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Die „Kopfprämie“ gibt es längst,
sie beträgt 359 Euro plus Lagerplatz.
HEIKO E. DOHRENDORF
Warum es komplett egal ist, wer regiert.
Warum es dumm ist, über Politik auch nur zu diskutieren.
Warum alle Argumente falsch sind.
Warum der ganze Betrieb aufhören muss, bevor die „Bedarfsprüfung“ der
Arbeitsverwaltung für annähernd alle zur Normalität wird
und warum niemand das Recht haben sollte, im Fernsehen zu reden.
Die Verlautbarungen von Politikern und Experten, die Argumente dafür
und dagegen, die angeführten Gründe, Ursachen, Sachzwänge und Bedenken,
die Interessen der Profiteure und die Wahnidee von einer angeblichen
„Staatsverschuldung“ haben mit dem, was in der Wirklichkeit, d. h. der
privaten und öffentlichen Wirtschaft, geschieht, nichts zu tun.
Deswegen ist das Gequake der Opposition stets notwendig noch unwahrer
als das Gelaber der Regierung. Was gemacht wird, wird gemacht, und Frau
Merkel ist einerseits die optimale Regierung, denn sie äußert sich zu
politischen Fragen konsequent gar nicht, verkörpert nebelwallend
perfekt die Behauptung, so etwas wie Gesellschaft gebe es gar nicht.
Andererseits verdichtet die Meinungsforschungsmaschine, zu der die
Elisabeth-Noelle-Neumann-Mayer-Leibnitz-Nachfolgeorganisationen
(„Konsumklimaindex“) ebenso gehören wie BILD-Zeitung, TV, Internet und
Milliarden täglich abgesetzter SMS, die Fürze der Staatsbürger zu
mehrheitsfähigen Ressentiments. Aufgabe der hoheitlichen
Quasselindustrie ist es dann, zu behaupten, irgendwelche Maßnahmen
wären Antworten auf irgendwelches Wollen, irgendwelche Gesetze seien da
zur Lösung irgendwelcher Probleme und man streite sich nur über den
besten Weg usw. – das alles ist Lüge.
Ein schönes Beispiel sind die aktuellen Possen um die sogenannte
„Gesundheitsreform“. Der ganz offensichtlich verabredete Teilzeitstreit
zwischen FDP, Merkel und Krankenkassen hat ausschließlich den Zweck,
die Abschaffung des Krankenversicherungsschutzes mittels Spürbarkeit
vorzubereiten, auf die Agenda zu setzen. Dementi sorgen für Akzeptanz
des Dementierten, des Gesundheitsministers Affigkeit sorgt für
Einvernehmlichkeit in einem Volk von Komplicen, das nur Ganoven
uneingeschränkt traut, in unzähligen Straßeninterviews in den
Regionalprogrammen geht es um die Frage, ob acht Euro viel „Geld“
seien. – Natürlich nicht, und 359 Euro sind auch nicht mehr Geld, das
gibt jeder der beteiligten, d. h. gesendeten Klugscheißer zum Frühstück
aus. Aber um acht Euro oder irgendwelche „Preiserhöhungen“ geht es hier
keineswegs. Geplant ist vielmehr die Abschaffung des Geldes als
Massenwährung zugunsten vollständiger Konsumkontrolle, d. h.
allgemeiner „Bedarfsprüfung“ durch die Organe der „Gemeinschaft“.
Treppenhausgeschwätz und Missgunst werden zur Staatsräson, wer nichts
erbt, muss zum Asi-Amt, der Wert der Ware Arbeitskraft ist null oder
wird gar negativ. Geld und Konsum gibt es nur noch für den, der es
druckt oder der einen kennt, der.
Am Ende der Ära Schröder/Volkswagen hatte man ein paar Millionen
Arbeitslose von Normalkonsum auf Bettelei umgestellt, d. h. sie leben
von einer „Kopfprämie“ in Höhe von Euro 359 plus Miete und müssen sich
dafür dem Tugendterror- und Paniksystem der Arbeitsverwaltung
unterstellen. Eine staatsunmittelbare Klasse von Almosenempfängern
wurde etabliert, die jede Klospülung zu rechtfertigen und jeden Fleck
im Laken zu veröffentlichen hat. Die neue Unterschicht sieht zunächst
recht muselmanisch aus, die Opfer taugen aber vielleicht noch zu
Krawallmachern – auch Wehrmacht und SA rekrutierten sich aus dem RAD.
Inzwischen stehen im Zugriff der staatlichen Bedarfsprüfer und
Tugendwächter auch noch ein paar Millionen Arbeitende, denn die Löhne
haben sich – welch ein Zufall! – ebenfalls auf Höhe der „Kopfprämie“ in
Höhe von Euro 359 plus Miete eingependelt, d. h. Arbeitgeber zahlen
irgendwas (fünf bis sieben Euro brutto, am liebsten Teilzeit, neue Jobs
gibt es sowieso nur als Praktikum oder auf „400 Euro Basis“) und die
ARGE stockt auf bis auf Euro 359 pro Kopf plus Miete.
Am Ende der Ära Merkel/Opel wird man vielleicht das „plus Miete“ den
Kommunen überlassen, d. h. auf „Sammelunterkunft“ umgestellt haben,
ganz gewiss aber wird das Elendsregime nun auch noch die vielen
Millionen Glückliche betreffen, die noch nie in die Entwertungsmaschine
der Arbeitsverwaltung gerieten [1], d. h. nicht für 750 Euro netto
arbeiten gehen müssen, sondern sich noch in Vollarbeitszeit mit
Tariflohn verdingen und von knapp 2000 Euro netto ihren Familien ein
Häuschen und ein Auto abstottern. Wenn vom Normalgehalt nämlich noch
die „Gesundheitskopfprämie“ abgeht, wird plötzlich die Hälfte der
Bevölkerung zu „Aufstockern“. – Nichts anderes bezweckt der geplante
„Sozialausgleich“: Alle außer den Berufsverbrechern in Politik,
Management und Verwaltung sowie dem selbstgerechten Hofstaat in
öffentlichem Dienst, Umweltbildungfrauenundmigrantenpopkultur und
Fernsehen werden zu Almosenempfängern, für die kein Grundgesetz mehr
gilt, die sich nicht einmal mehr auf die Freiheit des Marktes berufen
können: Es herrscht Arbeitspflicht und wer sich Alkohol oder
Zigarretten kauft, dem wird die Stütze gestrichen. – Die angemessene
Staatsform für so eine Gesellschaft ist der Islam.
Dies alles geschieht, weil es gewollt ist. Mit „Demografie“,
„Finanzkrise“, „Globalisierung“, „Staatsverschuldung“ und ähnlichen
Halluzinationen hat das alles rein nichts zu tun: Wirtschaftskrisen gab
und gibt es immer, solange Kapital und Wert herrschen – und die Idee,
ein Souverän, der ja seine Notenpresse immerhin selbst bedient, könne
bei irgendwem anders als bei überlegenen anderen Staaten Schulden
haben, ist albern. Bei wem hat der Staat denn „Schulden“? Bei den
Banken? Kein Wunder, Merkel hat denen gerade die nächsten tausend
Staatshaushalte blanko überschrieben – wissend, dass es längst
scheißegal ist. Bis zur nächsten Währungsreform ist Geld nur noch
Blödsinn, die Rede von der Staatsverschuldung nichts anderes als die
mittelalterliche Drohung mit dem Fegefeuer. Nur beim Einkaufen entpuppt
das gute Geld sich als etwas mehr denn ein Hirngespinst – wer essen
will, muss schwarze Zahlen auf dem Konto haben –, nämlich als Essenz
des Machtverhältnisses, das wir, nicht einmal unserer Ohnmacht bewusst,
jeden Tag bejubeln, wenn wir arbeiten und kaufen und glauben, wir
hätten da irgendwie ein Recht darauf. – Nimmt der deutsche Staat, d. h.
die Gemeinschaft der einander Hassenden, eine ganz normale zyklische
Kapitalentwertung, Folge der ganz normalen und als „Wachstum“ ja
geradezu herbeigebeteten Kapitalakkumulation, zum Anlass, mal wieder
auf Vernichtung umzuschalten, ist das vermutlich eine Charakterfrage.
So lange Deutsche täglich durchschnittlich viereinhalb Stunden
Fernsehen gucken, bei jeder Gelegenheit stolz einander ihr Geld
vorzählen, sich über einen vollen gelben Sack so freuen wie über
üppigen Stuhlgang, sich immer wieder das neueste „Windows“ kaufen, nur
um sich auch so „belogen und betrogen“ fühlen zu dürfen wie Nachbarn
und Kollegen, den ganzen Tag in Handies und Navis glotzen, dauernd
irgendwelche Parteien wählen wollen, in Israel die größte Gefahr für
den Weltfrieden sehen und „Arbeit“ für eine gute Sache halten, solange
übrigens auch die deutschen Fräuleins als bewusstlose Bewertungs- und
Belohnungsinstanz und Generalagentur des Warenwahns weiterhin Täter
bewundern und Opfer verachten – „Emanzipation“ heißt hier bloß, dass
Frauen nunmehr, was nicht einmal besonders neu ist, auch Täter werden
wollen und können –, wird es weiter geschehen.
Anmerkungen:
[1] „Arbeitslose einstellen? Bin ich verrückt? Bestatter holen sich
ihre Leichen ja auch nicht vom Friedhof!“ (Frodermann)
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