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Gegen die Talibanisierung des
Privatlebens
Interview mit ALI SCHIRASI über den iranischen
Aufstand
| Ali Schirasi, geboren 1940 im Iran, ist
Autor und Schriftsteller. Während der Schahzeit war er zu 10 Jahren
Haft verurteilt worden, konnte diese aber 1978 dank des Internationalen
Komitees des Roten Kreuzes vorzeitig beenden. Nachdem er nach der
Revolution von 1979 wieder verhaftet worden war, konnte er nach
Deutschland fliehen, wo er seither lebt und mit zahlreichen Lesungen,
Vorträgen und Veranstaltungen an die Öffentlichkeit tritt. Von ihm sind
mehrere Bücher auf Deutsch und Persisch erschienen. Auf seinem weblog
http://alischirasi.blogsport.de berichtet er regelmäßig über die
Situation im Iran. |
Prodomo: Aus der Ferne macht es den
Eindruck, das iranische Regime sei angesichts der Oppositionsbewegung
ratlos. Sowohl die gewaltsame Niederschlagung der Demonstrationen im
Juni, als auch die Verhaftungswellen und Schauprozesse haben nur eine
vorübergehende einschüchternde Wirkung gehabt. Andererseits ist die
Repression zumindest für die Verhältnisse der islamischen Republik noch
vergleichsweise gemäßigt: Basijis schießen auf Demonstranten, aber
es ist bisher nicht zu einem großen Massaker (wie in Peking 1989)
gekommen; es gibt Verhaftungswellen, aber es sind "nur" einige Tausend
im Gefängnis und nicht Zehntausende.
Woran liegt das? Befürchtet das Regime, dass verschärfte Repression den
Zorn der Bevölkerung nur noch mehr anstacheln würde? Oder könnten sich
Teile des Repressionsapparates weigern, die Opposition niederzuschlagen
oder sich gar aktiv gegen die Regierung wenden? Oder fühlt sich das
Regime sicher im Sattel und versucht, die Situation einfach auszusitzen
und wartet darauf, dass die Opposition sich totläuft?
Ali Schirasi: Es bringt wenig, das Ausmaß der Repression im
Iran mit der Situation in Peking 1989 zu vergleichen. Sinnvoll sind
höchstens inneriranische Bezüge, denn die Rahmenbedingungen kann kein
Regime gegen die eines anderen Landes austauschen. Die Frage, ob das
Regime brutaler zuschlagen könnte, lässt sich leichter beantworten,
wenn wir uns fragen, wer denn jetzt im Iran herrscht. Nach dem Ende des
achtjährigen Kriegs mit dem Irak belohnte das Regime die Pasdaran
(Revolutionswächter) mit Posten in der Wirtschaft, so dass ein immer
größerer Teil des iranischen Wirtschaftssystems in die Hände dieses
Militärapparats gelangte. Der Schwerpunkt dieses Systems liegt nicht in
der industriellen oder landwirtschaftlichen Produktion, sondern im
Handel - Öl für den Export, chinesische, pakistanische oder andere
Billigware für den Import. Das zunehmende Gewicht der Pasdaran in der
Wirtschaft führte dazu, dass sie ihre Macht vom Militärischen und
Wirtschaftlichen schließlich auf die Exekutive ausdehnen und
Ahmadinejad als ihren Interessenvertreter einsetzen konnte. Die nächste
Etappe war das Parlament, das zu einem beachtlichen Teil mit Pasdaran
besetzt wurde. Da die Pasdaran eine Koalition mit dem geistlichen
Führer Ajatollah Khamenei eingegangen sind, konnten sie sich
schließlich auch bei der Besetzung des Obersten Rats der Justiz
durchsetzen. Damit sind die wichtigsten staatlichen und
wirtschaftlichen Institutionen in der Hand der Pasdaran. Das ist die
eine Seite. Die andere Seite ist, dass die Anhänger der Islamischen
Republik, die sich Reformer oder Reformisten nennen, befürchten, dass
die Politik der Pasdaran, die schon jetzt verheerende wirtschaftliche
Folgen hat und in der Außenpolitik zu riskanten Konfrontationen führt,
mittelfristig dazu führt, dass das System der Islamischen Republik
zusammenbricht. Damit wären auch die Privilegien der „Reformer“ vorbei.
Zum anderen bemerken sie nicht zu Unrecht, dass ein militarisiertes
System auch ganz gut ohne Geistlichkeit auskommt, denn in der
iranischen Geschichte gibt es mehrere Beispiele, wie aufgestiegene
Militärkommandanten die Macht der Geistlichkeit beschnitten haben. So
schrieb Rafsanjani warnend an Ajatollah Khamenei, er solle sich gut
überlegen, was er tue, er könnte als nächster an der Reihe sein und von
den Pasdaran entmachtet werden. Die Pasdaran gingen im Vorfeld der
Präsidentschaftswahlen 2009 davon aus, dass sie nach den Wahlen mit
diesen Reformisten schon fertig werden, und ließen in den Wochen vor
den Wahlen einen politischen Freiraum zu, der die Wahlen beleben und
mehr Wähler anziehen sollte, um das Regime zu legitimieren. Aus ihrer
Sicht brauchten sie nach den Wahlen nur die Ergebnisse fälschen und die
Wahlhelfer der Reformisten ins Gefängnis stecken. Ende der Geschichte.
Womit sie nicht rechneten, war der Aufbruch in der Bevölkerung, die die
freiheitliche Stimmung vor den Wahlen ernst nahm und auf einmal ihre
Stimme zurückforderte. In den dreißig Jahren des Bestehens der
Islamischen Republik kam es wiederholt zur Unterdrückung politischer
Gegner – der Volksmujaheddin und der linken Gruppen in den 1980ern
sowie der Studentenbewegung Ende der 1990er Jahre. Aber nie ist es
dabei geschehen, dass die Bevölkerung zu Millionen auf die Straße ging.
Das überraschte. Und diese Bevölkerung ist keine vernachlässigbare
Minderheit – auf allen Videos und Fotos sehen wir, dass sehr viele
junge Menschen dabei sind und dass die Teilnehmer auch keineswegs
verhungertes „Lumpenproletariat“ sind, die man sozusagen für ein
Vesperpaket kaufen kann. Es handelt sich um Vertreter der
Mittelschicht, die laut soziologischen Forschungen im Iran mittlerweile
60% der Bevölkerung darstellt, eine indirekte Folge der Erdöleinnahmen.
Es ist diese Schicht, die den Staat am Laufen hält, mit der sich auch
ein Militärapparat wie die Pasdaran nicht so leicht anlegen kann. Auch
sollten wir nicht vergessen, dass von 74 Millionen Iranerinnen und
Iranern 42 Millionen unter 35 Jahren alt sind. Die Pasdaran haben zu
berücksichtigen, dass ein zu massives Vorgehen gegen diese Schicht dazu
führen kann, die Massen noch stärker gegen sie aufzubringen, so dass
sie von der Macht gefegt werden.
Prodomo: Die Fortsetzung der
Demonstrationen beweist zwar, dass das Regime die Kontrolle über das
Land teilweise verloren hat. Andererseits hätte die Opposition in einem
direkten Versuch, das Regime zu stürzen, wohl keine große Chance gegen
Polizei/Basijis/revolutionäre Garden und durch bloße
Massendemonstration allein läßt sich das Regime wohl nicht beseitigen.
Die Strategie der Opposition scheint darin zu bestehen, durch
Fortsetzung der Proteste die Machtbasis des Regimes immer weiter
auszuhöhlen, bis schließlich große Teile des Repressionsapparates
entweder zerfallen oder die Seite wechseln. Stimmt das und hat diese
Strategie Aussicht auf Erfolg?
Ali Schirasi: Da es keine einheitliche
Opposition gibt, sollte man auch keine einheitliche Strategie erwarten.
Opposition sind die Reformer, sind die Studentenbewegung und die
Intellektuellen, sind die Menschen, die jetzt zu Millionen auf die
Straße gehen. Einig sind sich alle Arme dieses Stroms, dass eine
bewaffnete Auseinandersetzung nicht richtig ist und obendrein erfolglos
wäre. Die Reformer hoffen, mit Hilfe der Demonstrierenden die jetzigen
Machthaber zu verdrängen, um selbst an die Macht zu kommen und der
Bevölkerung dann einen „Tritt in den Arsch“ zu geben, so wie das
Khatami zu seiner Amtszeit getan hat. Die Studentenbewegung und die
demonstrierenden Vertreter der Mittelschicht dagegen hoffen, mit den
Demonstrationen erst einmal kleine Forderungen durchzusetzen – zum
Beispiel die Absetzung von Ahmadinejad oder die Freilassung der
politischen Gefangenen, eine längerfristige Strategie darf man
angesichts der netzwerkartigen Struktur der Opposition nicht erwarten.
Aber natürlich hoffen die Demonstrierenden, dass sie mit ihrem
friedlichen Vorgehen letztlich einen Teil des bewaffneten Apparats auf
ihre Seite ziehen. Das ist auch nicht so unrealistisch. Es gibt im Iran
rund 120.000 Pasdaran, von diesen sind etwa 30.000 in der einen oder
anderen Form an den wirtschaftlichen Pfründen beteiligt. Dann bleiben
aber noch 90.000 Pasdaran, die von der Führungsschicht keineswegs alle
für zuverlässig eingestuft werden. So ist es Sitte unter den
Pasdaran-Kommandanten ebenso wie bei der politisch-religiösen Führung
(Ajatollah Khamenei, Ahmadinejad), sich mit einer stattlichen Zahl von
Leibwächtern zu umgeben. Das sind Menschen, die das absolute Vertrauen
der Beschützten genießen, häufig auch Verwandte, selbst der Koch kann
zu diesem Kreis gehören. Hier tauchen wieder Muster auf, die noch aus
der Nomadentradition stammen. Den anderen traut man keineswegs. So
werden im Vorfeld von Demonstrationen nur die Pasdaran und Basijis mit
Schusswaffen ausgerüstet, denen die Kommandanten trauen. Die anderen
erhalten Knüppel oder Boxhandschuhe. Der Anteil der privilegierten
Basijis ist deutlich geringer als der bei den Pasdaran: Etwa fünf
Prozent der Basiji-Kommandanten sind mit Posten in
Wirtschaftsunternehmen belohnt worden. Von daher ist die Hoffnung auf
ein Überlaufen eines beachtlichen Teils des bewaffneten Apparats
durchaus realistisch. Das weitgehend friedliche Vorgehen der
Demonstrierenden kommt bei den bewaffneten Organen durchaus an. So hat
sich ein Teil der Polizisten während der Demonstrationen so deutlich
zurückgehalten, dass sie von den Basijis kritisiert wurden, warum sie
nicht schießen. Vom Aschura-Tag (Ende Dezember 2009) sind Fälle bekannt
geworden, in denen Polizisten sich weigerten, den Schießbefehl ihres
Vorgesetzten auszuführen, worauf er ihnen mit einem Militärgericht
drohte.
Auch stößt man im Bildmaterial aus den Demonstrationen immer wieder auf
Szenen, wo einzelne Pasdaran, Basijis oder Polizisten von der Menge
umringt sind und von einem Teil der Demonstrierenden beschützt werden,
damit sie sich umkleiden und fliehen können. Zum Aschura-Tag war sogar
ein ganzer Trupp von Polizisten eingekesselt worden und wurde von
Frauen mit offenen Haaren verteidigt, damit die Menge sie nicht
angreift. Dies zeigt, dass in der Bewegung viele Menschen bewusst
verhindern wollen, sich die bewaffneten Beamten zum Feind zu machen.
Sie sehen mehr Sinn darin, diese Menschen auf ihre Seite zu ziehen.
Das bewaffnete Vorgehen der Machthaber hat zudem noch ganz andere
Folgen. Wir sprechen von der Studentenbewegung. Aber wer kann es sich
denn leisten, zu studieren? Neben den Angehörigen der Mittelschicht
eben die Kinder der privilegierten Pasdaran und Basji, die Kinder der
fundamentalistischen „Prinzipialisten“, wie etwa der Sohn von Ruhollah
Amini. Der Sohn von Dr. Abdolhossein Ruh ol-Amini gehörte auch zu den
Demonstrierenden, war verhaftet worden, war in das berüchtigte
Kahrisak-Gefängnis eingeliefert worden, wurde dort von den Wärtern
vergewaltigt und zu Tode gefoltert. Und solche Fälle häufen sich. Das
führt dazu, dass selbst die zehn Prozent der Bevölkerung, die die
Machthaber bislang auf ihrer Seite hatte, massiv abgebröckelt sind.
Prodomo: Wie groß ist die
Unterstützung der Bevölkerung für die Opposition wirklich? Skeptiker
könnten einwerfen, dass es zwar sehr große Demonstrationen gegeben hat
und weiterhin gibt, und dass das Regime es nicht schafft, wirklich
große Massen an Unterstützern auf die Straße zu bekommen, dass aber die
Mehrheit der Bevölkerung eher abwartet und nicht zu viel riskieren
möchte.
Ali Schirasi: Solange mit „Opposition“ die
Reformer (Mousavi und Co.) gemeint sind, kann man von keiner großen
Unterstützung sprechen. Denn die Demonstrationen – zuletzt zum
Aschura-Tag – haben deutlich gezeigt, dass die Leute auch dann auf die
Straße gehen, wenn sich die Reformpolitiker ausdrücklich davon
distanzieren. Mousavi hat bei einer Gelegenheit treffend bemerkt, dass
ihnen die Bevölkerung schon weit voraus ist. Wenn wir im Folgenden von
Opposition reden, meinen wir die Studentenbewegung und die Menschen auf
der Straße, nicht die Vertreter irgendwelcher Parteien. Um das
Potential dieser Opposition einzuschätzen, sollten wir nicht nur den
jetzigen Zustand berücksichtigen, sondern auch die Entwicklung. Wenn es
früher Demonstrationen gegeben hat, haben die Eltern ihre Kinder
zurückgehalten und sie daran gehindert, teilzunehmen. Das ist jetzt
anders: Die Wirtschaftskrise und der Versuch, das Privatleben erneut zu
talibanisieren, hat so viele Menschen gegen das Regime aufgebracht,
dass die Eltern zwar nicht unbedingt selbst an den Demonstrationen
teilnehmen, aber sie lassen die Kinder gehen und rufen im Schutz der
Dunkelheit von den Dächern „Allahu akbar“ und „Marg bar diktator“ (Tod
dem Diktator). Und das ist neu. Die Studentenbewegung hat früher
Tausende auf die Straße gebracht, im vergangenen Halbjahr sind dagegen
Millionen Menschen auf die Straße gegangen. Die Angst der Herrschenden
ist die, dass sich auch die Zögernden anschließen.
Prodomo: Es gibt immer wieder Berichte
darüber, dass sich die wirtschaftliche Situation im Land
verschlechtere. Arbeitslosigkeit und Inflation steigen an; viele
Arbeiter, wohl auch in staatlichen Betrieben, warten vergeblich auf
ihren Lohn. Grundsätzlich fallen mir drei mögliche Reaktionsweisen ein:
nationaler Schulterschluss, individuelles Durchwursteln oder Rebellion.
Was halten Sie im Iran für am wahrscheinlichsten?
Ali Schirasi: Die Oppositionsbewegung hat keine
zentralen Führer und konzentriert sich darauf, möglichst viele Menschen
zu mobilisieren. Selbst die Pasdaran-Führung hat inzwischen erkannt,
dass sie diese Bewegung nicht so einfach los wird wie die Reformisten.
Letztere hat sie verhaftet und vielen einen kurzen Prozess gemacht.
Aber das hat nicht bewirkt, dass die Demonstrationen schwächer wurden.
Die heutige Bewegung ist ein Netzwerk, das Computer und Handy einsetzt,
die kann man nicht mit der Inhaftierung von ein paar Hundert Menschen
zum Stillstand bringen. Jetzt will das Regime zwar mit Todesurteilen
die Opposition einschüchtern und mit scharfer Munition auf die
Demonstranten schießen, aber das ist ein gefährliches „Experiment“. Ich
kann die Zukunft nicht vorhersagen, sicher ist nur eins: Dass
diejenigen, die jetzt aktiv sind, möglichst viele Menschen zum
Protestieren bewegen wollen. Und das ist bis jetzt in zunehmendem Maß
gelungen.
Prodomo: Was ist mit der
Arbeiterbewegung los? Es haben sich im Iran in den letzten Jahren viele
unabhängige Gewerkschaften gegründet, die zahlreiche Streiks
organisiert haben. Sicherlich sympathisieren viele Mitglieder dieser
Gewerkschaften mit der Opposition und beteiligen sich wohl auch an den
Demonstrationen. Warum ist es nach den Wahlen nicht zu einer großen
Streikwelle gekommen, die ja die Erfolgsaussichten der Opposition
möglicherweise entscheidend vergrößern würde?
Ali Schirasi: Was ist mit der Arbeiterbewegung
los? Wir sollten eher fragen, was ist mit der iranischen Industrie los?
Die Fabriken im Iran arbeiten in Folge der Wirtschaftskrise nur mit 40%
ihrer Kapazität? Wenn Ahmadinejad im Land herumreist und Arbeiter
organisiert werden, um ihn zu begrüßen, sieht man in ihren Händen
kleine Plakate mit Sätzen wie: „Wir haben seit einem Jahr unseren Lohn
nicht erhalten.“ Die Arbeitgeber würden sich freuen, wenn die Arbeiter
streiken würden, dann wären sie die wenigstens los und bräuchten die
ausstehenden Löhne nicht zu zahlen. Dies gilt für den Hauptteil der
Industrie. Es gibt aber auch Bereiche, die noch wirtschaftlich
arbeiten. Das ist zum Beispiel der öffentliche Verkehr in Teheran,
dessen Angestellte schon seit fünf Jahren versuchen, eine unabhängige
Gewerkschaft aufzubauen, die Zuckerrohr verarbeitende Fabrik
„Ney-shekar-e Haft Tape“ und das ist vor allem die Erdölindustrie. Hier
gilt aber zu bedenken, dass der Staat in den meisten Firmen seine
Spitzel- und Überwachungseinheiten unter dem Namen „Andschoman-e
Eslami“ (Islamischer Verein) oder „Basij-e Kargari“
(Arbeiter-Basij/Miliz) betreibt, besonders natürlich in den
erdölfördernden Firmen. Dieses Spitzelsystem hat schon in früheren
Zeiten dafür gesorgt, dass gewerkschaftliche Aktivisten erkannt und
verhaftet wurden. Die unabhängigen Gewerkschafter der Teheraner
Verkehrsbetriebe „Vahed“ (z.B. deren Leiter Mansur Osonlu) oder der
Zuckerrohrfabrik „Ney-shekar-e Haft-Tape“ sind noch heute im Gefängnis.
Gerade weil der Streik in der Erdölindustrie zur Schahzeit wesentlich
zum Sturz des Schahs beigetragen hat, ist dort die Überwachung und
Repression auch besonders groß. Dadurch, dass die Erdölindustrie im
Iran verstaatlicht ist, konnte der Staat die Kontrolle an die Pasdaran
übertragen, die stark genug sind, die Erdölarbeiter in Schach zu
halten. So kam es erst jetzt in der industriellen Energie-Sonderzone
Assaluyeh im Südwesten der Provinz Buschehr am Persischen Golf zu einer
Entlassungswelle von 8.000 Arbeitern, weiteren 56.000 Arbeitern droht
die Entlassung. Die Entlassenen werden die Reihen der Unzufriedenen
sicher verstärken, aber sie sind keine organisierte Kraft, sonst wären
sie schon längst verhaftet worden. Solange unter den Erdölarbeitern
Angst vorherrscht, ist ein Streik nicht zu erwarten. Die
Wirtschaftspolitik des Regimes, die zu einer Ruinierung der iranischen
Industrie und Landwirtschaft führt, hat aber zur Folge, dass das Heer
der Arbeitslosen und Unzufriedenen ständig wächst. Dies ist das
Reservoir, aus dem die Protestbewegung künftig schöpfen wird. Nicht
umsonst warnte der ehemalige Staatspräsident Rafsanjani in einem Brief
an Ajatollah Khamenei, an der Quelle könne man einen Fluss noch mit ein
paar Schaufeln Erde zuschütten, aber wenn er erstmal zur Flutwelle
ausgewachsen ist, dann hilft auch ein Elefant nicht mehr.
Prodomo: Anfangs sah es so aus, als
ginge es in erster Linie um den Wahlbetrug. Inzwischen scheint sich die
Opposition radikalisiert zu haben und zumindest zum Teil ein Ende des
khomeinistischen Systems anzustreben. Wie stark ist in der Opposition
die Tendenz hin zu einem säkularen Staat?
Ali Schirasi: Ich komme noch einmal auf den
Begriff „Opposition“ zurück. Unter der Elite gibt es eine
Auseinandersetzung zwischen denen, die derzeit die Macht haben, und
denen, die sie hatten. Die letzteren nennen sich Reformer. Ihr Ziel ist
es, die Islamische Republik nach Khomeinis Muster zu erhalten, denn
sonst verlieren auch sie ihre Privilegien. Gegenüber den säkularen
Parolen der Demonstrierenden verkündet Mousavi laufend, dass der Staat
wieder zu den Ursprüngen zurückkehren müsse, dass die Bevölkerung
glücklich und zufrieden sein werde, wenn das iranische Grundgesetz
korrekt verwirklicht und Khomeinis Modell in die Wirklichkeit umgesetzt
werde, und er wiederholt das Machtwort Khomeinis zu Beginn der
Islamischen Republik: „Islamische Republik, kein Wörtchen mehr, und
keins weniger.“ Demgegenüber ist die Oppositionsbewegung auf der
Straße, die Mittelschicht inklusive der Studentenbewegung zu sehen.
Ihre Parolen lauten: „Esteqlal, Azadi – Jumhuriye Irani.“
(„Unabhängigkeit, Freiheit – Iranische Republik“ – aber nicht
Islamische Republik!). Oder: „Chamenei qatel-e, velayat-ash batel-e.“
(Khamenei ist ein Mörder, seine Herrschaft/Vollmacht ist ungültig). Die
Menschen gehen auf die Straße, egal was die Reformer sagen, und sie
lassen sich in der Wortwahl auch nichts von den Reformern diktieren. Es
wird immer deutlicher, dass ein säkulares Modell in der Protestbewegung
die größte Anhängerschaft hat. Allerdings sind die Meinungen in einem
Punkt geteilt: Während die einen finden, dass man das Grundgesetz
ändern und ein neues System aufbauen müsse, meinen die anderen, man
dürfe derzeit noch nicht so radikale Forderungen stellen, sondern solle
erstmal die jetzigen Machthaber durch Mousavi ersetzen. Wenn der dann
an der Macht ist, sei man ihn schnell los und könne die Staatsform
verwirklichen, die die Mehrheit will. Die Machthaber sind sich dieser
Denkweise durchaus bewusst. So erklärt Ajatollah Khamenei in seinen
öffentlichen Ansprachen immer wieder – zu den Reformern gewandt: „Wir
sind eine Familie. Wenn ihr dran kommt, könnt ihr euch nicht mal ein
paar Monate halten, dann werdet ihr weggefegt.“
Und tatsächlich – so wie zum Ende der Schahzeit auch in den
traditionellen Köpfen der Schah nur noch als Problem und sein System
als untauglich erschien, so sind die Anhänger der Islamischen Republik
spätestens seit den letzten Wahlen und den Ungeheuerlichkeiten, die
danach passiert sind, zum Schluss gelangt, dass dieses System nicht
mehr das ihre ist. Die Islamische Republik ist in den Köpfen und Herzen
der Bevölkerung gestorben.
Prodomo: Häufig hört man aus den
Reihen der Opposition auch den Vorwurf an die Adresse der gegenwärtigen
Machthaber, diese hätten die ursprünglichen Ideale der islamischen
Revolution verraten. Kann man das als bloße Rhetorik oder
Minderheitenmeinung abtun oder haben große Teile der Opposition nicht
mit den Vorstellungen er 1979er Revolution gebrochen? Selbiges in Bezug
auf die "Allahu-Akbar"-Rufe.
Ali Schirasi: Ich wiederhole: Wir müssen
unterscheiden zwischen der Elite, deren Politikern wie Mousavi und
Karoubi, die letztlich die verlorene Macht wiedergewinnen wollen und
deshalb die Islamische Republik retten wollen, und zwischen der Masse
der Demonstrierenden, die diese Politiker längst überholt hat und in
keiner Partei organisiert ist. Für die sind die „Werte der Revolution“
leeres Geschwätz. Ein Regime, das am Fernsehen für alle sichtbar lügt –
bei den Präsidentschaftswahlen für alle Bürger gut zu sehen, ein
Regime, dessen Vertreter junge Männer im Gefängnis vergewaltigt, hat
seine moralische Glaubwürdigkeit verloren. Dass die Allahu-Akbar-Rufe
nachts von den Dächern ertönen, zeigt deutlich, dass es sich nicht mehr
um eine islamistische Masse handelt, die einen Gottesstaat will,
sondern um Menschen, die noch die Gewalt des Staates fürchten, aber
seine eigenen Worte im Mund umdrehen und zur Waffe machen. Der Ruf
Allahu-Akbar hat in der iranischen Revolution von 1979 eine eigene
Geschichte. In der Anfangszeit trauten sich viele Gegner des Schahs
noch nicht zu rufen: „Marg bar shah“ (Tod dem Schah). Denn dann hätte
sie der Geheimdienst Savak verhaftet. Stattdessen riefen die Menschen:
„Allahu akbar“ (Gott ist größer – ergänze: als der Schah). So war es
auch jetzt. Zuerst hieß es: „Allahu akbar“ (Gott ist größer –ergänze:
als die Herrscher), jetzt heißt es: „Marg bar diktator“ (Tod dem
Diktator), „Marg bar Chamenei“ (Tod über Khamenei). Der Ruf „Allahu
akbar“ hat schon nicht mehr die Bedeutung wie zu Beginn der Proteste,
weil der Mut zugenommen hat.
Prodomo: Wie organisiert sich die
Opposition? Man hört immer wieder, dass Mousavi und Karoubi zwar
Symbolfiguren, nicht aber die eigentlichen Anführer der Opposition
seien, sondern dass es sich um einen genuinen Massenaufstand handelt.
Ohne eine gute Koordination aber wären die Demonstrationen vermutlich
viel angreifbarer. Wie werden die Aktionen der Opposition koordiniert?
Ali Schirasi: Es ist richtig: Mousavi und
Karoubi sind bestenfalls Gallionsfiguren des Widerstands, aber keine
Führer. Wäre es anders, hätten die Machthaber das Land schon längst im
Griff. Als die Wahlkampfstäbe von Mousavi nach dem Wahlbetrug verhaftet
wurden, erklärte selbst Mousavi: „Jeder einzelne ist ein
Mousavi-Wahlkampfstab.“ Und damit wies er auf ein Phänomen hin, das
heute die Politikwissenschaftler in der ganzen Welt beschäftigt. Die
Oppositionsbewegung im Iran hat keine Hierarchie, keine Köpfe, die
Befehle erteilen, und trotzdem funktioniert sie. Die Losung des
Widerstands lautet: „Jeder ist seine eigene Organisation.“ Und die
Bewegung funktioniert danach: So stellte die Führung der Pasdaran sechs
Monate nach der Wahlfälschung und den Protesten gegen die Putschrede
von Ajatollah Khamenei fest, dass damals allein im Raum Teheran 300.000
(!) Kleingruppen in Kontakt getreten seien, worauf die
Massendemonstrationen folgten. Die Disziplin der Demonstrierenden ist
nicht Ausdruck einer einheitlichen Organisation, sondern eines guten
Wissensstandes. Wir haben es zum beachtlichen Teil mit gebildeten
Vertretern der Mittelschicht zu tun, die die Technologien des Internets
zu nutzen wissen, die sich über Webseiten und Diskussionsforen
austauschen. Das führt dazu, dass viele Menschen sich bewusst sind,
welche Fehler sie vermeiden müssen und worauf sie hinarbeiten wollen.
So wäre auch die größte Organisation nicht in der Lage, bei
Massendemonstrationen wie bei denen zum Aschura-Tag an beliebige Orte,
wo Polizisten oder Basijis eingekesselt wurden, Menschen zu entsenden,
die sich schützend vor die Beamten stellen. Aber weil es genügend
einsichtige, informierte Menschen in der Bewegung gibt, finden sich an
jedem Ort, wo Tausende Demonstranten zusammengekommen sind, genügend
beherzte Menschen – oft Frauen! –, die sich gewalttätigen oder
rachesüchtigen Demonstranten entgegenstellen, um eine Konfrontation mit
den einzelnen Beamten zu verhindern. Internet bedeutet auch, dass sich
die Iraner ihre eigene Geschichte bewusst machen können. Denn der
heutige Staatsapparat ist aus einer Revolution hervorgegangen, er weiß
von innen, wie das geht, und er hat dreißig Jahre lang gelernt und
erfolgreich praktiziert, gegnerische Organisationen zu zerschlagen und
bis auf die Ebene einfacher Mitglieder aufzudröseln. So sind die
Volksmujahedin, die Volksfedayin und sämtliche linken Organisationen
seit der Machtergreifung Khomeinis zerschlagen worden und es ist auch
nichts mehr an ihrer Stelle entstanden. Aber wie die Pasdaran in ihren
eigenen Zeitschriften schreiben: „Wir haben gelernt, mit Hardware
umzugehen, aber wir wissen nicht, wie wir mit der Software fertig
werden. Das müssen wir möglichst rasch lernen.“
Prodomo: Sollten Khamenei und
Ahmadinejad gestürzt werden: Was kommt danach? Wie wird in der
Opposition darüber diskutiert? Entstehen in der Opposition gerade die
Keimzellen eines neuen politischen Systems?
Ali Schirasi: Wie gesagt, im Iran haben die
Pasdaran den Staat in der Hand. Es ist denkbar, dass sie selbst
Ahmadinejad absetzen, um ein Nachgeben vorzutäuschen, und stattdessen
zum Beispiel einen einflussreichen Pasdar-Kommandanten wie General
Rahim Safawi zum Nachfolger einsetzen. Dann ändert sich nichts. Es ist
auch denkbar, dass Ajatollah Khamenei und Ahmadinejad abgesetzt werden
und die Pasdaran den Expertenrat benützen, um eine neue Führung mit
Vertretern der Geistlichen und der Pasdaran einsetzen, die provisorisch
die Geschäfte weiterführt. Auch das wäre keine Änderung. Sollte es aber
so weit kommen, dass die Pasdaran selbst auseinanderbrechen und die
Staatsgewalt verlieren, dann wäre tatsächlich eine neue Situation
gegeben. Die Haupttendenz in der Bewegung liegt in Richtung einer
säkulären, demokratischen Republik mit einer neuen Verfassung. In
dieser Republik sollten Religion und Staat getrennt sein. Die
Bevölkerung sollte erst in einem Referendum über die gewünschte
Staatsform entscheiden. Die Lebenserfahrung der Durchschnittsbürger ist
so, dass die Menschen gewohnt sind, in einem kulturellen Mosaik aus
verschiedenen Religionen und Volksgruppen zu leben. Die Intoleranz
gegen Juden oder Sunniten ist ein Produkt des Khomeini-Systems, nicht
aber Ausdruck einer Mehrheitsstimmung in der Bevölkerung. Aus diesem
Grund ist bei einer freien Abstimmung über eine künftige Staatsform zu
erwarten, dass die Minderheitenrechte geachtet werden.
Prodomo: Würden Sie folgende
Einschätzung teilen: Die wesentlichen ideologischen Säulen der
islamischen Republik (und des Islamismus im Allgemeinen) sind
Frauenhass, Antiamerikanismus und Antisemitismus. Die Opposition ist
zum Scheitern verurteilt, wenn sie nicht damit bricht.
Ali Schirasi: Über die Rolle der Frauen im Iran
wird auch in Deutschland viel geschrieben und man liest an vielen
Stellen, dass sie im Iran mehr Freiheiten haben als in Saudi-Arabien.
Und darum geht es: Die Frauen sind im Iran aktiver, weil sie sich seit
Beginn der Islamischen Republik laufend wehren mussten. Gegenüber der
Schahzeit hatten sie einige Rechtspositionen verloren – zum Beispiel im
Scheidungsrecht, ihnen wurden nun nicht mehr nur von der Tradition,
sondern vom Gesetz Vorschriften gemacht, wie sie sich kleiden sollten,
und vor allem, Khomeini und seine Anhänger vertraten die Auffassung,
dass die Frau zu Hause bleiben solle und dem Mann gehorchen müsse. So
legten sie die Scharia aus, die im Iran Gesetz wurde. Frauen durften
höchstens auf die Straße, um Khomeinis Anliegen in der Öffentlichkeit
zu unterstützen. Aber die Wirtschaftspolitik und der Krieg mit dem Irak
führten dazu, dass die Frauen gar nicht zu Hause bleiben konnten, wenn
sie und die Familie überleben wollten. Sie mussten raus, arbeiten, und
waren dann mit allen diskriminierenden Gesetzen konfrontiert, die die
Islamisten erlassen hatten. Im öffentlichen Transport – der Bus im
Frauenabteil ist vollgestopft, bei den Männern ist noch Platz, aber
keine Frau darf sich dort setzen. Und und und… Im Iran als Frau zu
überleben, bedeutete, ständig um seine Rechte zu kämpfen. Und die
Frauen haben gekämpft und kämpfen weiter. In der Oppositionsbewegung
sind sie an vorderster Front zu sehen, sie rufen die Parolen an der
Spitze der Kundgebungen, sie stellen sich vor die Polizisten, wenn sie
von Demonstranten angegriffen werden, sie bringen durch Verstöße gegen
die Bekleidungsvorschriften schon seit langer Zeit ihre Opposition
gegen das Regime zum Ausdruck. Wichtige NGOs im Iran wurden von Frauen
gegründet und geleitet, hier sei nur an Schirin Ebadi erinnert. Und
weil es in der Oppositionsbewegung keine Vertikale, keine Hierarchie,
keine Führer gibt, besteht auch nicht die Gefahr, dass nach dem
Zusammenbruch des Systems auf einmal die Frauenrechte ignoriert werden.
Die Frauen haben Organisationserfahrung und –wissen, und sobald mehr
Freiräume erkämpft sind, kann sie nichts mehr daran hindern, sie
genauso zu nutzen wie die Männer.
Der Antiamerikanismus im Iran ist an erster Stelle eine Reaktion auf
den Imperialismus der britischen und US-amerikanischen
Erdölgesellschaften und der Politiker im Schlepptau dieser
Gesellschaften. Die Iraner hatten 1953 eine Regierung unter Dr.
Mossadegh, die vieles verändern und reformieren wollte und dann mit
Unterstützung der USA weggeputscht wurde. Die Folge der Repression
spürten alle Iranerinnen und Iraner, auch in entlegenen Provinzen auf
dem Land. Khomeini nutzte seinerzeit diese Grundstimmung, um sich mit
der Besetzung der US-Botschaft gegenüber der Linken im Iran zu
profilieren und zugleich, um im Ausland – in der Sowjetunion und der
westlichen Linken – Unterstützer für seinen „Kampf gegen den
Imperialismus“ zu gewinnen. Und darin war er – und selbst jetzt
Ahmadinejad - sehr erfolgreich, wie man anhand der Lektüre diverser
linker Zeitschriften in Deutschland leicht feststellen kann. Inzwischen
kann man aber beobachten, dass die Parolen der iranischen Regierung
„Marg bar Amrika“ (Tod gegen Amerika) nicht mehr ziehen und auf Videos
zum Qods-Tag (Jerusalem-Tag, einem wichtigen „Feiertag“ des Regimes)
kann man hören, wie die Basijis rufen: „Marg bar Amrika“ und die Menge
entgegentönt: „Marg bar Russiye“ (Tod gegen Russland), weil die
russische Regierung sich sehr früh nach den Wahlfälschungen auf die
Seite von Ahmadinejad gestellt hatte. Selbst unter den Reformern
vertritt heute ein beachtlicher Teil die Auffassung, es mache keinen
Sinn, die Konfrontation mit den USA zu suchen. Wenn der Iran sich
wirtschaftlich entwickeln wolle, könne er nicht die größte
Wirtschaftsmacht der Welt ignorieren. In der Oppositionsbewegung ist
von Antiamerikanismus nichts zu hören, es gibt sogar vereinzelte
Stimmen, die sagen, Amerika solle die iranischen Machthaber stürzen,
wie sie Saddam Hussein und die Taliban gestürzt habe. Aber das ist eine
Minderheit, die Mehrheit der Iraner wünscht sich jedenfalls keinen
Krieg, die acht Jahre Krieg mit dem Irak liegen noch nicht weit zurück.
Allerdings hofft die Oppositionsbewegung, dass die US-Regierung sie
politisch unterstützt. Die positiven Signale Obamas an die Regierung
Ahmadinejad stoßen dabei auf wenig Verständnis.
Der Antisemitismus war von Anfang an ein Werkzeug der Regierung, das
nicht auf einer in der Bevölkerung verankerten Stimmung beruhte. Die
Forderung, dass Israel aus der Region vertrieben werden müsse, gehörte
zu den ideologischen Grundsätzen Khomeinis. Der Krieg gegen den Irak
wurde unter anderem mit der Parole geführt, bis nach Jerusalem weiter
zu marschieren: „Rah-e Qods az Kerbala migozarad“ (Der Weg nach
Jerusalem führt über Kerbela). Gemeint ist, damit wir Israel erobern
können, müssen wir zuerst den Irak erobern (denn auch wenn Saddam
Hussein den Iran angegriffen hatte und nicht umgekehrt, wandelte
Khomeini den Krieg später in einen Gegenfeldzug um). Der Ruz-e Qods
(Jerusalem-Tag) ist ein wichtiges Propaganda-Ereignis der Islamischen
Republik, der dieses Jahr zum ersten Mal von der Bewegung unterwandert
wurde. Ihre Parole, die auch an den Wänden zu lesen war, lautete: „Na
Ghaze, na Lobnan, janam fada-ye Iran.“ (Nicht für den Gaza-Streifen,
nicht für den Libanon, ich opfere mein Leben für den Iran). Da die
iranischen Machthaber die Fatah, die Hamas und die islamistischen
Bewegungen im Libanon finanziell unterstützen und aus diesen Bewegungen
Leute rekrutieren und im Iran ausbilden, die dann gegen die
Demonstranten eingesetzt werden, braucht man sich nicht zu wundern,
dass in der Opposition die Sympathie für diese Bewegungen sehr gering
ist. Öfters haben die Demonstranten schon erlebt, dass entwaffnete
Messerstecher und Schläger sich nicht mit ihnen verständigen konnten,
weil sie nur arabisch sprachen. Selbst unter den Reformern macht sich
die Auffassung breit, dass es für den Iran gar keinen Grund gibt, sich
in den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern einzumischen. So
entsteht allmählich ein Konsens in der Bevölkerung, sich aus dem
Konflikt herauszuhalten. Ahmadinejad versucht sich vor allem
außenpolitisch zu profilieren, wenn er heute Parolen gegen Israel
vorbringt, mit der iranischen Innenpolitik hat das nichts zu tun.
Interessant ist, dass in bestimmten deutschen Zeitungen Äußerungen von
Ahmadinejad, wonach Israel von der Erdoberfläche verschwinden solle,
noch als Fehlübersetzungen deklariert wurden, der Text sei gar nicht im
Sinne einer Zerstörung Israels gemeint, obwohl Ahmadinejad genau die
Worte aufgriff, die seinerzeit Khomeini ausgewählt hatte, um Israel zu
erobern. Im Iran lockt man mit Parolen gegen Israel keinen müden Hund
mehr hinter dem Ofen hervor.
Prodomo: Würde das jetzige Regime die
Atombombe bekommen, hätte das katastrophale Folgen, und zwar auch und
zwar auch wenn nicht eintritt, was man angesichts permanenter Drohungen
seitens Ahmadinejads und anderer Vertreter des Regimes durchaus
befürchten muss: ein atomarer Angriff auf Israel. Schon der bloße
Besitz der Atombombe wäre ein großer außenpolitischer Erfolg für das
Regime und könnte als Schutzschild für weitere terroristische
Aktivitäten im In- und Ausland dienen. Lehnt die Opposition dieses
Atomprogramm ab, oder stimmt es, dass auch die Opposition das
Nuklearprogramm als eine Frage der nationalen Ehre ansieht?
Ali Schirasi: Das iranische Atomprogramm stammt
noch aus einer Zeit, als der Islamismus im Iran dem Machtgipfel
zustrebte. Damals bekannten sich die Ideologen des Regimes in ihren
Schriften öffentlich dazu, dass die Welt islamisiert werden müsse, wo
nötig mit Gewalt. Da die Herren sich klar darüber waren, dass sie das
mit einer klassischen Kriegsführung nicht bewerkstelligen könnten,
schlugen sie zwei Wege vor, um ihre Macht weltweit auszubreiten. Zum
einen sollten Selbstmordattentäter ausgebildet werden, die den Krieg in
die Wirtschaftszentren der Welt tragen konnten, zum anderen sollte der
Iran die Atombombe bauen, um die Ölvorkommen in der Region unter seine
Gewalt zu bekommen. Die Atombombe sollte eine islamische Bombe werden,
mit der die iranischen Herrscher die islamische Welt ausrüsten wollte,
um damit zugleich auch eine führende Stellung im Islam weltweit
einzunehmen. Denn Khomeinis Ideologie beschränkte sich nicht auf eine
Machtausübung nur über die Schiiten. Das war zum Höhepunkt der Macht.
Die Ziele der Fundamentalisten haben sich nicht geändert. Eine
islamisierte Welt ist auch heute noch ihr Wunschtraum. Aber heute wird
anders argumentiert: Der Iran brauche billigen Strom, und dafür sei die
Atomkraft wichtig. Das ist allerdings eine These, die selbst unter den
Prinzipialisten keine allgemeine Unterstützung findet. Sie, ebenso wie
viele Reformer, finden, dass der Preis dafür zu hoch sei. Man sei auf
wirtschaftliche Zusammenarbeit mit anderen Staaten angewiesen, da dürfe
man sich nicht unnötig Hindernisse in den Weg legen und ein UN-Embargo
riskieren.
In der Bevölkerung sieht man die Sache noch etwas anders: Viele sagen –
jetzt, wo so viele Fabriken still stehen, wo wir nicht mal genügend
Benzin für unsere Autos haben, wo wir das vorhandene Erdgas bei der
Erdölförderung ungenutzt verbrennen, haben wir mehr davon, wenn wir in
diesem Bereich investieren statt in die Atombombe. Während die
Geistlichen von der Kanzel verkünden: „Enerji-ye haste-i haqq-e
mosallam-e mast.“ (Die Kernenergie ist unser natürliches Recht) ruft
die Bevölkerung auf den Demonstrationen: „Nan, kar, azadi – haqq-e
mosallam-e mast.“ (Brot, Arbeit, Freiheit ist unser natürliches Recht).
Auch schreibt die jugendliche Intelligenz in ihren Webseiten, dass
Russland nun schon seit dreißig Jahren das Atomkraftwerk in Buschehr
fertig baue (angefangen hatte das die Kraftwerkunion von Siemens in der
Schahzeit!), und es komme noch immer kein Strom, um auch nur zwei
Städte damit zu versorgen. Man solle die Atomkraft besser links liegen
lassen und das Geld dort reinstecken, wo es etwas bringe.
Prodomo: Es gab Berichte darüber (und
ich halte sie für plausibel), dass zur Niederschlagung der Proteste
Mitglieder libanesischer (Hezbollah) und palästinensischer (Hamas)
Terrorgruppen eingeflogen wurden. Überhaupt haben Israel und die
iranische Opposition im Grunde dieselben Feinde. Man kann sagen, dass
der Aufstand gegen das iranische Regime und Israels Kampf für die
eigene Sicherheit nur zwei Schauplätze einer umfassenderen, weltweit
geführten Auseinandersetzung sind. Gibt es in der Opposition ein
Bewusstsein darüber?
Ali Schirasi: Es trifft zu, dass die iranischen
Machthaber bewaffnete Gruppen im Libanon, die Anhänger von Moqtadar
Sadr im Irak, die Anhänger von Gulbuddin Hekmatyar in Afghanistan und
die Hamas in Palästina finanziell massiv unterstützt. Nicht nur das,
die iranischen Herrscher holen auch Hamas- und Hezbollah-Kämpfer in den
Iran und bilden sie in ihren Kasernen aus. Dabei werden die Kämpfer
fürstlich versorgt. Das sehen auch die Iraner, die in diesen Kasernen
ihren Militärdienst absolvieren. So hat sich in der Bevölkerung Unmut
breit gemacht: Wieso werden diese Leute so großzügig unterstützt,
während unsere eigenen, iranischen Soldaten, so knickerig behandelt und
abgefunden werden? Auch die Millionenbeträge, die an ausländische
Terrorbewegungen fließen, werden im Volk kritisiert, schließlich gibt
es im Iran genügend Armut und Hunger, da hat keiner Verständnis für
solche Zahlungen. Im Volk zitiert man hierzu das Sprichwort: Nani ke be
khane wajeb ast, be masjed haram ast. Brot, das im eigenen Haus
benötigt wird, ist für die Moschee verboten – d.h. man darf es nicht
der Moschee spenden. Das bedeutet in diesem Zusammenhang, solange es
uns selbst so schlecht geht, hat keiner das Recht, das Geld für andere
rauszuschmeißen. Aus den genannten Gründen gibt es in der iranischen
Bevölkerung keine Sympathie für die Hamas und andere bewaffnete
Organisationen, die von der iranischen Regierung unterstützt werden.
Für die iranische Opposition ist der Konflikt mit Israel unsinnig und
man kann davon ausgehen, dass sich die iranische Außenpolitik gegenüber
Israel bei einem wirklichen Machtwechsel normalisieren wird.
Das Interview wurde am 5.1.2010 schriftlich geführt. Die
Fragen formulierte Walter Felix.
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