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Heimatschutzkommando Ost
Die Linkspartei als ideeller
Gesamtostdeutscher
JAN GERBER
Das Leben auf dem flachen Land ist zweifellos überall
schrecklich. Niemand, der noch bei Verstand ist, möchte in einem der
Orte leben, die etwa Sinclair Lewis in Main Street oder Babbitt,
zwei der besten Bücher über die Zumutungen der Provinz, beschreibt: Es
herrschen Langeweile, drückende Enge und Borniertheit; die Menschen
können sich gegenseitig nicht ausstehen; und neue Mitbewohner werden
grundsätzlich als Störer der althergebrachten Ordnung – und damit
zugleich: als Zielscheibe der eigenen Aggressionen – betrachtet. Kaum
irgendwo in der westlichen Hemisphäre dürfte es allerdings so
schrecklich sein wie in der ostdeutschen Provinz: also im Grunde
überall, wie es im Fernsehen der DDR hieß, „zwischen Kap Arkona und
Fichtelberg, Brocken und Landskrone“.
Wer über diese Zustände sprechen will, kommt nicht daran vorbei, über
die Partei zu sprechen, die, vermittelt über ihre parteinahe Stiftung,
die heutige Veranstaltung finanziert hat und aufgrund ihrer Vorfeld-,
Neben- und Bündnisorganisationen, ihres Presseapparates sowie ihrer
Senioren- und Stadtteilarbeit fester Bestandteil der ostdeutschen
Alltagskultur ist: die Linkspartei. In Anlehnung an einen viel
zitierten Ausspruch Max Horkheimers von 1939 muss sogar gesagt werden:
Wer von der Linkspartei nicht sprechen will, soll auch von den
Widerwärtigkeiten in der ostdeutschen Provinz schweigen.
I.
Die Linkspartei ist nicht allein Ausdruck der ostdeutschen
Verhältnisse. In ihr verdichtet sich nicht nur all das, was das Leben
im Osten so unerträglich macht: aggressive Weinerlichkeit, dumpfer
Gemeinschaftskult und schlechter Geschmack. Die Linkspartei ist darüber
hinaus der zentrale Katalysator dieser Zustände. Sie ist das, was ihre
Vorgängerorganisation SED immer sein wollte: Avantgarde. Diesen
Avantgardestatus übernimmt die Partei nicht gegenüber der
Arbeiterklasse, von der auch die SED nicht mehr allzu viel wissen
wollte. Die Linkspartei gibt sich vielmehr als Vertreterin eines
unterdrückten Volkes, das sich gegen „imperialistische Fremdherrschaft“
oder, wie es bei Sahra Wagenknecht regelmäßig heißt, imperialistische
„Fremdverwaltung“ (junge welt vom 14. Juli 1994) zur Wehr
setzt. Auch wenn der Vorschlag der Dresdner PDS-Politikerin Christine
Ostrowski, die PDS in eine OVP, eine Ostdeutsche Volkspartei,
zu transformieren, in den 1990er Jahren parteiintern abgewählt wurde,
ist die SED-Nachfolgerin längst im schlechtesten Sinn Volkspartei.
Zentrale Voraussetzung für ein Aufgehen in der Linkspartei ist
dementsprechend nicht das, was früher als „fortschrittliche Gesinnung“
bezeichnet wurde. Wer als Klient, Verhandlungs- oder Bündnispartner der
PDS in Frage kommen will, muss vielmehr ostzonale Herkunft, zumindest
aber ostzonale Gesinnung vorweisen können. Ganz in diesem Sinn gründete
Gregor Gysi 1992 mit dem brandenburgischen CDU-Rechtsaußen
Peter-Michael Diestel die Komitees für Gerechtigkeit, eine
Art ostdeutschen Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten,
der um der gemeinsamen Herkunft willen, O-Ton Gysi, „strittige Fragen,
etwa die Asylpolitik, ausklammern“ wollte (zit. nach konkret
2/2007). Ganz in diesem Sinn fungiert die Linke in den alten
Bundesländern nach einer knapp 20jährigen Latenzzeit als Auffangbecken
für die Ehren-Ossis des Westens: für ein Milieu, das der guten alten
Zeit der Ära Schmidt hinterhertrauert, sich permanent „belogen und
betrogen“ fühlt und die eigene Unzufriedenheit auf den Einfall
ausländischer „Heuschrecken“ (Franz Müntefering) zurückführt. Und ganz
in diesem Sinn ist die Linkspartei immer dann zur Stelle, wenn sich
Ostdeutsche wieder einmal gegen Asylbewerberheime, Pfarrer aus dem
Westen oder die Unterbringung jüdischer Kontingentflüchtlinge
zusammenrotten [1], um selbst die größten Sauereien unter Verweis auf
den Verlust von Polikliniken, Arbeitsplätzen und – insbesondere dann,
wenn das materielle Argument zu leicht als Lüge enttarnt werden kann –
„Identität“ zu rechtfertigen. Dem Ost-Volk wird so erstens
signalisiert, dass jemand für seine Ausfälle Verständnis hat. Es wird
zweitens zu weiteren Exzessen angestachelt. Und ihm werden drittens für
diese Exzesse Begründungsmuster und -floskeln an die Hand gegeben, mit
denen es seinen Jagdtrieb auch in Zukunft rationalisieren und gegenüber
dem Westfernsehen rechtfertigen kann: Insbesondere die Formel vom
Identitätsverlust, die mittlerweile zum Standardwortschatz jedes
mecklenburgischen Zeltplatzschlägers gehört, dürfte im Osten überhaupt
erst von der PDS verbreitet worden sein.
II.
Während sich der Parteivorstand oft noch im Lavieren übt, kommt das
Wesen der marxistisch-leninistischen „Dialektik von sozialer und
nationaler Befreiung“, die der älteren Generation im Parteilehrjahr
eingetrichtert wurde, in den Regionalblättchen, bei den
Mitgliederversammlungen und Kreisparteitagen der Linken
unverstellt zur Geltung. Beim Blick auf die Parteibasis und die Wähler
der Partei wird deutlich, was seit dem Beginn der Dekolonisierung auch
in der Dritten Welt beobachtet werden konnte: Der Kampf gegen
Fremdherrschaft richtet sich weniger gegen die Herrschaft als gegen die
Fremden. So hat die Linkspartei prozentual gesehen nicht nur von allen
Parteien, die im Bundestag vertreten sind, den größten Anteil
ausländerfeindlicher Wähler. (vgl. konkret, Nr. 2/2007)
Auch die geradezu obsessive Begeisterung der PDS-nahen Presse für
Hamas, Fatah und Co. dürfte nicht zuletzt vor dem Hintergrund zu
verstehen sein, dass die Palästinenser mit ihrem Kampf für die
heimatliche Scholle, den autochthonen Trachtenverein und das damit
verbundene Recht auf das große Halali gegen Fremde einen
Stellvertreterkrieg für genuin ostdeutsche Wünsche führen: Wenn das Neue
Deutschland über die Schießereien in Hebron, Gaza und
Ramallah berichtet, dann schreibt es weniger über die Zustände im Nahen
Osten als über den ersehnten Aufstand der Betriebskampfgruppe „Schwarze
Pumpe“ gegen Besserwessis, Treuhandanstalt und „Fremdarbeiter“, die
Chemnitzer Familienvätern nach Ansicht Oskar Lafontaines die Arbeit
wegnehmen (Die Welt vom 17. Juni 2005). Überall dort, wo die
Linkspartei besonders stark ist, ist es dementsprechend für Fremde
besonders gefährlich; überall dort, wo die Linkspartei große
Wahlerfolge einfahren kann, ist es für nonkonforme Jugendliche
besonders schwer; und überall dort, wo die Linkspartei die berühmte
kulturelle Hegemonie ausüben kann, ist auch die öffentliche Toleranz
gegenüber Neonazis besonders groß. [2]
Die Grenzen zwischen rechts und links waren dabei zwar nie besonders
sicher: Der regelmäßige Flirt der Gysi-Truppe mit der Nation (vom
Deutschnationalismus des Grafen Einsiedel über Gabi Zimmers
„Ich-liebe-Deutschland“-Rede bis hin zu Oskar Lafontaines
Sozialpatriotismus) steht durchaus in schlechter linker Tradition.
Dennoch steht die Linkspartei nicht nur für gelegentliche Grenzgänge,
sondern für ein Phänomen, das Kurt Hiller im Hinblick auf den
Nationalbolschewismus à la Karl O. Paetel, Otto Strasser oder Otto Graf
schon in den 1920er Jahren mit der Formel „linke Leute von rechts“
umschrieb. Die Linkspartei könnte also genauso gut Rechtspartei heißen.
[3] So weist die Partei nicht nur seit Jahren den höchsten Anteil an
Wählern auf, die ihr zweites Kreuz bei NPD oder DVU machen. Auch bei
der Begeisterung für Law and Order, traditionell eher ein right-wing
issue, haben die Freunde der Linken die Wähler der
anderen großen Parteien längst geschlagen: 75 Prozent der
Linkspartei-Wähler in Sachsen-Anhalt sind laut aktuellem Sachsen-Anhalt-Monitor,
einer empirischen Untersuchung, die seit 2007 in den ehemaligen
DDR-Bezirken Halle und Magdeburg erhoben wird, der Meinung, dass
Sicherheit wichtiger als Freiheit sei. [4] Das heißt: Je größer die
Wahlpräferenz für die Linkspartei ist, umso größer ist auch die
Bereitschaft, individuelle Freiheitsrechte für einen stärkeren Staat –
und das heißt erfahrungsgemäß: Eingriffe in die Privatsphäre,
Sozialkontrolle und härtere Strafen – zu opfern.
III.
Wie alle Weltanschauungsparteien wird auch die Linkspartei weniger
aufgrund ihres Parteiprogramms gewählt, das freilich auch schon schlimm
genug ist. [5] Sie wird vielmehr für das gewählt, wie es in den
Marktplatzreden Gregor Gysis regelmäßig heißt, „wofür sie steht“.
Dieses Standpunktprogramm kann gerne auch im Widerspruch zum
offiziellen Parteiprogramm stehen. Selbst dem langjährigen
PDS-Vizevorsitzenden Wolfgang Gehrke blieb vor einigen Jahren nichts
anderes übrig, als zuzugeben, was bis heute gültig sein dürfte: Die
Partei wird nicht wegen ihrer gelegentlichen Kritik am
Rassismus (die an der Basis ohnehin als Spleen des unter westdeutschem
Einfluss stehenden Parteivorstands gewertet werden dürfte), sondern trotz
dieser Kritik gewählt (konkret, Nr. 11/1998). Die regelmäßigen
Verstöße Oskar Lafontaines gegen das Parteiprogramm signalisieren in
diesem Zusammenhang: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.
Dieser Verzicht auf Konsistenz und Konsequenz, der es den Anhängern der
Linken ermöglicht, auch die gegenläufigsten
Vorstellungen und Sehnsüchte auf die Partei zu projizieren, macht den
Verein – und das dürfte seine zentrale Anziehungskraft ausmachen – zum
ideellen Gesamtossi.
Hierzu ein kleiner Exkurs: Legt man die Zahlen einiger empirischer
Untersuchungen und eine Reihe von Alltagsbeobachtungen zugrunde, hat
der typische Ostdeutsche, zur Vereinfachung im Folgenden Silvio
Normalversager genannt, erstens durch die Wiedervereinigung materiell
gewonnen. [6] Trotzdem ist er permanent unzufrieden. Er trauert der
DDR, über die er 1989/90 gar nicht genug Schlechtes erzählen konnte,
einerseits hinterher: Sechs von zehn Thüringern, die hier als durchaus
repräsentativ für die Ostdeutschen begriffen werden können, wollen mit
dem Sozialismus, wie er in der DDR bestanden hat, im Nachhinein
zufrieden gewesen sein; eine knappe Mehrheit findet an der DDR mehr
gute als schlechte Seiten. [7] Andererseits will kaum jemand – in
Thüringen weniger als ein Fünftel der Befragten – die DDR wirklich
zurückhaben. Die Ostdeutschen scheinen es überall dort nicht aushalten
zu können, wo sie und ihresgleichen sind.
Silvio Normalversager hat zweitens zunächst nach Kapitalismus, D-Mark
und Wiedervereinigung gerufen („Helmut rück die D-Mark raus, die
Sachsen kommen im Dauerlauf“), will allerdings jetzt, nachdem er das
Ganze bekommen hat, weder vom Kapitalismus noch von seinem eigenen Ruf
danach etwas wissen. Seine Situation erscheint ihm nicht als Resultat
eigener Handlungen und Entscheidungen, sondern als Folge fieser
Machenschaften finsterer Mächte. Ganz in diesem Sinn sieht er sich
permanent benachteiligt, hintergangen und übervorteilt: Mehr als die
Hälfte der Bewohner Sachsen-Anhalts glaubt sich von Westdeutschen als
„Mensch zweiter Klasse“ behandelt; 23 Prozent der Ostdeutschen stimmen
der Aussage „Deutschland ist gefährlich überfremdet“ „voll und ganz“ zu
[8] – und haben keinerlei Angst, sich damit angesichts eines
Ausländeranteils von zwei Prozent, wenn diejenigen, die das Land
„gefährlich überfremden“, also erst mit einer Sonderfahndungseinheit
gesucht werden müssten, lächerlich zu machen. [9]
Und Silvio Normalversager benimmt sich drittens bei Sonderangeboten
zwar wie bei der Raubtierfütterung im Zoo – er war und ist beim legalen
und halblegalen Abgreifen von Eigenheimzulagen, Abwrackprämien und
Subventionen aller Art ganz vorn dabei. Trotzdem wird er nicht müde,
sich über Ellenbogenmentalität und Raffgier zu beschweren. Wie überall,
wo sich Egomanen über mangelnden Kollektivgeist beschweren, soll mit
dem Fingerzeig auf andere auch östlich der Elbe in erster Linie das
eigene Losschlagen gegen vermeintliche Gemeinschaftsschädlinge
legitimiert werden: Gemessen an Bevölkerungszahl und Ausländeranteil
ist es für einen Spanier, Vietnamesen, Portugiesen oder Mosambikaner in
Ostdeutschland dementsprechend immer noch mindestens zehn Mal so
gefährlich wie in den alten Bundesländern. Fast doppelt so viele
Ostdeutsche wie Westdeutsche stimmen der Aussage „voll und ganz“ zu,
dass Ausländer bei Arbeitsplatzmangel in ihre Herkunftsländer
zurückgeschickt werden sollten. [10]
Silvio Normalversager erinnert also an ein zu groß geratenes
Kleinkind, das sein „Ich“ noch nicht vollständig ausgebildet hat: Es
verwechselt seine eigenen Handlungen regelmäßig mit den Handlungen
anderer; es weist die Verantwortung für den Brei an der Wand, die nasse
Windel oder den zerlegten Teddy vehement von sich; und es hat noch
nicht gelernt, dass man zum Fasching nicht als Pirat und Indianer
zugleich gehen kann, und führt die daraus resultierende Entsagung – wer
als Pirat geht, kann kein Indianer sein und vice versa –
nicht auf die Logik, sondern auf die Boshaftigkeit seiner Umwelt
zurück, die es dann zum Ausgleich tyrannisiert.
Diese drei Merkmale: Meckermanie, Selbstentmündigungssyndrom und
projektive Selbstentlastung, sind auch bei der PDS zu beobachten:
1. Meckermanie: Wer die Entwicklung der Partei in den letzten
zwanzig Jahren verfolgt hat, weiß: Ihre Geschichte ist eine
einzigartige Erfolgsgeschichte. Die SED hatte in den letzten Jahren der
DDR vollkommen abgewirtschaftet. Bei den ersten gesamtdeutschen
Bundestagswahlen 1990 machten nur 2,5 Prozent der deutschen Wähler ihr
Kreuz bei der PDS. Langfristig schien auch ihre Präsenz in den
ostdeutschen Landtagen prekär zu werden. [11] Inzwischen sitzen
Linkspartei-Abgeordnete in zwölf Landtagen, bei der letzten
Bundestagswahl erhielten die PDS-Nachfolger rund zwölf Prozent der
Zweitstimmen, die Partei war in mehreren Ländern an der Regierung
beteiligt und auch die Ausdehnung in den Westen, aufgrund ihres
mehrfachen Scheiterns lange Zeit das Problemkind der Partei, ist
gelungen. Trotzdem ist die Linkspartei permanent unzufrieden. Sie
glaubt sich regelmäßig ungerechtfertigt behandelt, benachteiligt und
verfolgt: Wenn wieder einmal bekannt wird, dass ein
Linkspartei-Mitglied Stasimitarbeiter war, sprechen Linksparteiler von
einer „Hexenjagd“ (vgl. etwa Berliner Zeitung vom 3. Dezember
2009) – so als wären Hexenjagden nicht gerade Spezialität des
Staatssicherheitsdienstes der DDR gewesen. Wenn Andrea Ypsilanti bei
ihren Koalitionsverhandlungen mit den Grünen und der
Linkspartei daran erinnert wird, dass sie eine Zusammenarbeit mit der Linken
im Wahlkampf noch kategorisch ausgeschlossen hatte, verstehen die
Genossen das nicht als Erinnerung an die Maxime „Versprechen sind
einzuhalten“, mit der schon Vorschulkinder konfrontiert werden, sondern
sehen eine fiese „Schmutzkampagne“ am Werk (linkspartei-waehlen.de).
Und wenn die ARD Peter Sodann, der schon 2005 für die Linkspartei
kandidieren wollte, darauf hinweist, dass er seine Rolle als
Tatort-Kommissar dann vorübergehend ruhen lassen muss, weil
Mandatsträger und Bewerber um ein Mandat laut Senderrichtlinie nicht
als „gestaltende Personen“ im Fernsehen auftreten dürfen, wittert die
Partei eine hinterhältige Verschwörung: Wer sich in Deutschland „für
links entscheidet“, so Wahlkampfleiter Bodo Ramelow, habe mit
„Berufsverbot“, Ausgrenzung und Ächtung zu rechnen (vgl. Frankfurter
Allgemeine Zeitung vom 6. Juli 2005).
2. Selbstentmündigungssyndrom: Anfang Februar 1990
knüpfte der damalige DDR-Ministerpräsident Hans Modrow, nach wie vor
Ehrenvorsitzender der Linken, an die
Wiedervereinigungsrhetorik der frühen SED an, präsentierte einen Plan
mit dem Titel „Deutschland einig Vaterland“ („Modrowplan“) und schlug
die Einheit der beiden deutschen Staaten vor. Während die im April 1989
in Hamburg gegründete Sammlungsinitiative Radikale Linke
versuchte, die Wiedervereinigung bis fünf nach Zwölf zu bekämpfen,
verwies Modrow im ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlkampf immer
wieder stolz auf seinen eigenen Anteil an der deutschen Einheit. Und
während sich im Kontext von Wiedervereinigung und Radikaler Linker
eine antideutsche bzw. antinationale Linke – beide Begriffe wurden
seinerzeit noch synonym verwendet – herausbildete, warf Gregor
Gysi im Februar 1990 ausgerechnet dem Einheitskanzler Helmut Kohl vor,
nicht genug für die Wiedervereinigung zu tun: „Bisher ist der Kanzler
zu keiner einzigen politischen Konzession um der deutschen Einheit
willen bereit, und das ist antinational.“ (Zit. nach konkret, Nr.
9/1990) Jetzt, wo die Partei bekommen hat, wofür sie wie niemand sonst
in der Linken getrommelt hat, präsentiert sie die Wiedervereinigung
nicht nur immer wieder als Super-GAU der deutschen Geschichte. Sie will
sich auch nicht mehr an ihre eigene Einheitsbegeisterung erinnern und
weigert sich konsequent, Verantwortung für ihren Anteil an der
schwarz-rot-goldenen Hysterie der Jahre 1989 ff. zu übernehmen.
3. Projektive Selbstentlastung: Die Linkspartei wird
zwar nicht müde, sich über Abzocker-Wessis und Diätenjäger zu
beschweren. Das Dumme ist: Sie scheint nicht zu realisieren, dass sie
mit ihrer Rede vom Absahnen und Abzocken vor allem sich selbst
beschreibt. Ob die sachsen-anhaltinische Vorzeige-Linke Petra
Sitte, die vor Jahren einen Billig-Lippenstift klaute (Die Welt
vom 16. Dezember 1995); die Schweriner Fraktionschefin Caterina Muth,
die ein paar Jahre später eine Wimpernspirale mitgehen ließ (Berliner
Kurier vom 12. Januar 1999); der sachsen-anhaltinische
Landesschatzmeister Rolf Bernhardt, der 200.000 D-Mark Parteigelder bei
Dollarspekulationen in den Sand setzte (Die Welt vom 16.
Dezember 1995); oder die Linkspartei in Berlin, die mit Blick auf ihre
Senatssessel und das preiswerte Essen in der Rathauskantine auf ihr
Programm, ihre Versprechen und ihre Wähler pfeift, und genau die
unsozialen Maßnahmen in die Tat umsetzt, die sie sonst so lautstark
verurteilt (Lohnsenkungen bei den Verkehrsbetrieben, Verkauf
städtischen Wohneigentums, Erhöhung der Kindergartengebühren usw.): Die
Partei legt eine Mischung aus Prinzipienlosigkeit und zielloser Gier an
den Tag – wer trotz MdL-Gehalt Billigkosmetik einsackt, stiehlt nicht
aus Bedürftigkeit, sondern weil die Gelegenheit günstig scheint –, die
jeden westdeutschen Gebrauchtwagenhändler der frühen 1990er Jahre
neidisch werden lässt.
Vor diesem Hintergrund dürfte letztlich auch die Sehnsucht des
Linkspartei-Wählers – und wohl auch des Genossen an der Basis – nach
Autorität und Sicherheit zu verstehen sein: Da er annimmt, dass alle
Menschen ein so unsentimentales Verhältnis zu gesellschaftlichen
Umgangsformen, Regeln und Konventionen haben wie er selbst, lebt er in
permanenter Angst. So ist der klassische Autoritäre bekanntlich weniger
ein traditioneller Spießer, der sich nicht vorstellen kann, ein Gesetz
oder eine der zahllosen ungeschriebenen Verhaltensnormen zu brechen,
sondern er ist eher der verhinderte Rebell mit dem Bedürfnis nach
Selbstenthemmung: Weil er kein Über-Ich entwickeln konnte, das ihm
sagt, was richtig und falsch ist („Du sollst nicht stehlen“, „Du sollst
Fremde auch dann nicht durch die Stadt treiben, wenn keine Polizei vor
Ort ist“ usw.), verlangt er aus Angst davor, etwas falsch zu machen,
nach der Dauerpräsenz von Polizei, Ordnungs- und Sicherheitsdienst. Da
er keine innere moralische Instanz ausbilden konnte, hängt er
sich an eine äußere Autorität, die er trotzdem heimlich verachtet,
weil sie ihn daran hindert, sein Bedürfnis nach Enthemmung auszuleben.
IV.
Wer die Hoffnung auf die Humanisierung des flachen Landes, den großen
Traum sozialistischer und kommunistischer Dorflehrer des frühen 20.
Jahrhunderts, nicht ganz ad acta legen will, sollte zumindest
realisieren, dass das zentrale „Problem“ der Provinz, von dem im
Ankündigungstext dieser Veranstaltung die Rede ist, im Osten der
Republik weniger das gern thematisierte Vertriebsnetz rechtsextremer
Lifestile-Devotionalien als die Linkspartei ist. Auch wenn die
Neonazikameradschaften, über die die Rosa-Luxemburg-Stiftung heute
vermutlich gern gesprochen hätte, im konkreten Fall oft gefährlicher
sind als die Rentnerstammtische des PDS-Kreisverbandes Köthen.
*Vortrag, gehalten im Januar 2010 bei einer Veranstaltung
über die ostdeutsche Provinz an der Fachhochschule Anhalt/Köthen.
Anmerkungen:
[1] Als 1990/91 im brandenburgischen Basdorf ein
Asylbewerberheim eingerichtet werden sollte, stellte sich die PDS nicht
nur an die Spitze der Bewegung gegen die Unterkunft, sondern warf allen
anderen auch Zögerlichkeit und Kompromissbereitschaft vor (vgl. konkret,
Nr. 11/1991). Als sich die Dorfgemeinschaft in Gollwitz 1997 gegen
die Unterbringung von jüdischen Flüchtlingen aus der Sowjetunion
zusammenrottete, war es vor allem der Brandenburger Landesverband der
PDS, der die Dörfler unterstützte, ihren Antisemitismus als
berechtigten sozialen Protest ausgab und selbst den verständnisvollen
Landesvater mit Verständnis übertrumpfte (Jungle World, Nr.
49/1997). Und als ein Pfarrer Ende 2007 aus Angst um seine indische
Frau und seine Kinder das thüringische Rudolstadt verließ, war es nicht
zuletzt die örtliche Linke, die nicht die Familie, sondern
die Rudolstädter als das zentrale Opfer des Falls präsentierte.(vgl. Bahamas,
Nr. 55/2008).
[2] Das mag zunächst verwundern: Wer in den 1990er Jahren in
antifaschistischen Initiativen aktiv war, kannte in der Regel den einen
oder anderen PDS-Stadtvorsitzenden, -Landtagsabgeordneten oder -MdB,
der sich als Anmelder für eine Demonstration oder für eine kleine
Anfrage im Parlament hergab. Dieser Anmelder wollte die Neonazis, gegen
die es gehen sollte, allerdings entweder als Westimport begriffen
wissen: als Jugendliche, die von fiesen Kadern aus den alten
Bundesländern verführt worden seien. Oder er handelte bestenfalls mit
Rückendeckung einiger weniger Vorstandsmitglieder gegen die
Parteibasis. Als ein sächsischer Landtagsabgeordneter der PDS in den
1990er Jahren eine antifaschistische Demonstration in Wurzen – laut
Verfassungsschutz seinerzeit das „wohl wichtigste Zentrum der Neonazis
in Deutschland“ – anmeldete, wurde er nicht nur von einigen seiner
Fraktionskollegen kritisiert. Auch die Mitgliederversammlung der
regionalen PDS distanzierte sich vehement von der Demonstration.
[3] Zur linken Geschichte der Rechten vgl. etwa Zeev Sternhell u.a.,
Die Entstehung der faschistischen Ideologie. Von Sorel zu Mussolini,
Hamburg 1999.
[4] Zum Vergleich: Bei der SPD sind es 67, bei der CDU 65 Prozent, bei
der FDP 58 und bei den Grünen 52 Prozent. Die Frage sah auch
die Antwort „Beides ist gleich wichtig“ vor. Die CDU- und SPD-Wähler
waren trotz dieser ebenfalls erschreckenden Zahl in ihrer Mehrheit
allerdings zumindest noch der Meinung, dass Freiheit wichtiger als
Gleichheit sei. Vgl. Sachsen-Anhalt-Monitor 2009. Werte und politisches
Bewusstsein 20 Jahre nach dem Systemumbruch, Halle 2009.
[5] Die Programmatischen Eckpunkte der Linken bestimmen die
USA, deren Politik „auf eine ganz der Kapitalverwertung untergeordnete
Welt“ hinzielen würde, und die „internationalen Finanzmärkte“ als
großes Übel der Welt.
[6] Der Lebensstandard ist nach Ansicht von 69 Prozent der Bewohner
Sachsen-Anhalts gestiegen; 59 Prozent glauben, dass die Chancen auf
einen persönlichen Aufstieg im wiedervereinigten Deutschland besser
sind als in der DDR; und 81 Prozent sind der Überzeugung, dass die
persönliche Freiheit nach 1989 größer geworden ist. Vgl.
Sachsen-Anhalt-Monitor 2009.
[7] Vgl. Thüringen-Monitor 2005. In diesem Zusammenhang ist auch
interessant, was die Bewohner der neuen Bundesländer an der DDR gut
fanden: 77 Prozent der Sachsen-Anhaltiner sind der Meinung, dass der
„Umgang miteinander“ in der DDR besser gewesen sei. Die Zuteilung von
Lehrstellen und die 45 Jahre im gleichen Maschinenpark, die der
Sozialplan der DDR für Schulabgänger vorsah, werden von 57 Prozent der
Befragten in eine bessere „soziale Absicherung“ umgelogen. Und aus den
Kinderaufbewahrungsstätten, in denen man seine Kinder ab der achten
Lebenswoche von morgens um vier bis abends um zehn abgeben konnte, um
sich nicht weiter um sie kümmern zu müssen und sie von griesgrämigen
Kindergärtnerinnen bearbeiten zu lassen, wird von 68 Prozent ein Lob
der Kinderbetreuung in der DDR gemacht. Vgl. Sachsen-Anhalt-Monitor
2009.
[8] Ebd.
[9] Zum Vergleich: Im Westen ist es bei einem fünf Mal höheren
Ausländeranteil ein Drittel der Befragten weniger. Vgl. ebd.
[10] Vgl. Sachsen-Anhalt-Monitor 2009. Im Osten sind es 17 Prozent, im
Westen 9 Prozent. Die Zahl derjenigen, die der Aussage nicht „voll und
ganz“, sondern nur teilweise oder bedingt zustimmten, wird im Bericht
nicht angegeben.
[11] Bei einer Umfrage 1991 konnten sich nur noch fünf Prozent der
Ostdeutschen vorstellen, die PDS zu wählen. (APuZ, Nr. 21/2002)
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