Ausgabe #1 vom

Heute morgen fuhr ich nach Düsseldorf

GEORG WEERTH

Heute morgen fuhr ich nach Düsseldorf
 In sehr honetter Begleitung:
 Ein Regierungsrat - er schimpfte sehr
 Auf die Neue Rheinische Zeitung
 
 "Die Redakteure dieses Blatts",
 So sprach er, "sind sämtlich Teufel;
 Sie fürchten weder den lieben Gott
 Noch den Ober-Prokurator Zweiffel.
 
 Für alles irdische Mißgeschick 
 Sehn sie die einzige Heilung
 In der rosenrötlichen Republik
 Und vollkommener Güterteilung.
 
 Die ganze Welt wird eingeteilt
 In tausend Millionen Parzellen;
 In so viel Land, in so viel Sand
 Und in so viel Meereswellen.
 
 Und alle Menschen bekommen ein Stück
 Zu ihrer speziellen Erheitrung -
 Die besten Brocken: die Redakteur'
 Der Neuen Rheinischen Zeitung.
 
 Auch nach Weibergemeinschaft steht ihr Sinn.
 Abschaffen wolln sie die Ehe:
 Daß alles in Zukunft ad libitum
 Miteinander nach Bette gehe:
 
 Tartar und Mongole mit Griechenfraun,
 Cherusker mit gelben Chinesen,
 Eisbären mit schwedischen Nachtigalln,
 Türkinnen mit Irokesen.
 
 Tranduftende Samojedinnen solln
 Zu Briten und Römern sich betten,
 Plattnasige düstre Kaffern zu
 Alabasterweißen Grisetten.
 
 Ja, ändern wird sich die ganze Welt
 Durch diese moderne Leitung -
 Doch die schönsten Weiber bekommen die
 Redakteure der Rheinischen Zeitung!
 
 Auflösen wollen sie alles schier;
 Oh, Lästrer sind sie und Spötter;
 Kein Mensch soll in Zukunft besitzen mehr
 Privateigentümliche Götter.
 
 Die Religion wird abgeschafft,
 Nicht glauben mehr soll man an Rhenus,
 An den nußlaub- und rebenbekränzten, und nicht
 An die Mediceische Venus.
 
 Nicht glauben an Kastor und Pollux - nicht
 An Juno und Zeus Kronion,
 An Isis nicht und Osiris nicht
 Und an deine Mauern, o Zion!
 
 Ja, weder an Odin glauben noch Thor,
 An Allah nicht und an Brahma - 
 Die Neue Rheinische Zeitung bleibt
 Der einzige Dalai-Lama."
 
 Da schwieg der Herr Regierungsrat
 Und nicht wenig war ich verwundert:
 Sie scheinen ein sehr gescheiter Mann
 Für unser verrückt Jahrhundert!
 
 Ich bin entzückt, mein werter Herr,
 Von Ihrer honetten Begleitung -
 Ich selber bin ein Redakteur
 Von der Neuen Rheinischen Zeitung.
 
 Oh, fahren Sie fort, so unsern Ruhm
 Zu tragen durch alle Lande -
 Sie sind als Mensch und Regierungsrat
 Von unbeschränktem Verstande.
 
 Oh, fahr er fort, mein guter Mann -
 Ich will ihm ein Denkmal setzen
 In unserm heitern Feuilleton -
 Sie wissen die Ehre zu schätzen.
 
 Ja, wahrlich, nicht jeder Gimpel bekommt
 Einen Tritt von unsern Füßen -
 Ich habe, mein lieber Regierungsrat,
 Die Ehre, Sie höflich zu grüßen.
 
 
 Aus: Sämtliche Werke in fünf Bänden, Herausgegeben von Bruno Kaiser, Erster Band, Gedichte, Aufbau-Verlag, Berlin 1956, S. 266-268.
 
  Dieses Gedicht wurde ausgewählt von der Georg-Weerth-Gesellschaft Köln.