Ausgabe #15 vom

Die Natur als Schlachtfeld

Eine Erwiderung auf Christoph Plutte

FRANZ FORST

In seinem Beitrag zur Engels-Debatte versucht Plutte den Vorwurf abzuwehren, Engels’ Vorstellung von der Dialektik der Natur sei dogmatisch. Weil sich für Engels, so lautet sein Argument, alles im Fluss befinde, dürfe seine Vorstellung nicht dogmatisch verstanden werden. Auch Engels habe stets zugestanden, dass seine Ausführungen nur vorläufig seien. Von Dogmatismus könne also keine Rede sein. Von der Stichhaltigkeit dieser Argumentation kann hier abgesehen werden, weil sie für Plutte nur den Einstieg für ein anderes Unterfangen bietet, das sich nicht so leicht von dem historischen trennen lässt, wie er es gerne hätte. Denn die von ihm ad acta gelegte Geschichte der „Rezeption dieser Schrift [Engels’ Dialektik der Natur; F.F.] in der Sowjetunion oder in der DDR“ holt ihn am Ende ein.

Pluttes Text ist ein Appell, mit dessen Hilfe er die Diskussion auf die Naturwissenschaften lenken möchte. In Engels’ Naturphilosophie sieht er den Versuch, das Aufklärungsprojekt der materialistischen Philosophen um die Dialektik bereichert fortzuführen. Die Naturwissenschaften seien für dieses Projekt und damit für die Kritik der Gesellschaft von besonderer Bedeutung, weil die Bilder von der Natur und der Gesellschaft, die diese entwirft, in Zusammenhang stünden. Würde das Bild von der Natur verändert, so könne das dramatische Folgen für die Gesellschaft haben. Als Beispiel führt Plutte die Bedeutung der Naturphilosophie für die Aufklärung und in der Folge für die französische Revolution an. Weil die Philosophen damals der Natur zutrauten, was bis dahin der Deutungshoheit der Theologie zugefallen war, konnten sie das Bündnis von Thron und Altar in Frage stellen. Unter den veränderten Bedingungen der Gegenwart soll eine ähnliche Infragestellung der Gesellschaftsordnung auch heute möglich sein. Da die Naturwissenschaften und der aus ihnen resultierende technische Fortschritt selbst zur Legitimationsgrundlage der bestehenden Gesellschaft geworden sind, stellt sich die Frage, vor welche Aufgabe Plutte eine aktuelle kritische Naturphilosophie gestellt sieht. Als entscheidende Schwachstelle identifiziert er die Zersplitterung der naturwissenschaftlichen Fachdisziplinen: „Es gibt (fast) keine Zensur mehr und ebenso wenig ideologische Dogmen wie es noch halbwegs ernsthaft vorgetragene Rechtfertigungen für politische Kahlschläge, Kriege oder Zwangsmaßnahmen gibt: Was ist, ist; was war, ist vergessen, und wer einen Überblick über das Durcheinander zu haben wagt, gilt als tendenziös oder totalitär. Nicht der Zweifel, sondern die Behauptung, eine wahre Aussage treffen zu können, ist zum Skandal geworden. Als Vorbilder dieser Verwirrung scheinen die Naturwissenschaften gedient zu haben.“ Ziel müsse es also sein, die Verwirrung aufzuheben, Überblick zu gewinnen und wahre Aussagen über die Natur der Natur treffen zu können. Anders als die Fachdisziplinen, die sich ihren Objekten nur durch ihre jeweilige Fachsprache hindurch zu nähern vermögen, soll die Zusammenschau es ermöglichen, eine „gemeinsame Sprache“ auf der Grundlage der Einheit der Natur zu entwickeln. Dazu sei es nötig, „die Zusammenhänge der einzelnen Phänomene zu begreifen und sich gedanklich anzueignen, um die Phänomene der Natur zu verstehen.“ Sei die Natur verstanden, lasse sich von ihr aus die gesellschaftliche Trennung angreifen, denn die Ausdifferenzierung der Einzelwissenschaften sei vor allem Klassenkampf von oben: „Die naturwissenschaftlichen Disziplinen sind so zerstückelt wie die Lohnarbeiter und die Geschichtslosigkeit, mit der heute die Formeln der Analysis und Wahrscheinlichkeitsrechnung unterrichtet werden, ist ein Garant für die Gedächtnislosigkeit der Wähler-Konsumenten.“ Die zu erreichende einheitliche Naturauffassung korrespondiere mit der zu errichtenden Gesellschaft, in der alle Trennungen aufgehoben sein sollen, und indem sie gedanklich vorweggenommen wird, soll sie jenen Naturbegriff ermöglichen.

Doch Natur ist der Residualbegriff dessen, was nicht Gesellschaft ist. Die Frage, ob die von den Naturwissenschaften gefundenen Gesetze und geformten Begriffe an die Natur heranreichen, wird von Plutte als müßige Spekulation beiseite geschoben: „Es verharren weder die Naturwissenschaftler in ihren praktischen Erkundungen in dieser subjektiven Selbstbeschränkung, noch die idealistischen Skeptiker, wenn sie eine Brücke überqueren und dabei daran denken müssten, dass die Baustatik nichts von der Brücke an sich erkennen kann, sie also jederzeit ins Wasser stürzen könnte.“ Doch entkommt die von ihm gegen den Zweifel und die Zerstückelung behauptete praktische Wahrheit, die sich in der Bewältigung konkreter Aufgaben bewährt, der Auffassung von Naturwissenschaft als Naturbeherrschung gerade nicht.

Eine vernünftige Aufhebung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und der mit ihr einhergehenden Zerstückelung ist nicht durch die Rücknahme der Trennungen – dies würde Regression bedeuten –, sondern nur durch vernünftige Synthese möglich. Die Widersprüche dürfen nicht vom Feldherrenhügel der Geschichte „in jeden Bereich der Gesellschaft hineingetragen werden“, sondern sind an den Dingen selbst zu entfalten. Die Vorstellung eines integrierten sprachlichen Bezugssystems für alle Bereiche des menschlichen Lebens geht von einem einheitlichen Sein aus, das, einmal verstanden, die Grundlage für alles weitere bieten könne. Diese Sprache, die die Eigengesetzlichkeit der gesellschaftlichen Bereiche übergeht, täte dem unter ihre Begriffe subsumierten Material noch mehr Gewalt an als dies durch die formale Logik schon der Fall ist. Nicht dem Material würde sich eine solch anvisierte materialistische Naturphilosophie und Sprache anschmiegen, sondern den „politischen Absichten“, womit wir wieder bei der schon zur Seite geschobenen Geschichte der Rezeption der Dialektik der Natur im realexistierenden Sozialismus wären. Gemeinsamer Bezugspunkt der Kritiker kann nur die falsche gesellschaftliche Synthesis sein.