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Der folgende Text soll Auftakt für eine
Debatte über den kritischen bzw. unkritischen Gehalt des Werkes von
Friedrich Engels darstellen. Anlass für diese Auseinandersetzung ist
die wiederholt von Vertretern der "Neuen Marx-Lektüre" vorgetragene
Behauptung, Engels habe Marx' Werk grundsätzlich verfälscht und sei der
Hauptverantwortliche für den "wissenschaftlichen Sozialismus". Die
Redaktion ist der Ansicht, dass man Engels mit dieser Schuldzuweisung
nicht gerecht wird und dass die absolute Trennung zwischen Marx' Kritik
und Engels' Theorie von Seiten der NML eine Abspaltung darstellt,
welche die eigene unkritische Wissenschaftlichkeit auf Engels
projiziert, um sich dem unauflöslichen Zusammenhang von Kritik und
Revolte nicht stellen zu müssen. In der nächsten Ausgabe wird es also
eine Entgegnung bzw. Ergänzung des folgenden Artikels geben. Weitere
kritische Beiträge zur Debatte sind ausdrücklich erwünscht. Die
Redakion wartet auf Einsendungen.
Die Redaktion |
Dialektik und Wissenschaft bei Engels
LUIS LIENDO ESPINOZA
„Alles, was im Bereich der Menschengeschichte wirklich ist,
wird mit der Zeit unvernünftig, ist also schon seiner Bestimmung nach
unvernünftig, ist von vornherein mit Unvernünftigkeit behaftet; und
alles, was in den Köpfen der Menschen vernünftig ist, ist bestimmt,
wirklich zu werden“
Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der
klassischen deutschen Philosophie
Folgende Ausführungen verstehen sich als Momentaufnahme einer noch
lange nicht abgeschlossenen Auseinandersetzung mit dem Begriff der
Dialektik. Ein Grundgedanke dieses Unternehmens bildet die
Notwendigkeit, die Reduktion der Dialektik auf Methode und Theorie der
Kritik zu unterziehen und ferner die Aussicht, den Beitrag der
Dialektik an der Kritik der Gesellschaft näher bestimmen zu können. An
Engels Konzeption der Dialektik wird harte Kritik geübt, doch es sei
daran erinnert, dass diese Kritik kein abschließendes Urteil über
Engels' Bedeutung für den Kommunismus abzugeben vermag, sondern sich in
erster Linie auf den Gehalt seiner Schriften bezieht.
Ungeachtet der Versicherungen des Marxismus bzw. des
Marxismus-Leninismus, der Dialektische Materialismus
sei originäres Produkt des Marxschen Werkes, waren es Engels
Darstellungen der Dialektik in Anti-Dühring, Ludwig
Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie
und in der nach Engels Tod herausgegebenen Dialektik der
Natur, welche bis ins Detail die Vorstellung von Dialektik
prägten. Ingo Elbe spricht daher von einem Engelsismus (Elbe 2001,
2006, 2007) [1] als den eigentlichen Kern der nach Marx benannten
Weltanschauung. Die Schwäche dieser Bezeichnung liegt allerdings in der
Personalisierung des Gegenstandes der Kritik. Die Regression der Kritik
zur Wissenschaft war keine alleinige Kopfgeburt Engels. Dessen
halsbrecherische Verkürzungen im Anti-Dühring waren
Marx bekannt und blieben ohne ernsthaften Widerspruch. Die
Kanonisierung der Schriften Engels durch die Arbeiterbewegung ist
dieser selbst anzulasten. Darüber hinaus reproduziert die wissenschaftliche,
positive Kritik des Engelsismus, für die Elbe stellvertretend erwähnt
sei, das quasi-ontologische Bedürfnis nach Definition und Ordnung. Die
Engelssche Weltanschauung wird allein mit dem Ziel der Rekonstruktion
einer angeblich kritischen Marxschen Theorie hinterfragt. Diese Tendenz
der Neuen Marx-Lektüre bleibt der Tradition des
Marxismus verhaftet, will allein Theorie erneuern und ist daher
unkritisch. Der Materialismus jedoch soll nicht erklären und
Verständnis erheischen, sondern „beruht auf der schärfsten Kritik der
bestehenden Gesellschaft, Kritik ist [sein] Lebenselement“. [2]
Tatsächlich fußt Engels Konzeption der Dialektik auf zwei
folgenschweren Voraussetzungen. Einmal ist Engels Fassung
der Dialektik in all ihren Erscheinungen vom bürgerlichen Begriff der
Wissenschaft [3], d.h. einer instrumentellen Auffassung von Vernunft
durchdrungen. Zweitens und im diametralen Gegensatz zu der in
Anspruch genommenen wissenschaftlichen Vorgehensweise und Engels
Beteuerungen sind seine Ausführungen von einer kaum nachvollziehbaren
Gleichgültigkeit gegenüber der Hegelschen Philosophie geprägt.
Hatte bereits Marx von „Bewegungsformen“ (Marx 1983, S. 12) der
Dialektik gesprochen und in Die deutsche Ideologie
gemeinsam mit Engels Ansätze der wissenschaftlichen Anschauung
verfasst, so versteifte sich Engels darauf, diese und andere Verweise
und Anmerkungen aus Marx’ Werk in die Konstruktion einer systematischen
Wissenschaft zu zwängen. Das in sich widersprüchliche und
fragmentarische Werk Marx’ sollte dem Brauch der sich gerade
formierenden Sozialwissenschaften entsprechend in das Verhältnis von
(empirischem) Gegenstand und Methode gebracht werden. Die historischen
und empirischen Momente in Marx’ Arbeiten galten dementsprechend als
Forschungsmaterial, seine kritischen Einsichten wären Ergebnis der
positiven Anwendung einer wissenschaftlichen Methode.
Hatten sich Marx und zum Teil auch Engels immer wieder dagegen
gesträubt, die als „materialistische Auffassung“ (AD, S. 10) bekannten
kritischen Annahmen über Gesellschaft zu einem umfassenden Weltbild zu
erklären, so führte Engels Konzeption der Dialektik genau in diese
Sackgasse, indem er quasi-universelle „dialektische Bewegungsgesetze“
attestierte, welche er in der Natur, in der Geschichte und auch in der
„Entwicklungsgeschichte des menschlichen Denkens“ (Ebd., S.11)
identifizierte. Engels Konzeption der Dialektik (die Marx in die Schuhe
geschoben wurde) war so gesehen gleichbedeutend mit einem fundamentalen
wissenschaftlichen Paradigmenwechsel, der alle relevanten Gebiete
wissenschaftlichen Forschens betraf.
Mit anderen Worten: Wissenschaft wurde hier nicht grundsätzlich
kritisiert, sondern der bürgerlichen Wissenschaft allein der überragende
wissenschaftliche Sozialismus entgegengestellt. [4]
Die wissenschaftliche Methode, für die Engels auch bei Marx
genügend Ansatzpunkte finden konnte, wurde Schritt für Schritt zu einem
treibenden Element für die Transformation von Marx’ Kritik in
Ideologie. Der Anspruch des wissenschaftlichen Sozialismus auf einen
Platz unter den etablierten Wissenschaften wurde mit dem Verweis auf
dessen Erklärungs-, letztlich Manipulationspotenz unterstrichen. Die
dunklen Flecken der Sozialwissenschaften sollten durch die „Entdeckung“
der „materialistische[n] Geschichtsauffassung“ erhellt werden. Die
„Enthüllung des Geheimnisses der kapitalistischen Produktion“ versprach
die sachliche Auflösung der Krise des Kapitals. „Mit ihnen wurde der
Sozialismus eine Wissenschaft“. (Ebd., S. 26)
Engels' Analogie einer angeblichen Dialektik der Natur mit einer
Dialektik der Geschichte und des Denkens fußte auf der nur
abenteuerlich zu nennenden Reduktion der Hegelschen Dialektik auf
einige wenige „Bewegungsgesetze“, die nach seinen Worten allein „in
ihrer ganzen Einfachheit und Allgemeingültigkeit klar zur Bewußtheit zu
bringen“ (Ebd., S. 11) waren.
Die Komplexität und Vielschichtigkeit der Dialektik Hegels wurde von
Engels konsequent ignoriert. Hegels Subjekt-Objekt Dialektik, welche
die Schranken seiner idealistischen Konzeption transzendierte und die
Unwahrheit der Trennung von Gegenstand und Geist offen legte, wurde der
berüchtigten Umstülpung geopfert, um Dialektik von
ihrem nicht verwertbaren erkenntnistheoretischen und -kritischen
Ballast – dem „philosophische[n] Kram“ (DdN, S. 203) - zu befreien. Der
ideologiekritische Kulminationspunkt der Marxschen Kritik der
politischen Ökonomie - die Wertformanalyse – ist ohne Hegels
Objektivität des Begriffs undenkbar. Dessen Idealismus war ein Angriff
gegen die Tendenz der positiven Wissenschaften, den Geist mangels
Verwertbarkeit und Identitätsnachweis allein als Mittel zur Umsetzung
von Gebrauchsanleitungen zu bestimmen. Bewusstsein wäre nicht allein
als Produkt zu begreifen, dass aus gesellschaftlichen Verhältnissen
abzuleiten wäre, sondern als originäres Moment
gesellschaftlicher Objektivität selbst. Marx gegen Hegel gerichtete
Forderung, „die eigentümliche Logik des eigentümlichen Gegenstandes“
(MEW 1, S. 296) zu fassen, verteidigte Hegels Errungenschaft gegen
dessen eigene Tendenz zur Schematisierung.
Dagegen wird der Begriff von Engels zugunsten eines
bornierten Empirismus, der Degradierung des Geistes, aufgegeben. Die
Philosophie wurde brachial auf das einseitige Verhältnis von „Ding“ und
„Idee“ zurechtgestutzt. Der Gedanke sollte sich seinen Wert durch
realitätsgerechte Entsprechung oder Abbildung des Gegenstandes, d.h.
der verdinglichten gesellschaftlichen Verhältnisse, verdienen.
Philosophie als „Theorie der Denkgesetze“ war vor allem „für die
praktische Anwendung des Denkens auf empirischem Gebiete von
Wichtigkeit“. (Ebd., S. 32) Begriffe hatten bei Engels keine eigene
Qualität, sondern waren allein „abstrakte Abbilder der wirklichen Dinge
und Vorgänge“. (AD, S. 23) Es gelte von den „gegebenen Tatsachen“
[5] (DdN, S. 36) auszugehen. „Die Natur ist die Probe auf die
Dialektik“. (AD, S. 22)
Das erkenntniskritische und aufklärerische Moment der Hegelschen
Dialektik, die „Selbstentwicklung des Begriffs“, galt Engels als
„unbrauchbar“. Diese „galt es zu beseitigen“. In grausamer Ironie
verkannte sich diese brutale intellektuelle Selbstverstümmelung in der
Anfangszeit des Kommunismus als Überwindung oder Aufhebung einer
„ideologische[n] Verkehrung“. Die berühmte Formel, man hätte Hegel „vom
Kopf […] wieder auf die Füße gestellt“, die von Generationen von
Marxisten nachgebetet wurde, bedeutete einer kritischen Philosophie
ihre Flügel zu brechen und sie auf dem Boden der Tatsachen,
i.e. der identischen Bezeichnung, der konformen Vermittlung zu zwingen.
Die „revolutionäre Seite“ Hegels erkannte man nicht in seiner
immanenten Forderung nach kritischer Reflexion und der bestimmten
Negation der Fesseln des gemeinen Verstandes, sondern in einer
angeblichen „dialektischen Methode“, (LF, S. 636) welche losgelöst von
ihren Bestimmungen besinnungslos als Konstatierung von Entwicklung und
Bewegung definiert wurde.
Wo Engels einmal tatsächlich Hegels Intention erkannte, schien er diese
nicht zu begreifen. „Die Wahrheit“, sei bei Hegel, so Engels, nicht
eine „Sammlung fertiger dogmatischer Sätze“, sondern der „Prozeß des
Erkennens selbst“. Blind gegen diese Eingebung reduziert Engels diesen
Prozess wieder auf Geschichte und Kontinuität, auf den Aufstieg „von
den niedern zu immer höhern Stufen“. (Ebd., S. 614) „Damit reduzierte
sich die Dialektik auf die Wissenschaft von den allgemeinen Gesetzen
der Bewegung.“ (Ebd., S. 636) Die Dialektik des Begriffs war hier nicht
einmal mehr der Schatten ihrer selbst, sondern bloßes Abbild angeblich
universeller Naturgesetze. [6] Integralrechnung, die Veränderung des
Aggregatszustands, Ablagerungen der Gesteinsformationen oder die
Himmelsmechanik galten Engels als Beispiele derselben. Während Hegel
eines naiven Schematismus bezichtigt wurde, der „die dialektische
Gesetze in die Natur hineinzukonstruieren“ (AD, S. 12) suchte, meinte
Engels „die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und
Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des
Denkens“ (Ebd., S. 132) zu ergründen.
Die Reduktion der Dialektik durch Engels auf Bewegungsgesetze
bedeutete, die Degradierung des Materialismus zu einer instrumentellen
Vernunft. Die „ganze Herrschaft“ über die Natur bestand nach Engels
darin, „ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können.“ (DdN, S.
174) Das Gesetz garantierte getreu dem bürgerlichen
Verständnis die Beherrschung der chaotischen Natur durch die Macht des
Wissens. Dieses Verhältnis zur Vernunft beschränkte sich nicht auf das
Gebiet der Naturwissenschaft, sondern wurde konstitutiv für die
Vorstellung von Vernunft überhaupt bzw. die Beziehung von Körper und
Geist. Nicht allein Natur, auch „Menschengeschichte“ oder die „geistige
Tätigkeit“ galt es „der denkenden Betrachtung [zu] unterwerfen“. (EdS,
S. 428) Wissen war ein Werkzeug zur Manipulation und Dialektik nur eine
moderne, ausgefeilte „Erklärungsmethode“. (DdN, S. 33)
Wo Hegel anhand der Bestimmungen des Begriffs die unzähligen
Vermittlungen, die Verschlungenheit, den Reichtum und die Grenzen der
Vernunft aufzuschlüsseln versuchte, spricht Engels von der Dialektik
als der „einfache[n] Tatsache, dass die Menschen vor allen Dingen
zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik,
Wissenschaft, Kunst, Religion usw. treiben können“. (BvM,
S. 453) Die einfache Tatsache der sinnlosen
Not der Menschen wurde schließlich das dankbare Material, an dem sich
die halluzinierte Überlegenheit der Dialektik als Methode, als
Allheilmittel zur optimalen Akkumulation und Verwertung des Wissens
beweisen konnte. Die praxisorientierte Züchtigung des Geistes war und
ist Moment der wahnhaften Konstitution des bürgerlichen Subjekts.
Theorie ist eine ideologische Form, um die allgemeine Zurichtung und
krisenhafte Diffusion der Subjekte zu rationalisieren. Die allseitige
Gleichgültigkeit und Apathie der Subjekte ist die Basis für Ideologie
und die folgenden Technokraten des Marxismus verstanden es, den Massen
die Überlegenheit des wissenschaftlichen Sozialismus buchstäblich
einzuhämmern. Die Gleichgültigkeit gegen den Geist schlug bereits unter
Lenin und konsequent unter Stalin in Gewalt gegen den Einzelnen
um.
Der Versuch, eine kritische Bestimmung der Dialektik zu erarbeiten,
scheiterte (dies gilt auch für Lukács) an der gesellschaftlichen
Dialektik der Aufklärung; an der Kapitulation vor der
gesellschaftlichen Tendenz, Kritik verwertungsfähig zu gestalten, ihre
Kommensurabilität mit Theorie beweisen zu müssen. Um Anerkennung und
Applaus zu ernten, galt es den Gedanken in die herrschende Denkform zu
bannen. In der verkehrten Welt galt schließlich die intellektuelle
Selbstaufgabe und solipsistische Isolation des Denkens als
realitätsgerecht. Die Simulation von Handlichkeit und Plausibilität,
die Beschwörung der Verwertungsfähigkeit wies den Gedanken als Wissen
aus und die Wissenschaft war der offizielle Titel zur Verwaltung,
Manipulation und Kontrolle dieses Wissens. Das Moment der Befreiung und
der Reflexion wurde schließlich im wissenschaftlichen Sozialismus der
Methode als äußerer Zweck angeheftet.
In der Wertformanalyse hatte Marx bereits eine fundamentale Kritik an
der damals modernsten Sozialwissenschaft, der politischen Ökonomie,
geleistet. In Auseinandersetzung mit deren Kategorien wurde das Kapital
als paradoxe, irrationale Form gesellschaftlicher Vermittlung und
Ideologie als entsprechende, zwanghafte Denkform der Rationalisierung
dieses Unwesens bestimmt. Diese Kritik des Kapitals
wurde jedoch geflissentlich ignoriert bzw. das Heilige Buch der
Arbeiterbewegung kaum rezipiert. Der kritische Gehalt des Kapitals
wurde in den unzähligen Versuchen, die Kritik vermittlungsfähig zu
machen, und mit der autoritären Verehrung für Marx und Engels
neutralisiert. Marx war sich des kritischen und antitheoretischen
Gehalts des Kapitals entweder nicht vollständig bewusst oder
konnte, aus welchen Gründen auch immer, Engels nicht bestimmt genug auf
diesen hinweisen. Engels wiederum erlag den Schmeicheleien der Führer
der Arbeiterbewegung und reproduzierte allen Distanzierungen zum Trotz
den Schein systematischer Wissenschaft. Sein Werk lag darin, die
„negative Kritik“ und „Polemik“ nun „positiv“ werden zu lassen und eine
systematische „Darstellung“ der „dialektischen Methode“ und
„kommunistischen Weltanschauung“ zu geben. (AD, S. 8) Die Unsicherheit
Engels' wurde in der wiederholten Beteuerung ersichtlich, Methode und
Weltanschauung seien „zum weitaus größeren Teil von Marx begründet und
entwickelt“ worden und nur „zum geringsten Teil“ von Engels selbst.
(Ebd., S. 9) [7] Tatsächlich verhielt es sich genau umgekehrt, denn
jene waren in dieser Form seine eigenen Kreationen.
Ungeachtet aller Lippenbekenntnisse wurde Hegel zum toten Hund erklärt.
Im Anti-Dühring gab Engels vor, Hegel gegen Dühring
zu verteidigen. Doch dessen zentrale Begriffe und deren Gehalt schienen
keiner ernsthaften Auseinandersetzung wert. Im gleichen Atemzug wurde
Hegels Werk als „kolossale Fehlgeburt“ tituliert, welche „an einem
unheilbaren, innern Widerspruch“ (Ebd., S. 23) litte. Gegenüber dem
Sträuben der Hegelschen Dialektik, sich dem gemeinen Verstand
anzudienen, wurde die praktische Macht der „neuen Weltanschauung“ (LF,
S. 611) gepriesen:
„Die historische Theorie von Marx ist nach meiner Meinung
Grundbedingung jeder zusammenhängenden und konsequenten
revolutionären Taktik; um diese Taktik zu finden, braucht man nur die
Theorie auf die ökonomischen und politischen Bedingungen des
betreffenden Landes anzuwenden.“ (AB, S. 458)
Die Nötigung zum selbstständigen Denken, wozu die Philosophie Hegels
herausforderte, war nun theoretisch umschifft. Die "äußerst
geheimnisvoll aussehenden dialektischen Gesetze“ wurden "sofort einfach
und sonnenklar“. (DdN, S. 52) Revolution war keine Frage der Mündigkeit
der Individuen, sondern nur Problem der Anwendung
und des Verstehens der richtigen Theorie. [8]
Hier und da schien Engels allerdings der Gehalt der Kritik zu dämmern.
Ihre Aufgabe sei es „nicht mehr, ein möglichst vollkommenes System der
Gesellschaft zu verfertigen“. (EdS, S. 434) Engels kritisierte die
„empirische Verachtung der Dialektik“ (DdN, S. 49) [9] und relativierte
in seinen späten Briefen den Einfluss der ökonomischen
Basis. [10] Die materialistische Auffassung gelte es „vor allem
[als] eine Anleitung beim Studium“, nicht als „fertige Schablone“ (AB,
S. 501, 498) zu begreifen. Der Materialismus müsste davor bewahrt
werden, in „eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase“ (Ebd., S.
502) umzuschlagen. Doch diese und andere Hinweise wurden von seinen
eigenen zentralen Thesen konterkariert, welche darauf hinausliefen, die
Kritik der Gesellschaft zu einem Problem der richtigen Anschauung zu
entschärfen und die Kritik in umfassende Wissenschaft umzumodeln.
Sprach Marx noch davon, die „Verhältnisse […] zum Tanzen zu zwingen“
(MEW 1, S. 381), so hieß es bei Engels im Jargon der
(Sozial)wissenschaft:
„Eine exakte Darstellung des Weltganzen, seiner Entwicklung
und der der Menschheit sowie des Spiegelbildes dieser Entwicklung in
den Köpfen der Menschen, kann also nur auf dialektischem Wege, mit
steter Beachtung der allgemeinen Wechselwirkungen des Werdens und
Vergehens, der fort- oder rückschreitenden Änderungen zustande kommen.“
(EdS, S. 431)
Als „positive Wissenschaft“, die sich nicht länger mit der notwendig
destruktiven Kritik einer absurden und gänzlich unfassbaren Form der
Vergesellschaftung aufhielt, war Kritik massen-, d.h. politiktauglich
geworden. Sie vermittelte nun „positive Kenntnisse“ (AD, S. 34) zur
Rationalisierung einer verkehrten Welt. Im Zentrum der geistigen
Anstrengung stand nicht mehr der Versuch, mit der „Waffe der Kritik“
(MEW 1, S. 385) die Negation des Individuums zu bekämpfen, sondern
diese wissenschaftlich zu erklären. Der praktische
Kampf wurde den Parteistrategen und roten Heerführern überlassen. Der
Niedergang der Kritik bedeutete Moral, Sinnstiftung für die Massen,
Theorie für die Führer. Damit fiel der erste und folgenschwere Streich
gegen das kommunistische Projekt der Befreiung tatsächlich durch die
Hand der Akteure dieses Projekts selbst.
„Denn was jeder will, wird von jedem anderen verhindert, und
was herauskommt, ist etwas, das keiner gewollt hat.“ (AB, S. 503)
Anmerkungen:
[1] Arnold Künzli sprach bereits 1965 vom Engelsismus:
„Engels hat den 'prophetischen' Gehalt des Marxschen Werks
philosophisch dogmatisiert und dabei teilweise verzerrt. Es bleibt eine
Aufgabe der Marxismus-Forschung zu untersuchen, wie weit das, was man
heute allgemein Marxismus nennt, nicht in Wahrheit ein »Engelsismus«
ist.“ (Künzli 1966, S. 18).
[2] Friedrich Engels zit. n. Kliem 1977, S. 565.
[3] Dies ist eine Tautologie, da der Begriff der Wissenschaft
eo ipso Produkt bürgerlicher Ideologie ist. Dies
widerspricht in keiner Weise dem Wahrheitsgehalt einzelner Resultate
von Wissenschaft.
[4] Auch Hegel versuchte die positiven Wissenschaften einer
Wissenschaft der Logik unterzuordnen. Im Gegensatz zu den Verkürzungen
und Verflachungen des Dialektischen Materialismus basierte die Wissenschaft
der Logik auf einer enzyklopädischen Kritik der gemeinen
Wissenschaft bzw. Philosophie. Die Marxsche Dialektik der Wertform fußt
dementsprechend auf der Kritik der Wissenschaft der politischen
Ökonomie. Sie blieb bis Lukács’Geschichte und Klassenbewusstsein
Engels und den Marxisten gänzlich verborgen.
[5] Engels setzt Tatsachen kursiv, dennoch unterliegt er
schließlich der ideologischen Trennung des Gegenstandes der
Erkenntnis vom Prozess des Erkennens und dem erkennenden Subjekt.
[6] „Die Dialektik, die sog. objektive, herrscht in der
ganzen Natur, und die sog. subjektive Dialektik, das dialektische
Denken, ist nur Reflex der in der Natur sich überall geltend machenden
Bewegung in Gesetzen“. (DdN, S. 204) Der phantastische dialektische
Wurm: „Dagegen ein Wurm, durchschnitten, behält am positiven Pol den
aufnehmenden Mund und bildet am andern Ende einen neuen negativen Pol
mit ausscheidendem After; aber der alte negative Pol (After) wird jetzt
positiv, wird Mund, und ein neuer After oder negativer Pol am Wundende
gebildet. Voilà Umschlagen des Positiven ins Negative.“ (Ebd., S. 209)
[7] Vgl. auch EdS, S. 635, Anm. 1
[8] Symptomatisch dafür Karl Kautsky führender Funktionär der SPD: Erst
„seit dem Engelsschen »Anti-Dühring« begannen wir tiefer in die
marxistische Denkweise einzudringen, systematisch marxistisch zu denken
und zu arbeiten. Erst von da an datiert der Anfang einer marxistischen
Schule.“ (Kautsky, zit. n. Kliem 1977, S. 513)
[9] Im Vorwort zur 2. Auflage des Anti-Dühring scheint Engels seine
Degradierung des Begriffs etwas entschärfen zu wollen. Die
Naturwissenschaften sollten daran erinnert werden, „daß aber die Kunst,
mit Begriffen zu operieren, nicht eingeboren und auch nicht mit dem
gewöhnlichen Alltagsbewußtsein gegeben ist, sondern wirkliches Denken
erfordert“. (AD, S. 14) In der Alten Vorrede zum „[Anti-]
Dühring". Über die Dialektik wird die empirische Tendenz
relativiert. Über die Arbeit der Naturwissenschaft, die
„Erkenntnisgebiete unter sich in den richtigen Zusammenhang zu
bringen“, heißt es: „Damit begibt sich die Naturwissenschaft aber auf
das theoretische Gebiet, und hier versagen die Methoden der Empirie,
hier kann nur das theoretische Denken helfen.“ (DdN, S. 31) In Dialektik
der Natur spricht sich Engels scharf gegen die „alle Theorie
verachtende, gegen alles Denken mißtrauische Empirie“ (Ebd., S. 49)
aus. Das theoretische Denken wird jedoch in weiterer Folge
wieder auf Methode reduziert.
[10] „Es ist also nicht, wie man sich hier und da bequemerweise
vorstellen will, eine automatische Wirkung der ökonomischen Lage,
sondern die Menschen machen ihre Geschichte selbst, aber in einem
gegebenen sie bedingenden Milieu, auf Grundlage vorgefundener
tatsächlicher Verhältnisse, unter denen die ökonomischen, so sehr sie
auch von den übrigen politischen und ideologischen beeinflußt werden
mögen, doch in letzter Instanz die entscheidenden sind und den
durchgehenden, allein zum Verständnis führenden roten Fadenbilden.“
(AB, S. 560; vgl. auch ebd., S. 549, 508-511, 502-504).
Siglen der verwendeten Schriften von Friedrich Engels:
AB - Karl Marx/Friedrich Engels: Ausgewählte
Briefe, Berlin 1953.
AD - Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft („Anti –
Dühring“), Berlin 1980.
BvM - Das Begräbnis von Karl Marx, in: K. Marx/F. Engels, Ausgewählte
Werke, Moskau 1975, S. 453-454.
DdN - Dialektik der Natur, Berlin 1975.
EdS - Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur
Wissenschaft, in: K. Marx/F. Engels, Ausgewählte Werke,
Moskau 1975, S. 395-452.
LF - Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen
Philosophie, in: K. Marx/F. Engels, Ausgewählte Werke
Moskau 1975, S. 610-649.
Literatur:
Elbe, Ingo, Marx vs. Engels – Werttheorie und Sozialismuskonzeption,
unter: http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Marx-vs-Engels-Werttheorie-und.html
(2001)
Elbe, Ingo, Zwischen Marx, Marxismus und Marxismen. Lesearten der
Marxschen Theorie, unter: http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Zwischen-Marx-Marxismus-und.html
(2006)
Elbe, Ingo, Die Beharrlichkeit des ‚Engelsismus’, unter: http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Die-Beharrlichkeit-des-Engelsismus.html
(2007)
Kliem, Manfred, Friedrich Engels. Dokumente seines Lebens. 1820 –
1895, Frankfurt/M. 1977.
Künzli, Arnold, Karl Marx. Eine Psychographie. Wien
1966.
Marx, Karl, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie,
Erster Band, Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals,
Frankfurt/M., Berlin u. Wien 1983.
Marx, Karl, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung,
unter: http://www.mlwerke.de/ me/me01 /me01_378.htm.
Marx, Karl, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Kritik
des Hegelschen Staatsrechts, unter: http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_203.htm.
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