisten
Freikirchen anerkannte Übersetzung aus dem Grundtext
Diodor's von Sicilien Historische Bibliothek. Übersetzt von
Julius Friedrich Wurm, Stuttgart 1831.
Auch Online unter http://www.google.de/books?id=wtcMAAAAYAAJ&printsec=frontcover&source=gbs
_v2_summary_r&cad=0.
Eismann, Sonja (Hrsg.). Hot Topic. Popfeminismus heute,
Mainz 2007.
Darin ist die längere Fassung des Artikels Sarah Diehls Schwangerschaftsabbruch
gehört zum Leben dazu enthalten.
Ewing, Heidi/Grady, Rachel, Jesus Camp, Magnolia Pictures,
2006.
Philips, Kevin, American Theocracy: The Peril and Politics of
Radical Religion, Oil, and Borrowed Money in the 21stCentury, New
York, 2006.
Die christliche Erweckung in den USA als Wiederkehr und
Erweiterung des Old South.
Shakespeare, William, König Richard der Dritte,
Leipzig 1971.
Yun, Dan, Lilies Among Thorns, Tonbridge Kent, England, 1991.
Eine unter Lebensgefahr zusammengetragene Darstellung der
Christenverfolgung in China aus fundamentalistischer Sicht – die
zahlreichen, surrealen Wunder- und Heilungsberichte, die nicht zuletzt
auch die katastrophale Gesundheitsversorgung in der chinesischen
Provinz dokumentieren, werden durch erschütternde „Märtyrerzeugnisse“
kontrastiert.
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