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Frank und frei
Antideutsche Kritik auf dem Prüfstand
JAN HUISKENS
Die Antideutschen wurden in den letzten Jahren schon so oft
für tot erklärt, dass man angesichts der nach wie vor regen
Publikations- und Aufklärungstätigkeit antideutscher Zirkel und
Einzelpersonen ernsthaft am Wahrnehmungsvermögen der
Totenscheinaussteller zweifeln muss. Würde sich die Familie Fisher aus
der US-Serie Six Feet Under, die ein Bestattungsunternehmen
betreibt, so oft irren, sie könnte ihren Laden sofort dichtmachen. Aber
da es sich bei den zahlreichen Verkündern des Endes der Antideutschen
um Besessene handelt, die ihre Sehnsüchte nicht von der Realität
unterscheiden können, kann man ihnen kaum einen Strick daraus drehen.
Alles, was man tun kann, ist, andere Menschen, die – sei’s aus Mitleid,
sei’s aus Naivität – den Weissagern glauben schenken, über das
Missverständnis aufzuklären.
Anders verhält es sich mit Kritikern der Antideutschen, also Leuten,
die den Gehalt antideutscher Theorie auf den Prüfstand stellen wollen
und dabei zu negativen Resultaten kommen. Diese für verrückt zu halten,
wäre nicht nur sachlich falsch, sondern auch eine ziemlich billige
Masche, um sich mit der vorgetragenen Kritik nicht beschäftigen zu
müssen. Ein Problem besteht jedoch, wenn die antideutsche Kritik von
den Überprüfern gar nicht verstanden wird, wenn diese vielmehr ihre
eigenen alten Anschauungen kritisieren, weil sie sie fälschlich für
„antideutsch“ halten. Das ist der Fall in einem neueren Artikel aus der
Phase 2, in dem ein Mark Hachnik aus Frankfurt am Main
glaubt, die Gleichsetzung von Bundesrepublik und Nationalsozialismus
sei der Kernpunkt antideutscher Kritik. Der Begriff „deutsche
Ideologie“, der ihm aufschließen könnte, inwiefern von einem Fortleben
des Nationalsozialismus in der Demokratie gesprochen werden kann,
bleibt ihm ein Buch mit sieben Siegeln. Deshalb versteigt er sich in
unsinnigen Thesen, die die Bahamas angeblich aufgestellt
haben soll, und „widerlegt“ die eigens kreierten Hirngespinste
auftrumpfend. Am Ende steht die Erkenntnis, dass Deutschland eine
„normale Nation“ (was auch immer das sein mag) und jegliche Mahnung an
die Aktualität des Nationalsozialismus nichts anderes als Alarmismus
sei. Viel wichtiger ist es laut Hachnik, die „Umverteilung von unten
nach oben“ und die „Militarisierung der Öffentlichkeit“ zu bekämpfen
und sich zu diesem Behufe zu einer sozialdemokratischen Einheitsfront
zusammen zu schließen, um „gesellschaftskritische Praxis“ betreiben zu
können. [1]
Nun ja. Herr Hachnik wird seine Gründe haben, so einen Kauderwelsch zu
veröffentlichen, und wenn er Glück hat, macht sich auch niemand über
ihn lustig. Man wünscht sich schon, dass er gute Freunde hat, die ihn
davon abhalten, der Linkspartei beizutreten, weil man dort bekanntlich
nicht glücklich, sondern nur Politiker oder Stimmvieh werden kann.
Gediegeneres aus Sachsen
Aus Sachsen, genauer gesagt: aus Leipzig, ist man da
schon gediegeneres gewohnt. In und um Auerbachs Keller gibt man sich
nicht mit Hachnikschen Spekulationen zufrieden, sondern verlangt nach
gut geschnürten „Theoriepaketen“. [2] Und selbstredend gibt man sich
nicht mit irgendwelchen dahergelaufenen Bütteln und deren Sprüchen ab,
sondern knöpft sich gleich die „avanciertesten Positionen“ vor. Soviel
Selbstbewusstsein ist schon da, wofür hat man denn sonst so lange
studiert?
Das neue Buch von Gerhard Scheit ist da ein gefundenes Fressen.
Schließlich gilt Scheit bei Leuten, die sich kommunistische
Assoziationen nur als Kaderparteien und theoretische Arbeit nur als
Uniseminar vorstellen können, als theoretischer mastermind
der Antideutschen. Anhand von Scheits neuestem Buch Der Wahn vom
Weltsouverän hat sich nun eine Theorie-Ich-AG in Gründung, ein
gewisser Roman, daran gemacht, der geneigten Leserschaft des Conne
Island-Newsflyers vor Augen zu führen, warum von den Antideutschen
nichts mehr zu erwarten sei. [3] Wohlgemerkt: Das Buch ist nur der
Anlass, eigentlich spricht Roman aus, was ihm schon lange – unabhängig
von Scheits Schrift – auf der Seele brennt. Darauf weist die Vielzahl
an Artikeln hin, die seine Gang in letzter Zeit in verschiedenen linken
Medien untergebracht hat und die sich alle um die Frage drehen, welche
Argumente geeignet sind, die antideutsche Theorie endlich zu beerdigen.
Das Schmuddelige, das den Antideutschen immer auch anhaftete, weil sie
sich weder dem wissenschaftlichen Jargon und der dazugehörigen Denkform
bedienen, noch dem politischen Common Sense verpflichtet fühlen,
schreckt Leute ab, die auf Teufel komm raus in dieser Gesellschaft als
Theoretiker ernst genommen werden wollen und die es zum mastermind
à la Scheit nicht bringen.
Der nahe liegende Vorwurf des Opportunismus ist zu billig, als dass man
ihn der Leipziger Genossenschaft machen sollte. Denn in Wahrheit ist es
viel schlimmer: Roman, so er denn als pars pro toto stehen
kann, glaubt, was er schreibt.
Möglicherweise hat alles wirklich damit angefangen, dass man Distanz zu
den eigenen Anschauungen gewinnen wollte, dass man überprüfen wollte,
ob die Prämissen, von denen man ausgeht, richtig sind oder noch richtig
sind. Wie auch immer es dann weiterging, was man las oder diskutierte,
über was man nachgrübelte, während man in der Badewanne saß und das
Quietscheentchen mit dem Finger anstubste, damit es in Richtung großer
Zeh segeln konnte – jedenfalls ist man in Leipzig zu dem Ergebnis
gekommen, dass die Antideutschen grundsätzlich falsch liegen: Man wirft
ihnen vor, Materialisten zu sein.
Wissenswertes zur politischen Theorie
Stimmt das wirklich? So direkt natürlich nicht. Immerhin
schreibt man in einer Zeitschrift, die von einem linksextrem
orientierten Jugend- und Kulturzentrum herausgegeben und wohl auch
finanziert wird, ja, möglicherweise betrachtet man sich selbst sogar
noch – irgendwie – als Kommunist. Doch ist diese linksradikale
Identität mit einem Augenzwinkern verbunden, dass den traditionelleren
unter den Genossen zu verstehen gibt: Wir haben uns im
Gegensatz zu euch mit den Verbrechen des Kommunismus
beschäftigt und deshalb wissen wir, dass die Demokratie dem
Kommunismus vorzuziehen ist. Letzterer ist nur eine – wenngleich
ansprechende – Utopie, ein schöner Gedanke. „Wirkliche Bewegung“ darf
er nicht werden, sonst wird’s totalitär. [4]
Deshalb ist Scheits Buch geradezu ein Geschenk, kann man doch in
Abgrenzung zu dessen Völkerrechts- und Demokratiekritik wunderbar
vorführen, wie sehr man liberale Dogmen verinnerlicht hat und im selben
Atemzug den Rezensierten als bösartigen Feind der Demokratie
denunzieren. Roman ist allerdings gewieft genug, um einfach so drauflos
zu schreiben. Zunächst muss der Gegner erniedrigt werden, damit der
eigene Stern umso höher am Himmel erstrahlt. Das geschieht nach dem
üblichen Zuckerbrot und Peitsche-Prinzip: Einerseits wird Scheit
generös zugute gehalten, Marx und Adorno einigermaßen verstanden zu
haben und auch anderthalb Kapitel des Buches vorgelegt zu haben, die
„unbestrittenen [!] Erkenntniswert besitzen“. Andererseits – und das
„aber“ folgt tatsächlich auf dem Fuße – zeiht Roman Scheit in
geschätzten dreißig Stellen der „Überblendung“, einer „zurichtenden
Methode“, des „Unfugs“ und „simpler Tricks“. Scheit „bieg[e] sich“
Thesen zurecht, zitiere „gestückelt und entstellt“ und bastele sich
Zitate zusammen. Mit anderen Worten: Scheit sei ein Lügner und Betrüger.
Dafür müssen natürlich Beweise her und Leipzig wäre nicht Leipzig, wenn
dessen zweithellster Kopf nicht ein paar schlagkräftige Argumente auf
Lager hätte. Roman verfährt dabei dreischrittig: Habermas, Kelsen,
Schmitt.
Zu Habermas fällt ihm ein, dass dieser, anders als von Scheit
behauptet, „nirgends in diesen [von Scheit zitierten – PL] Schriften
[…] auf einen Weltsouverän oder Weltstaat hinaus“ wolle. In Wahrheit
schwebe Habermas nämlich eine „postnationale Konstellation“ und eine
„Institutionalisierung von internationalen Rechtsverhältnissen“ vor.
Dass diese Idee der Institutionalisierung notwendig im Wahn vom
Weltsouverän gründet, fällt Roman offenbar gar nicht auf. Ausgerechnet
der, der den Antideutschen Nachhilfe „im Bereich politische Theorie“
geben will, trennt Rechtsinstitution und Souveränität voneinander ab,
als hätten die Worte eines Richters ohne die polizeiliche
Vollzugsgewalt auch nur irgendeine Bedeutung. Er begreift nicht, dass
von ihm verteidigte Schlagwörter wie „Weltinnenpolitik“ und „global
governance“ ideologisch sind, weil sie die Tatsache verschleiern, dass
Staaten sich – analog zum Verhältnis der Warenhüter und als dessen
unhintergehbare Voraussetzung – notwendig in einem potentiell die
Vernichtung des jeweils anderen in Kauf nehmenden Konkurrenzverhältnis
zueinander befinden. Roman sitzt der bürgerlichen Ideologie auf, wonach
der unmittelbare Kampf um Anerkennung im demokratischen System still
gestellt ist, weil die Einzelnen dem Staat und nicht dem Sieg im Kampf
ihre körperliche Integrität verdanken. [5] Die Lüge wird allerdings
nicht erst dann sichtbar, wenn die Einheit des Staates zerfällt, wie
staatsfetischistische Modernisierungstheoretiker meinen, sondern der
Staat ist selbst gar nichts anderes als der perpetuierte und
institutionalisierte Kampf um Anerkennung. Die Gewalt, die Roman nicht
sehen will, obwohl sie doch auf jeder Antifa-Demonstration, nach jedem
Kaufhausdiebstahl und bei jeder Zwangseinweisung psychisch Kranker
allzu offensichtlich ist, begreift er wie jeder andere
Politikwissenschaftler einzig als Ausdrücke der „Einschränkung von
Gewalt“ anstatt als spezifisch staatliche Form von Gewalt. Er
verwechselt die Legitimation der Gewalt - die durch die Gewaltenteilung
vermittelt ist - mit der Ausübung von Gewalt. Tatsächlich müsste Roman
auch von der Beschränkung statt nur von der Einschränkung der Gewalt
sprechen: Beschränkung der Gewalt auf den Staat. Aber gerade das soll
ja vermieden werden, schließlich wird Scheit vorgeworfen, bei ihm
fielen „Souveränität und Gewaltausübung unterschiedslos ineinander“.
Die Gewaltförmigkeit der Demokratie soll zum Verschwinden gebracht
werden. Das ist nichts anderes als ein Bekenntnis zu „demokratischen
Verhältnissen“, in denen es nur deshalb „unvermittelte Gewaltausübung“
gibt, weil die vermittelte die Regel ist. Aber dieser Zusammenhang muss
einem, der den Hobbes’schen Naturzustand offenbar wirklich als
anthropologische Konstante denkt, um ihr den durch freundliche
Ermahnungen für Ordnung und Sicherheit sorgenden Staat entgegen zu
halten, verborgen bleiben.
Auch über Hans Kelsen hat uns Roman Wissenswertes mitzuteilen: Scheit
konstatiert einen historischen und logischen Zusammenhang zwischen der
Entwicklung der Völkerrechtstheorie und ihrer Anwendung. Roman hält das
für eine „infame Unterstellung“. Als Argument für die angebliche
Infamie der These Scheits nennt der Sachse, dass Kelsen keinen
indirekten Anteil am Aufstieg der NSDAP gehabt habe, weil dieser
erstens 1920 noch nicht habe ahnen können, welch große Zukunft den
Nazis beschieden sein würde, und weil zweitens seine
Völkerrechtsschrift gar nicht so großen Einfluss hatte, wie Scheit
behaupte. Das Problem liegt nicht nur darin, dass hier die logische mit
der historischen Ebene verwechselt wird: Scheit hat auch gar nicht
davon gesprochen, dass Kelsen Anteil am Aufstieg der NSDAP
hatte, sondern nur davon, dass seine Konzeption des Völkerrechts die
Vorlage der späteren Appeasementpolitik der Alliierten bildete. [6] Was
auch immer Kelsen 1920 über die Minipartei Hitlers gedacht haben mag –
es ändert nichts daran, dass die Politik der Briten gegenüber
Deutschland von der Völkerrechtsideologie beseelt war.
Carl Schmitt und das Problem der Gewalt
Romans Bekenntnis zur herrschenden Ordnung kommt
allerdings am Besten in seiner Position zu Scheits Schmitt-Lektüre zum
Ausdruck. [7] Weil Schmitt Souveränität unauflösbar an das
Gewaltmonopol koppelt, ist er der liberalen Staatstheorie ein wenig
peinlich. Schmitt erinnert – freilich affirmativ – mit einer
Hartnäckigkeit daran, dass der Staat Herrschaft und keine Institution
zur Beglückung der Menschheit ist, dass all jene, die meinen, die
Gewalt sei durch Verfassung, Parlament und Rechtsstaatlichkeit ge- oder
sogar verbannt [8], Schmitts Erkenntnisse entweder verdrängen oder
moralisch verdammen müssen. Kritische Theorie geht einer alten Weisheit
zufolge vom Schlimmsten aus. Materialistische Staatskritik orientiert
sich deshalb an Schmitts Staatsbegriff, weil in diesem in aller
Konsequenz das Wesen bürgerlicher Souveränität ausgesprochen wird –
nämlich ihr eigenes Umschlagen in ein Subjekt der Vernichtung. [9] Die
Differenz festzuhalten, dass die bürgerliche Demokratie kein solches
Subjekt ist, es aber trotzdem im Keim in sich trägt, ist nicht zu
verwechseln mit einem abstrakten Dualismus, dem in der Unterscheidung
von Demokratie und Staat der Vernichtung jeglicher Zusammenhang
verloren geht. Der bundesrepublikanische Gründungsmythos, die Weimarer
Verfassung sei nicht ‚wehrhaft’ genug gewesen, ist dann die
folgerichtige Erklärung für den Sieg des Nationalsozialismus. Die
gezähmte Demokratie, also die durch Gewaltenteilung domestizierte
„Volkssouveränität“, wird dann zum Garanten einer Verhinderung neuer
Willkürherrschaft. Die Einheit von Staat, Volk und Kapital, die sich in
der Krise Bahn bricht und in der Vernichtung realisiert, kann vor
diesem Hintergrund nicht begriffen werden. Sauber trennt der Ideologe
nicht nur Demokratie und Diktatur, sondern auch Ökonomie und Politik.
Eine Totalität, die restlos im Staatssubjekt Kapital aufzugehen droht,
ist von diesem Standpunkt aus undenkbar. An die Stelle des Begreifens
tritt positivistische Faktenhuberei – die Roman „Ereignisgeschichte“
nennt.
Allen Ernstes wirft er Scheit vor, dieser habe sich gar nicht mit der
Ereignisgeschichte der letzten Jahre der Weimarer Republik beschäftigt,
um anschließend ein paar banale Erkenntnisse aufzuzählen. Dass er mit
dieser sinnlosen Reihung weder etwas erklärt noch begriffen hat,
entgeht ihm ebenfalls. Die Beschreibung ist ihm Ersatz für die
theoretische Durchdringung. Weil Roman Ideologie nicht materialistisch
als notwendig falsches Bewusstsein – dass aufgrund seiner Notwendigkeit
zugleich richtig ist – fasst, sondern als bloße Propaganda, als
Bösartigkeit, muss er sich posenhaft von Schmitts Bejahung der
souveränen Gewalt abgrenzen und Scheit vorhalten, er sei ein Nazi. Denn
nichts anderes ist es, wenn man Scheit dafür anklagt, dieser affirmiere
„jene Denkbewegung“, die Schmitt zum Kritiker der Weimarer Republik
werden ließ. Erkenntnis wird mit Werturteil gleichgesetzt, jede
kritische Distanz zum Objekt der Analyse aufgehoben. Ein Deutscher ist
ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben.
Ereignisgeschichte versus Kritik der
politischen Ökonomie
Dass die Abkehr von antideutscher Kritik eins ist mit
der Preisgabe der Kritik der politischen Ökonomie, zeigt sich im
vorletzten Abschnitt von Romans Traktat. Dort will er auf einen
„Schwachpunkt in der Theoriebildung“ der Antideutschen eingehen – den
von ihm so bezeichneten „Mythos Krisenbewältigung“. In gewohnt
großzügiger Art konzediert er, Marx habe schon Recht mit der generellen
„Krisenhaftigkeit der Kapitalverwertung“, nur um abermals die Forderung
nach einer „ereignisgeschichtlichen Überprüfung“ nachzuschieben. Die
Beschreibung der „konkreten Ereignisse“ stellt er einer vermeintlichen
„funktionalistischen Deutung“ gegenüber, die sich nicht für die Fakten
interessiere, sondern rein theorieimmanent bleibe. Dafür, dass Roman
sich zum großen Historiographen aufschwingt, bleibt dabei allerdings
die geschichtliche Darstellung äußerst dürftig. Kein einziges
„konkretes Ereignis“ kann er anführen, welches der Analyse Scheits
widersprechen würde (obwohl das gar nicht so schwer wäre, schließlich
verläuft Geschichte nicht stromlinienförmig). Stattdessen tischt er dem
unsichtbaren Stammtisch im Conne Island die selbst als „banal“
bezeichnete Erkenntnis auf, dass sich „das Verhalten der um die Macht
konkurrierenden Akteure nicht allein im Hinblick auf rationale
Handlungsabläufe rekonstruieren“ lässt. Vielmehr seien ihre
Entscheidungen als „wesentlich kontingent“ aufzufassen. Die
schwachsinnige Gegenüberstellung von Rationalität und Kontingenz
verdankt sich erstens der Weigerung, die kapitalistische Zwangslogik
wahrzunehmen, und zweitens dem Glauben, diese Logik sei rational.
„Politisches Handeln“, so folgert Roman, orientiere sich nicht
unbedingt an „ökonomischer Notwendigkeit“, denn sonst, so können wir an
die diesem Gedanken zugrunde liegende These Dan Diners vom
„Zivilisationsbruch“ anschließen, wäre der Nationalsozialismus ja gar
nicht möglich gewesen. [10] Da der gesellschaftliche Grund des Wahns
nicht begriffen werden kann, wenn man den Wert mit Rationalität
identifiziert, muss Roman auf jede Erklärung verzichten. Es bleibt nur
noch der Zufall übrig, die Kontingenz. Darin reflektiert sich
tatsächlich das Wesen des Nationalsozialismus – die grundlose
Vernichtung um ihrer selbst willen –, die Unmöglichkeit, zu erklären,
warum Menschen sich der SS anschlossen oder Juden vergasten. Zugleich
aber wird Auschwitz zur Naturkatastrophe, wenn die gesellschaftlichen
Bedingungen des Wahns, seine notwendigen, wenn auch keineswegs
hinreichenden Voraussetzungen geleugnet werden. Der dümmliche Vorwurf,
die Antideutschen wollten den Holocaust aus dem Wert ableiten, den
Matthias Küntzel im Zuge der Goldhagen-Debatte erhob, unterschlägt den
Unterschied zwischen Handeln und Denken. Die Bemerkung Adornos und
Horkheimers, dass der Antisemitismus in Deutschland nicht verbreiteter
war als in Frankreich, den Küntzel damals dann ja auch vehement
befehdete, verweist auf diese Differenz. Ist der Antisemitismus die
„Alltagsreligion“ des Kapitalismus, wie Detlev Claussen schrieb, so ist
die Vernichtung der Juden noch lange nicht die religiöse Alltagspraxis.
Was die Menschen in den Wahn treibt, muss zum Zwecke der Verhinderung
eines neuen Auschwitz denunziert werden. Die vom Wahn Besessenen an
ihren Taten hindern – das kann weder die Kritik noch der Habermassche
Diskurs. Dazu ist Waffengewalt nötig, eben jene Gewalt, die Roman, der
sich einiges auf seine „Illusionslosigkeit“ und seinen „Pragmatismus“
einbildet, so dringlich aus dem Begriff der Souveränität abspalten
will. Und so erscheinen ihm am Ende „humanitäre Organisationen wie
‚Amnesty International’ oder ‚UNICEF’“ als Träger der Idee der
Menschlichkeit, nicht diejenigen Staaten, die radikale Moslems, welche
Juden ermorden wollen, verhaften oder notfalls töten. Endstation:
Pazifismus.
Anmerkungen:
[1] Wer es genauer wissen möchte, lese den Artikel von Mark Hachnik, Nach
den Antideutschen, in: Phase 2, Nr. 34 (2009).
[2] Vgl. zu den Leipziger Verhältnissen schon ausführlicher Nils
Johann, Leipziger Allerlei. Zur Krise der Antideutschen. Eine kurze
Revision, in: Prodomo, Nr. 11 (2009).
Mittlerweile schreiben die Mitglieder der „Gruppe in Gründung“ mehrere
linksradikale Journale voll, v.a. den Conne Island-Newsflyer Cee
Ieh, dessen Redaktion es sich offenbar gefallen lässt, in ein
nationalliberales Propagandablatt verwandelt zu werden.
[3] Roman, Alles nur Wahn?, in: CEE IEH, Nr. 173
(2010).
[4] Das ist die zentrale These des Jungle World-Dossiers Umgebessert,
eingetaktet (47/2007) von Hannes Gießler, ebenfalls ein großer
Theoretiker aus diesem Hause. Gießler versucht in diesem Dossier
nachzuweisen, dass Marx am Stalinismus schuld ist, weil „planmäßige
Kontrolle der Produktion“ mit Totalitarismus und Staatsterror unter
allen Umständen identisch ist.
[5] Was im zwischenstaatlichen Verhältnis an die Stelle des Souveräns
tritt, was also die Staaten daran hindert, auf einander loszugehen –
diese in Scheits Buch behandelte Frage beantwortet Roman aus eben jenem
Grund im ganzen Artikel nicht. Er kann es nicht, die demokratische
Ideologie hindert ihn am Begreifen.
[6] Übrigens zitiert Roman Scheit sogar in diesem Sinne, versteht das
Zitat aber offenbar nicht.
[7] Dass Roman hier seinerseits mit Unterstellungen und Verzerrungen
arbeitet, zeigt den projektiven Gehalt seiner Anwürfe. So schreibt er,
Scheit habe behauptet, der Schmittsche „Belagerungszustand“ sei „die
Verwertung des Werts“, wo doch der zitierte Satz mit folgender
Bestimmung des Belagerungszustandes abschließt: Er sei zu verstehen
„als der Zusammenhang, in dem die Staaten zueinander stehen“. Gerhard
Scheit, Der Wahn vom Weltsouverän. Zur Kritik des Völkerrechts,
Freiburg, i.B. 2009, S. 137. Und kurz darauf führt Scheit weiter aus:
„So ist das Bewusstsein, einer Nation anzugehören, nichts anderes als
der geistige Belagerungszustand. Das Negative, das darin besteht, von
Feinden umgeben zu sein, wird zu einem positiven ‚Gefühl’, wird als
Abstammung und Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft substantialisiert.“
Ebenda, 137f.
[8] Roman meint, Schmitt habe die Gewalt – „überbewertet“!
[9] Der Staat Israel ist hier tatsächlich eine Ausnahme. Weil die
Vernichtung, in der das Staatssubjekt die Krise zu exorzieren trachtet,
letzten Endes immer auf die Juden zielt, Israels oberster Staatszweck
aber der Schutz der Juden ist, kann der Judenstaat niemals
nationalsozialistisch werden.
[10] Vgl. dazu Uli Krug, Ewiges Rätsel Auschwitz. Über die
Unfähigkeit den säkularen Zivilisationsschwund auf den Begriff zu
bringen, in: Bahamas, Nr. 25 (1998).
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