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Sekundärer Narzissmus als
Gesellschaftsprinzip
Über zwei Vorläufer des Nazifaschismus
PHILIPP LENHARD
Bekanntermaßen haben Karl Marx und Friedrich Engels
im dritten Abschnitt ihres Manifests der Kommunistischen
Partei verschiedene Formen von Sozialismus einer geharnischten
Kritik unterzogen. Die geschichtlich womöglich verheerendste Form, der
„deutsche oder ‚wahre’ Sozialismus“, wurde von ihnen folgendermaßen
charakterisiert: „Der Kampf der deutschen, namentlich der preußischen
Bourgeoisie gegen die Feudalen und das absolute Königtum, mit einem
Wort, die liberale Bewegung wurde ernsthafter. Dem ‚wahren’ Sozialismus
war so erwünschte Gelegenheit geboten, der politischen Bewegung die
sozialistische Forderung gegenüberzustellen, die überlieferten Anatheme
gegen den Liberalismus, gegen den Repräsentativstaat, gegen die
bürgerliche Konkurrenz, bürgerliche Preßfreiheit, bürgerliches Recht,
bürgerliche Freiheit und Gleichheit zu schleudern und der Volksmasse
vorzupredigen, wie sie bei dieser bürgerlichen Bewegung nichts zu
gewinnen, vielmehr alles zu verlieren habe. Der deutsche Sozialismus
vergaß rechtzeitig, daß die französische Kritik, deren geistloses Echo
er war, die moderne bürgerliche Gesellschaft mit den entsprechenden
materiellen Lebensbedingungen und der angemessenen politischen
Konstitution vorausgesetzt, lauter Voraussetzungen, um deren Erkämpfung
es sich erst in Deutschland handelte. Er diente den deutschen absoluten
Regierungen mit ihrem Gefolge von Pfaffen, Schulmeistern, Krautjunkern
und Bürokraten als erwünschte Vogelscheuche gegen die drohend
aufstrebende Bourgeoisie. Er bildete die süßliche Ergänzung zu den
bitteren Peitschenhieben und Flintenkugeln, womit dieselben Regierungen
die deutschen Arbeiteraufstände bearbeiteten.“ (MEW 4, S. 486f) Wenn es
sich, wie Marx und Engels schrieben, beim „deutschen Sozialismus“ um
eine antibürgerliche Bewegung handelte, die sich zugleich gegen das
Proletariat richtete, weil die Forderungen der Arbeiterklasse über die
der Bürger noch hinausreichten – wer waren dann die sozialen Träger
dieses Sozialismus? Marx und Engels wählten die Bezeichnung
„Pfahlbürger“. Da dieser Begriff dem mittelalterlichen Stadtrecht
entstammt, handelt es sich im Kontext des Manifests um eine
Analogie, mit der die Rückschrittlichkeit der deutschen Sozialisten in
polemischer Absicht betont werden sollte. Die Pfahlbürger waren einst
Bauern gewesen, die außerhalb der Stadtmauern lebten, aber Bürgerrechte
besaßen. So erscheinen die deutschen Sozialisten vor dem Hintergrund
der im Manifest wirksamen Geschichtsteleologie als
Ewiggestrige, die den längerfristig zum Scheitern verurteilten Versuch
unternehmen, den Siegeszug des Bürgertums bzw. des Proletariats
aufzuhalten. Sie seien, in einem Worte, „reaktionär“.
Nationalsozialismus und Ummasozialismus
Trotzdem stellte der deutsche Sozialismus eine reale
Gefahr für die bürgerliche Revolution und die mit ihr verbundene
kommunistische Bewegung dar. Denn: „Er verbreitete sich wie eine
Epidemie.“ (Ebd., S. 487) Eigenartig vermischen sich in dieser Diagnose
der Fortschrittsglaube und die Erfahrung einer realen Bedrohung. So
sehr Marx und Engels im ersten Abschnitt versuchten, den notwendigen
Untergang des Kapitalismus herbei zu schreiben, so sehr gewahrten sie
zugleich die Feinde des Fortschritts, die sie allerdings nicht als
höchst moderne Vertreter antibürgerlichen Affekts zu
begreifen imstande waren. Die historische Verspätung Deutschlands, die
soziale und politische Rückständigkeit, war für sie ein Grund, die
Überlegenheit seiner westlichen Nachbarn zu postulieren. Sie konnten
noch nicht wissen, dass die Deutschen nach dem Vorbild der deutschen
Sozialisten aus der Not eine Tugend machen und sich als Initiator an
die Spitze einer globalen antibürgerlichen Bewegung stellen würden, die
das Ende der bürgerlichen Ära besiegeln sollte. Was im Manifest
als rückschrittlich erscheint – „die überlieferten Anatheme gegen den
Liberalismus, gegen den Repräsentativstaat, gegen die bürgerliche
Konkurrenz, bürgerliche Preßfreiheit, bürgerliches Recht, bürgerliche
Freiheit und Gleichheit“ –, das sollte im Nationalsozialismus
Staatsprogramm werden und bis heute den radikalen Islam als dessen
glühendsten Nacheiferer beseelen. So wie der Nationalsozialismus
bürgerlich und antibürgerlich zugleich war, indem er das
Konkurrenzprinzip rücksichtslos verteidigte, seinen barbarischen Grund
aber vollends freilegte, so sehr sind die arabischen Massen Bürger
racketartig organisierter und ergo antibürgerlicher „Gebilde“, die
„Staat“ zu nennen jede sinnvolle Definition von Staatlichkeit verfehlen
würde. Das Kapitalverhältnis hat sich ohne Ausnahme global
durchgesetzt, aber das impliziert keineswegs, dass der zivilisatorische
Überschuss, den die Bürger an der Seite des organisierten Proletariats
erkämpft haben, mit der Vergesellschaftung durch den prozessierenden
Wert notwendig zusammenfallen würde. Im Gegenteil: Je restloser sich
das Kapital als fetischistisches Subjekt-Objekt durchsetzt, je mehr es
die Menschen zu bloßen Charaktermasken und unnütz gewordenen
Arbeitskraftbehältern degradiert, um so mehr enthüllt sich sein
barbarisches Wesen – das doch nichts anderes ist als das verkehrte
Verhältnis der Individuen zueinander. Und in dem Maße, in dem die
Menschen am gesellschaftlichen Wahn buchstäblich verrückt werden,
erweisen sich ihre Versuche, gegen das Falsche zu rebellieren, als
bloße Abbilder der kapitalen Irrationalität. Kapitalismus und
Antikapitalismus scheinen umstandslos ineinander zu fallen. Wo sich
Heinrich Himmler auf Ariertum und germanische Mystik bezog und diese
spielend mit rücksichtsloser Industrialisierung und „Kraft durch
Freude“ zu verbinden wusste, da sehnt sich Osama Bin Laden die Rückkehr
des Kalifats herbei und führt zugleich sein Racket wie ein
börsennotiertes Unternehmen.
Beide, Nationalsozialismus wie Ummasozialismus, sind geistige
Nachfolger jenes deutschen Sozialismus, den Marx und Engels noch am
endgültigen Höhepunkt seines Erfolges sahen. Am Vorabend der Revolution
von 1848, kurz bevor der Anfang vom Ende der bürgerlichen Epoche
eingeläutet wurde, betätigte sich der „deutsche Sozialismus“ als
Propagandist eines Unheils, das die Welt spätestens seit dem
Ersten Weltkrieg zu einer apokalyptischen werden ließ.
Um zu begreifen, wie es zum Nationalsozialismus kommen konnte, reicht
es bekanntlich nicht aus, Ereignisgeschichte zu schreiben. Gerade
insofern der Nazifaschismus Ausdruck vollendeten Wahns war, gilt es,
diesen Wahn, der als „Ideologie“ nur unzureichend beschrieben ist,
ernst zu nehmen, anstatt ihn als Überbau oder propagandistisches
Beiwerk zu verharmlosen. Zugleich ist der Wahn, so sehr er sich letzten
Endes nur durch die Analyse der Triebgeschichte eines Individuums
aufklären lässt, vermittelt [1] als Resultat konkreter
gesellschaftlicher Bedingungen zu begreifen. Wenn das Telos mit der
Krise des Kapitals identisch ist, wenn also Akkumulation um ihrer
selbst willen und Vernichtung des Werts letzten Endes zusammenfallen,
dann war der deutsche Sozialismus der Initiator einer globalen
Bewegung, die gerade nicht „reaktionär“, sondern in höchstem Maße
„modern“ war. Der deutsche Sozialismus strebte die „negative Aufhebung“
des Kapitals (vgl. dazu ausführlich Nachtmann 2003), also die
Vollendung seiner immanenten Tendenz an. Doch lassen wir die deutschen
Sozialisten selbst zu Wort kommen.
Max Stirner, ein deutscher Sozialist
Max Stirner, 1806 in Bayreuth als Johann Casper Schmidt
geboren, war Mitglied des Intellektuellenzirkels der „Freien“ und des
berühmten „Doktorclubs“. Er wird als Stammvater des
Individualanarchismus noch heute in gewissen Kreisen sehr geschätzt.
[2] Stirners Kritik der Junghegelianer, die er in seinem bekanntesten
Werk Der Einzige und sein Eigentum (1844)
ausgebreitet hat, soll Marx angeblich sehr beeindruckt haben (vgl. etwa
Quante 2009, S. 273), obwohl doch Stirner in dieser Schrift
radikalnominalistisch vorging und alle Wesensbegriffe als „theologisch“
ablehnte. Feuerbachs Darstellung Gottes als in den Himmel projiziertes
Wesen des Menschen zum Anlass nehmend, destruierte Stirner jegliche
Allgemeinheit – sei es „der Mensch“, sei es die Gattung, sei es die
Religion, sei es der Kommunismus –, indem er sie mit Herrschaft
gleichsetzte, um nichts anderes als die tierische Begierde des „Ichs“
übrig zu lassen, die das zum Raubtier erniedrigte menschliche Wesen zur
Willkür berechtige. Gesetz, Moral, Vernunft – all das seien nur
religiöse Phrasen, die den Menschen von teuflischen „Verführern“
eingeredet würden, um sie zu beherrschen. Stirner legte Fichte radikal
aus und las, durchaus scharfsinnig, in dessen Philosophie einen Ruf
nach Vernichtung: „Wer soll denn frei werden? Du, Ich, Wir. Wovon frei?
Von Allem, was nicht Du, nicht Ich, nicht Wir ist. Ich bin also der
Kern, der aus allen Verhüllungen erlöst, von allen beengenden Schalen –
befreit werden soll. Was bleibt übrig, wenn Ich von Allem, was Ich
nicht bin, befreit worden? Nur Ich und nichts als Ich.“ (Stirner 1845,
S. 167) Doch dieser Freiheitsbegriff drückte für Stirner nicht etwa den
Endpunkt allen Strebens aus, sondern war ihm lediglich eine logische
Operation, die es ermöglichte, das Ich vollkommen asozial zu bestimmen.
Die Forderung nach Freiheit laufe auf das Ich hinaus, doch diesem „Ich
selber hat die Freiheit nichts zu bieten. Was nun weiter geschehen
soll, nachdem Ich frei geworden bin, darüber schweigt die Freiheit, wie
unsere Regierungen den Gefangenen nach abgelaufener Haftzeit nur
entlassen und in die Verlassenheit hinausstoßen“ (ebenda). Was der
Einzelne mit sich anfangen soll, wenn er seine Umwelt negiert hat –
diese ungelöste Frage suchte Stirner endgültig zu beantworten. Seine
Antwort könnte nicht radikaler ausfallen: Alles, was das Ich tun will,
liegt in ihm selbst begründet, und alles, was es tun will, kann es auch
tun: „Werdet Egoisten, werde jeder von euch ein allmächtiges
Ich.“ (Ebd., S. 168).
Mehr noch als Marx, der Stirner in seiner Schrift Deutsche
Ideologie bei weitem den größten Raum einräumte, ohne ihn wirklich
treffen zu können, durchschaute Moses Hess, der langjährige Weggefährte
von Marx und spätere Vorläufer des Zionismus, Stirners Ideologie: „Seit
der Entstehung des Christenthums arbeitet man daran, den Unterschied
zwischen dem Vater und Sohn, Göttlichen und Menschlichen, d.h. zwischen
dem ‚Gattungsmenschen’ und dem ‚leibhaftigen’ Menschen aufzuheben. […]
Alle diese Versuche, den Unterschied zwischen den einzelnen Menschen
und der Menschengattung theoretisch aufzuheben,
mißlangen deshalb, weil der einzelne Mensch, wenn er auch Welt und
Menschheit, Natur und Geschichte erkennt, in der Wirklichkeit doch nur
vereinzelter Mensch ist und bleibt, so lange die Vereinzelung der
Menschen nicht praktisch aufgehoben wird. Praktisch wird die
Trennung der Menschen aber nur aufgehoben durch den Socialismus,
dadurch nämlich, daß sie sich vereinigen, in Gemeinschaft leben und
wirken und den Privaterwerb aufgeben.“ (Hess 1845, S. 1f)
Ideologiekritisch merkte Hess an, dass der Einzelne, solange der
Sozialismus noch nicht verwirklicht sei, „sich anders fühlen und denken
[muss], als er in der Wirklichkeit, im Leben ist. Die Sehnsucht, als
isolirte Individuen so zu werden, wie wir uns fühlen, vorstellen und
denken, hat alle die Illusionen hervorgebracht, welche seit der
Entstehung des Christenthums bis heute unsere Köpfe einnahmen. Anstatt
es uns ehrlich einzugestehen, daß wir vereinzelt Nichts, daß wir nur
Etwas werden durch die gesellschaftliche Vereinigung mit unsern
Nebenmenschen, haben wir uns über unser Elend hinaussetzen,
hinwegschwindeln wollen, haben wir uns innerhalb der gesellschaftlichen
Vereinzelung durch eine bloß theoretische Erkenntniß deificiren,
humanisiren, vermenschlichen zu können geglaubt.“ (Ebd., S. 2)
Hess kritisierte Stirner als bürgerlichen Ideologen; als einen, der
glaubt, sein eingebildetes So-Sein sei die Realität. Glaubt der Bürger,
er sei ein autonomes Individuum, das tun und lassen könne, was es
wolle, und sich nur zum eigenen Vorteil Gesetze auferlegen lasse, so
hielt Hess dem entgegen, dass die Freiheit in der Waren produzierenden
Gesellschaft eine Freiheit zur Ausbeutung und die Gleichheit eine
Gleichheit in der Vereinzelung ist. Stirners Ideologie bestehe darin,
die reale gesellschaftliche Ohnmacht zur individuellen Allmacht zur
verklären und damit zu rechtfertigen. Hess war weit entfernt davon,
Stirner einen Lügner zu schelten. Vielmehr sah er in dessen
Verherrlichung des zu allem entschlossenen Raubtieres das Wesen der
bürgerlichen Gesellschaft zutage treten: „In unsrer Krämerwelt ist
nicht nur die höchste Spitze der Thierwelt, das Raubthier, auch das
Bewußtsein des Raubthiers ist hier vollendet. Was
man bis jetzt noch immer mehr oder weniger ohne Bewußtsein und mit
Unwillen geschehen ließ, die gegenseitige Ausbeutung der Menschen, wird
nun mit Bewußtsein und Willen ausgeführt. Die privilegirten
Räubereien hören hier auf; die zufälligen
Gewaltthätigkeiten sind hier allgemeine
Menschenrechte geworden. Die Menschenrechte sind die gleichen
Rechte aller Thiermenschen d.h. aller isolirten
sogenannten ‚unabhängigen’ ‚freien’ Individuen auf das entäußerte Wesen
Aller; der Krieg Aller gegen Alle ist sanktionirt.
Die feierliche Erklärung der ‚Menschenrechte’ ist die feierliche
Erklärung, weshalb alle Raubthiere gleich berechtigt sind.
Sie sind es deshalb, sagen die ‚Constitutionen’ der ‚freien Staaten’,
weil sie als selbstständige freie Wesen, d.h. weil sie als Egoisten,
als ‚unabhängige Individuen’, erkannt und gesetzlich anerkannt
sind.“ (Ebd., S. 16)
So sehr Hess hier den bürgerlichen Kern von Stirners „Einzigem“
entlarvte, so sehr entging ihm die negative Aufhebung des Bürgers, die
Stirner im Sinn hatte. Denn die Vermittlung, also die Zivilisierung der
„Räubereien“, die beinhaltet, dass Menschenrechte nicht
nur die Sanktionierung von Herrschaft und Ausbeutung bedeuten, sondern
auch einen Anspruch auf körperliche Unversehrtheit, d.h. den
Schutz vor den anderen Raubtieren, war für Stirner Unfreiheit
schlechthin. Seine Forderung nach einer Sanktionierung des Krieges
aller gegen alle ist nicht metaphorisch zu verstehen, sondern
wortwörtlich. Mit anderen Worten: Stirner war der erste Sozialdarwinist.
Nun sollte man erwarten, dass ein Mann, der regelmäßig in der
„wertabspaltungskritischen“ Zeitschrift Exit! des Robert Kurz
publiziert, mit solchen Positionen hart ins Gericht geht. Doch dem ist
nicht so. Zu tief sitzt der Abscheu gegen den
„Aufklärungsfundamentalismus“, die „blutige Vernunft“ und die
bürgerliche Gesellschaft. In der Broschüre über Max Stirner, die Jörg
Ulrich 2007 als Band 31 der Stirneriana
veröffentlicht hat und die ein Kapitel seines Buches Individualität
als politische Religion darstellt, zeigt sich der Aussteiger als
begeisterter Anhänger Stirners. Und es ist nicht irgendein Aspekt, der
ihn an Stirner fasziniert, sondern das Herzstück des Einzigen,
die Sehnsucht nach Unmittelbarkeit. Zwar muss Ulrich Marx und Adorno
gewissenlos zurechtbiegen, um sie mit Stirners „Affekt gegen die
Oberbegriffe“ in Einklang zu bringen [3], aber umso mehr versucht er,
die materialistische Kritik der verselbständigten Objektivität des
Kapitals mit einer Aversion gegen jegliche Beschränkung individueller
Willkür gleichzusetzen. Das liest sich dann so: „Doch das Stirnersche
Ich verleugnet weder das Allgemeine noch wähnt es sich als Nabel und
Schöpfer der Welt schlechthin. Stirner sieht das Individuum durchaus
als ‚Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse’ (Marx), welche es
allerdings zu kritisieren gilt: und mit ihnen den von
ihnen bestimmten Begriff von Individualität. Eben gerade die Tatsache,
daß die Monaden, wie Adorno sagt, sich verbissen gegen ihre
Gattungsabhängigkeit sperren und als Freiheit begreifen, was im Kern
eben diese Abhängigkeit ausmacht, ‚der’ Mensch, ‚der’ freie Mensch
usw., ist Gegenstand seiner Kritik.“ (Ebd., S. 28) Es ist durchaus
richtig, dass Stirner das Allgemeine nicht verleugnete, aber er wollte
es vernichten, sich von ihm frei machen – und zwar unabhängig davon, ob
es sich um ein falsches oder ein vernünftiges Allgemeines handelt. Den
Kurzschen Antiindividualismus aber, der das bürgerliche Individuum nicht
auch als historische Bedingung der Möglichkeit des
Kommunismus betrachtet, sondern einzig als nichtswürdiges Übel, das es
abzuschaffen gelte, Marx und Adorno anzudichten, ist einfach nur infam.
Der von Ulrich und Stirner geforderte Tod des Subjekts, den die
Postmodernen seit eh und je predigen, ist das Gegenteil
allgemeinmenschlicher Emanzipation. Und die lehnen beide, wen
wundert’s, auch vehement ab. Denn „allgemeinmenschlich“ ist schließlich
eine Abstraktion, die über den konkreten Jörg Ulrich hinausgeht und ihn
deshalb unterdrückt. Das Ressentiment gegen Vermittlung, das sich hier
Bahn bricht, ist nichts weniger als „deutscher Sozialismus“. Denn die
formlose Individualität, die hier beschworen wird, ist die Regression
aufs Naturhafte, dem die gesellschaftliche Vermittlung durch den Wert
abstrakt gegenübergestellt wird. Gebrauchswert und Wert stehen einander
isoliert gegenüber, anstatt dass sie dialektisch als paradoxe Einheit
gefasst werden. Ulrich setzt die Unterdrückung des Individuums durch
die Subjektform mit der Begrenzung individueller Willkür durch
gesellschaftliche Allgemeinheit schlechthin in eins und bleibt darin
ein getreuer Schüler Max Stirners. Beide denunzieren Zivilisation als
uneigentliche Usurpation des natürlich-kreatürlichen Daseins und
gefallen sich in der Pose des Rebellen, der gegen Recht, Moral und Takt
aufbegehrt. Wenn die Subjektform, wie Joachim Bruhn treffend schrieb,
die „Wertform des Individuums“ ist (vgl. Bruhn 2000), dann gilt
zugleich, dass das Kapital das Individuum als notwendiges, wenn auch
lästiges Anhängsel variablen Kapitals produziert hat und es in immer
nutzloserer, verkümmerterer Gestalt bis heute reproduziert. Doch um
diese geschichtsphilosophische Dialektik der Individualität begreifen
zu können, muss zuerst die Robinsonade Stirners in ein
gesellschaftliches Wesen aufgelöst werden. Gesellschaft darf nicht per
se als Zumutung denunziert, sondern muss mit Hess als Bedingung der
Möglichkeit der freien Entfaltung des Individuums gedacht werden.
An die Stelle vernünftiger Allgemeinheit setzte Stirner aber lediglich
den so genannten „Verein“. Er schrieb: „Ist die Gesellschaft mehr als
du, so geht sie dir über dich; der Verein ist nur dein Werkzeug oder
das Schwert, wodurch du deine natürliche Kraft verschärfst und
vergrößerst“ (Stirner 1845, S. 323) und brachte damit das Wesen eines
Rackets auf den Begriff. Jeder nur für sich, die Aussicht auf Beute
schweißt zusammen, bis es um die Verteilung geht. Doch Ulrich
kommentiert gelassen: „Der Verein stiftet Gemeinsamkeit in dem Sinne,
daß jeder Einzige in ihm die eigenen Kräfte, Talente, Potenzen durch
die Beziehung zu den anderen steigert und verstärkt, während diese
ebenso an ihm ein Mittel haben zur Steigerung ihrer Kräfte.“ (Ulrich
2007, S. 47) Man kann nur hoffen, dass die Fundamentalkritiker der
Zeitschrift Exit! niemals praktischen Erfolg haben werden.
Bruno Bauer, ein Antisemit
Anders als Stirner war ein anderes Mitglied der
„Freien“, der 1809 in Eisenberg (Thüringen) geborene Bruno Bauer, kein
Apologet freischwebender Rücksichtslosigkeit, sondern zeitlebens auf
der Suche nach einer intersubjektiv zugängigen Wahrheit, die
Allgemeingültigkeit beanspruchen kann. Insofern er aber wie Stirner das
Individuum gegen die Gesellschaft, das Selbstbewusstsein gegen die
Moral verabsolutierte, arbeitete auch er der negativen Entgrenzung des
Individuums zu, die sich in der nationalsozialistischen
Volksgemeinschaft vollendet Bahn brechen sollte und die man mit
psychoanalytischen Begriffen auch „sekundären Narzissmus“ nennen
könnte. [4] 1842, also zwei Jahre vor Stirners Einzigem,
schreibt er in seinem Buch Die gute Sache der Freiheit
in Hegelschem Duktus über das Wesen der Kritik: „Die Kritik ist die
Bewegung und Entwicklung des Selbstbewusstseins – des
Selbstbewusstseins nämlich, in welchem der Betrachtende, das Subjekt
und der betrachtete Gegenstand sich als Eins setzen, die Freiheit, die
den Gegenstand frei macht und dadurch wirkliche Freiheit wird, das
Leben, das im Lebendigen sich belebt, das Feuer, das sich im innern
Feuer des Gegenstandes bestärkt, die Macht, die den Gegenstand erst ihn
selbst sein lässt, ihn eigentlich erst schafft und durch diese
schöpferische Tätigkeit erst Macht ist.“ (Bauer 1842, S. 71) Die an
Hegel anknüpfende These von der Einheit von Subjekt und Objekt gerinnt
Bauer zum vitalistischen Schöpfungskult, demgemäß das Selbstbewusstsein
alle äußeren Grenzen niederzureißen und sich des Widerstrebenden zu
bemächtigen habe, um frei aus sich selbst seine eigene Welt zu
schaffen. Anders als Feuerbach, dessen Werk Das Wesen des
Christentums ein Jahr zuvor erschienen war, ist der Mensch für
Bauer aber kein – notwendig beschränktes – Naturwesen, sondern ein
absolut freies Bewusstsein, das sich durch Kritik nur aller Illusionen
zu entledigen brauche. [5] Hatte Stirner die Natur verherrlicht, sie
aber mit der zweiten Natur der kapitalistischen Gesellschaft
identifiziert, so verachtete Bauer die Natur als eine das freie
Bewusstsein beengende Schranke – beide aber bezweckten die absolute
Entgrenzung des Individuums, das allumfassende Eigentum,
und mussten sich deshalb gegen den Naturgrund des Menschen, also das,
was man nicht besitzen kann, zur Wehr setzen. Während Stirner aber noch
dunkel von den „Verführern“ gesprochen hatte, die den Menschen Flöhe
ins Ohr setzten, um sie an ihrer willkürlichen Bemächtigung der Welt zu
hindern, waren es bei Bruno Bauer ganz explizit die Juden: „Das
Judentum hat nicht den vollen Menschen, das entwickelte
Selbstbewußtsein, d. h. den Geist, der in nichts mehr eine ihn
beengende Schranke sieht, sondern das befangene Bewußtsein, welches mit
seiner Schranke, und zumal nur einer sinnlichen, natürlichen Schranke,
noch kämpft, zum Inhalt der Religion gemacht.“ (Bauer 1989, S. 139f)
Die strikte Entgegensetzung von Christentum und Judentum, die Bauer
vornahm, brachte seine Sucht nach Naturbeherrschung zum Ausdruck: „Das
Christentum befriedigt den Menschen, der sich in allem, im allgemeinen
Wesen aller Dinge – religiös ausgedrückt – auch in Gott, wieder sehen
will; das Judentum den Menschen, der sich nur von der Natur unabhängig
sehen will.“ (Ebd., S. 140)
Doch Bauer bleibt nicht bei diesen theologischen Charakterisierungen
stehen, sondern biologisiert die von ihm unterstellte Substanz des
Judentums: „Der Mensch wird als Glied eines Volkes geboren und ist dazu
bestimmt, Bürger des Staats zu werden, dem er durch seine Geburt
angehört; seine Bestimmung als Mensch geht aber weiter als die Grenze
des Staats, in dem er geboren ist. Die Aufklärung, die den Menschen
über die Einfriedigung in das Staatsleben erhebt und mit dem einzelnen
und allen einzelnen Staaten entzweit, drückte das Judentum in der
religiösen Form aus, daß es hasse; alle Staaten und Völker sind vor dem
Einen, vor Jehova, unberechtigt und haben kein Recht zu bestehen. Nur
gegen sich selbst, gegen das eine Volk, wollte das Judentum mit dieser
Aufklärung nicht Ernst machen: Ein Volk ließ es als das einzig
berechtigte bestehen und stiftete damit gerade das beschränkteste und
abenteuerlichste Volks- und Staatsleben.“ (Ebd., S. 149) Der Hass gegen
das auserwählte Volk ist nichts weniger als Ausdruck der ältesten
Kränkung, die dem sekundären Narzissmus des Antisemiten zuteil wird
(vgl. Dessuant 2000). Die Wahrheit, die Bauer im Christentum zu
erkennen glaubte und die er in säkularisierter Form retten wollte, die
Menschlichkeit Gottes in Gestalt Jesu Christi, war für ihn Movens, den
bornierten Partikularismus der Juden als widermenschlich zu
denunzieren. Wie einst Luther stellte sich auch Bauer auf den
Standpunkt eines christlichen Universalismus, der den Partikularismus
der Juden, die „Starrheit des jüdischen Volksbewusstseins“ (Bauer 1843,
S. 33), nicht tolerieren konnte. Und so ist es nur konsequent, dass er
in seiner durch Marx berühmt gewordenen Schrift Die
Judenfrage von 1843 die Emanzipation der Menschheit der der Juden
abstrakt gegenüberstellte. Die Juden, die vorgeblich in die allgemeine
Freiheit einbezogen werden sollten, erklärte er zur Rasse und negierte
ihre Emanzipationsfähigkeit. Zurecht hielt Marx ihm vor, die politische
mit der allgemein menschlichen zu verwechseln. Während Marx die
Weltrevolution nicht gegen die Emanzipation der Juden ausspielte,
sondern sich Gedanken über ihr Verhältnis machte und feststellte, dass
die politische Emanzipation der Juden gleichbedeutend ist mit der
Emanzipation des Staates vom Christentum, also den säkularen Staat
nordamerikanischer Prägung als vollendeten Ausdruck politischer
Emanzipation sah, stellte Bauer bei aller Kritik am „christlichen
Staat“ immer noch auf einen Staat ab, der die Juden als Minderheit
nicht dulden konnte. Marx sagt: „Der Staat kann sich
also von der Religion emanzipiert haben, sogar wenn die überwiegende
Mehrzahl noch religiös ist. Und die überwiegende Mehrzahl hört
dadurch nicht auf, religiös zu sein, daß sie privatim religiös
ist.“ (MEW 1, S. 353)
Die Argumentation, derer sich Bauer bedient, ist keineswegs so
altbacken wie sie auf den ersten Blick scheint. Zwar ist die Frage, ob
Juden gleiche Bürgerrechte erhalten sollen wie Nichtjuden, in Europa
seit der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen kein Thema mehr.
Doch was Bauer vorgedacht hat und was die Nazis bis zur Vernichtung
gesteigert haben, die Gleichheit der Deutschen auf Kosten der
Ungleichheit der Juden, das reproduziert sich heute im Verhältnis der
„internationalen Gemeinschaft“ zu Israel. Und kaum zufällig bedienen
sich die neuerlichen Apologeten des antizionistischen Universalismus
derselben Sprache wie Bruno Bauer. Das klingt dann so: „[Israel] hat
ein typisches separatistisches Projekt des späten 19. Jahrhunderts in
eine Welt importiert, die sich weiterentwickelt hat – in eine Welt der
Menschenrechte, der offenen Grenzen und des Völkerrechts. Die Idee
eines ‚jüdischen Staates’ an sich – in dem Juden und die jüdische
Religion exklusive Vorrechte genießen, von denen nichtjüdische Bürger
für immer ausgeschlossen sind – hat ihre Wurzeln in einer anderen
Epoche und in einer anderen Region. Israel ist, kurz gesagt, ein
Anachronismus.“ (Judt 2003)
Und da Bauer ein Antisemit war, kann es auch nicht verwundern, dass er
zugleich ein orientalisches Faible hatte. Wie Hermann-Peter Eberlein,
Verfasser einer soeben erschienen Bauer-Biographie treffend ausführt,
war Bauer ab den 50er Jahren, in der so genannten Spätphase, fasziniert
von dem Gedanken einer germanisch-russischen Verbrüderung zum Behufe
der Weltbeherrschung (Eberlein 2009, S. 175-182). Im Unterschied – es
ist kein „Gegensatz“, wie Eberlein schreibt – zu den Nazis sah Bauer in
der Rassenmischung nichts verderbliches, sondern ein Mittel zur Hebung
des rassischen Adels der Germanen: „Nur die Rassenmischung kann jene
intellektuelle und moralische Elastizität, jenen weit reichenden Blick
und Unternehmungsgeist erzeugen, die einem Volk die Kraft zur
Weltherrschaft geben.“ [6] Für Bauer war klar, dass die Russen aufgrund
ihrer vorzüglichen Eigenschaften die Franzosen und Briten als Herrscher
der Welt ablösen würden. Deshalb müssten die Deutschen, wollten sie
nicht untergehen, sich mit den Russen verbünden. Bauer ist voller
Bewunderung für den Typus des Russen: Er sei „der unwiderstehlichste
und ausdauerndste Kolonist, den die Welt bis jetzt gekannt hat“ (zit.
n. ebd., S. 178). Und: „Er schlägt nieder und vernichtet, aber quält
nicht und kann sich mit seinem Gegner nach dem Kampfe leicht wieder
arrangieren.“ (Zit. n. ebd.) Hier ist er wieder, der Typus des
Stirnerschen Einzigen, der schlägt und tötet, aber sich mit seinen
Gegnern zu verbünden weiß, wenn es zu seinem eigenen Vorteil ist. Es
ist das Prinzip des „entschränkten Individualismus“, den Eberlein zu
Unrecht dem Westen unterstellt. Denn die Unterordnung des Individuums
unter das Kollektiv, die er mit Bauer als für die russische
Gesellschaft wesentlich erklärt und die im Westen gerade nicht absolut
ist, setzt in Russland ein „in sich Geschlossenes“ voraus, „in dem
Volk, Staat und Kirche, Religion und Natur, Gott und Mensch in einer
Einheit verschmelzen“ (Ebd., S. 178f): Die russische Kirche! Der
Kniefall Bauers vor der russischen Orthodoxie und ihrer ungebrochenen
Frömmigkeit lässt sich nur unschwer als Sehnsucht nach jener
ursprünglichen Einheit dechiffrieren, die triebgeschichtlich gesehen
vor der Wendung zur Objekt-Libido liegt. Der Narzissmus zeigt sich auch
hier als zentrale Triebfeder der Bauerschen Weltanschauung.
Auch wenn Eberlein in seiner vorzüglichen Biographie, die die
Kontinuitäten und Diskontinuitäten in Bauers Leben und Werk und seine
Wandlung vom aufklärerischen Linken zum Antisemiten und Nationalisten
aus der Perspektive eines kritischen Theologen (Eberlein ist Pfarrer)
anregend darzustellen weiß, völlig auf die Kategorien der Psychoanalyse
verzichtet, entgeht ihm dieser wesentliche Zug von Bauers Denken nicht.
Fatalerweise rechnet er Bauers Allmachtswahn, seine Anmaßung, aber
Hegel zu, dessen Weltgeist jedoch nicht identifizierend voranschritt,
sondern sich in Widersprüchen bewegte und diese als solche auch
bestehen ließ. Die Freiheit war für Hegel eins mit Selbsterkenntnis,
was im Unterschied zu Bauer und Stirner aber nicht bedeutet, alles zu
besitzen, sondern das Reich der Notwendigkeit von dem der Freiheit
unterscheiden zu können.
Eberlein aber identifiziert den totalitären Charakter von Bauers Denken
nicht in dessen Identitätswahn, sondern in dessen Darstellung des
geschichtlichen Verlaufs. Ihm geht nicht auf, dass die Allwissenheit
über Vergangenheit und Zukunft gerade nicht Hegel
zugerechnet werden kann [7], sondern als eine Erscheinungsform der
Bauerschen Selbstbewusstseinstheorie betrachtet werden muss. Kurz und
gut: Eberlein bemerkt, dass Bauer totalitär ist, aber er versteht nicht
warum. Er schreibt: Das abstrakt-theoretische Denkmodell Bauers „wird
zwar angereichert, aufgefüllt durch die konkreten Fakten des
geschichtlich-politischen Lebens, aber das bemerkenswerte
Selbstbewusstsein des Autors rührt von der Überzeugung her, den Lauf
der Geschichte intellektuell zu beherrschen – sowohl was die
Vergangenheit angeht als auch in die Zukunft hinein. Solche
intellektuellen Totalitaristen können schnell zu totalitären
Intellektuellen werden. Vielleicht stehen wir hier an einem Punkt, an
dem sich der junge Bauer der extremen Linken mit dem alten Bauer der
extremen Rechten berührt. Vielleicht ist sich Bauer in seiner
politischen Wendung von Linksaußen nach Rechtsaußen gar nicht untreu
geworden.“ (Ebd., S. 217) Und das ist ein Urteil, das für alle
„deutschen Sozialisten“ gilt: Bei ihnen fällt das Links- und das
Rechtssein unmittelbar zusammen, weil die Farbe der Flagge, die sie
schwenken, völlig unerheblich ist gegenüber ihrer zurichtenden
Weltanschauung, die mit der Freiheit sowohl der anderen als auch der
eigenen, solange diese nicht „absolut“ ist, nichts anfangen können.
Alle Vermittlung, alle Gesellschaftlichkeit also im emphatischen Sinne,
ist ihnen ein Graus. Und so entpuppt sich der völkisch-rassistische
Kollektivismus des späten Bauer und die Vereinsmeierei Max Stirners in
Wahrheit als radikale, negative Entgrenzung des Individuums, letztlich
als Sanktionierung zu Mord und Totschlag.
Anmerkungen:
[1] „Vermittelt“ bedeutet hier, dass sich aus gesellschaftlichen
Verhältnissen allein keine Krankheitsbilder und erst recht keine
Handlungen direkt ableiten lassen. Vielmehr sind Gesellschaft und
Individuum, objektive Zwangslogik und individuelle Freiheit, Realitäts-
und Lustprinzip dialektisch in Beziehung zueinander zu setzen, anstatt
sie zu identifizieren.
[2] In jüngster Zeit etwa hat der Heideggeranarchist Saul Newman (2005)
Stirner als Vorläufer des Poststrukturalismus entdeckt – und liegt
damit gar nicht mal falsch.
[3] Ulrich 2007, S. 27. So behauptet er beispielsweise wider alle
Evidenz, Stirners Nominalismus sei gar keiner, weshalb Adorno ihn auch
gar nicht treffen könne. (Ebd., S. 69f.)
[4] Freud verbindet den Ausdruck „sekundärer Narzissmus“ auch mit dem
„Größenwahn" und bestimmt ihn so, dass die der Außenwelt entzogene
Libido vollends auf das Ich gelenkt wird. Das Ich identifiziert alle
Objekte mit sich selbst und sucht sie sich gleich zu machen, um aus
ihnen Lustgewinn schöpfen zu können. Vgl. Freud 1999. Die Ähnlichkeit
dieses wahnhaften (Nicht-)Zugangs zur Welt mit der
Selbstbewusstseinskonzeption Bauers ist augenscheinlich.
[5] Feuerbach vertritt geradezu die Gegenposition zu Bauer und hält der
„reinen Kritik“ das Mimetische entgegen: „Das Denken ist das Prinzip
der Schule, des Systems, die Anschauung das Prinzip des Lebens.
In der Anschauung werde ich bestimmt vom Gegenstande, im
Denken bestimme ich den Gegenstand.“ Ludwig Feuerbach,
Vorläufige Thesen zur Reform der Philosophie (1842), zit. n.
Schmidt 1973, S. 76.
[6] Bruno Bauer, Russland und das Germanenthum (1853), zit.
n. Eberlein 2009, S. 177.
[7] Die junghegelianische Kritik an Hegel entzündete sich ja gerade an
dem Punkt, dass dieser keine Zukunft kenne und damit den status quo
rechtfertige.
Literatur:
Bauer, Bruno, Die gute
Sache der Freiheit und meine eigene Angelegenheit, Zürich u.
Winterthur 1842.
Bauer, Bruno, Die Judenfrage,
Braunschweig 1843.
Bauer , Bruno, Die Fähigkeit der heutigen Juden und Christen,
frei zu werden (1843), in: Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz,
hg. v. G. Herwegh, Leipzig 1989 (Reprint).
Bruhn, Joachim, Karl Marx und der Materialismus. Über den
Gebrauchswert des Marxismus, in: Bahamas, Nr. 33/2000.
Dessuant, Pierre/Grunberger, Bela, Narzissmus,
Christentum, Antisemitismus. Eine psychoanalytische Untersuchung;
Stuttgart 2000.
Eberlein, Hermann-Peter, Bruno Bauer. Vom Marx-Freund zum
Antisemiten, Berlin 2009.
Freud, Sigmund, Zur Einführung des Narzissmus (1914), in:
Ders., Gesammelte Werke, Bd. 10: Werke aus den Jahren
1913-1917, Frankfurt/M. 1999, S. 137-170.
Hess, Moses, Die letzten Philosophen, Darmstadt 1845.
Judt, Tony, Israel: Die Alternative, in: Blätter für
deutsche und internationale Politik, Nr. 12/2003.
Marx, Karl/Engels, Friedrich, Manifest der
Kommunistischen Partei (1848), in: MEW 4, Berlin 1972.
Marx, Karl, Zur Judenfrage (1843), in: MEW 1, Berlin
1976.
Nachtmann, Clemens, Krisenbewältigung ohne Ende. Über die negative
Aufhebung des Kapitals, in: Grigat, Stephan (Hg.), Transformation
des Postnazismus. Der deutsch-österreichische Weg zum demokratischen
Faschismus, Freiburg i.B. 2003, S. 39-82.
Newman, Saul, Power and Politics in Poststructuralist Thought,
London u. New York 2005.
Quante, Michael, Kommentar, in: K. Marx, Ökonomisch-Philosophische
Manuskripte, Frankfurt/M. 2009.
Schmidt, Alfred, Emanzipatorische Sinnlichkeit. Ludwig
Feuerbachs anthropologischer Materialismus, München u. Wien 1973.
Stirner, Max, Der Einzige und sein Eigentum (1844),
Leipzig 1845.
Ulrich, Jörg, Max Stirner: Kritik der Menschenrechte. Oder: Die
Geburt des Un-Menschen aus dem Geist des freien Individuums, = Stirneriana,
Bd. 31, hg. v. K. W. Fleming, Leipzig 2007.
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