Ausgabe #15 vom 31.07.2011

Ein Massaker als Posse

Wie die deutsche Presse die Morde von Itamar instrumentalisiert
JAN HUISKENS

Mitte März begaben sich zwei Palästinenser in die südöstlich von Nablus gelegene israelische Siedlung Itamar, brachen in das Haus der Familie Fogel ein und ermordeten die Eltern sowie drei ihrer Kinder. Dem drei Monate alten Baby wurde dabei im Schlaf einfach die Kehle durchgeschnitten. Die Täter entkamen.

Wie reagiert die deutsche Presse auf eine solch barbarische Tat? Der als eher pro-israelisch geltende Zeit-Redakteur Jörg Lau schrieb sofort: „Wegen anderer Nachrichten wird eine Tat nicht genügend wahrgenommen, die womöglich gravierende Folgen haben wird: Das abscheuliche Massaker an einer Familie israelischer Siedler im Westjordanland.“ [1] Das Adjektiv „abscheulich“ hätte er sich auch sparen können, wenn er allen Ernstes schreibt, die Tat werde gravierende Folgen haben. Indem er das Futur verwendet, macht Lau unmissverständlich klar, dass er nicht so sehr die Folge des Verbrechens – nämlich den Tod von fünf Menschen – für „gravierend“ hält, sondern mögliche Auswirkungen auf den so genannten Nahostkonflikt. Deshalb heißt es auch weiter: „Kurz nach dem Bekanntwerden der Tat verkündete die Regierung, man werde 400 neue Wohnungen im Westjordanland genehmigen. Damit wird der Siedlungsbau regierungsamtlich zu einer Art Vergeltungsaktion deklariert – eine verhängnisvolle Eskalation als Antwort auf eine Eskalation der anderen Seite.“ Lau stellt nicht nur den Bau neuer Wohnungen mit dem Meuchelmord auf eine Stufe („Eskalation“), sondern spricht Israels Regierung auch noch eine Mitschuld an dem Verbrechen zu: „Die Täter verfolgen, sie stellen und sie einer gerechten Strafe zuführen – das wäre die richtige Reaktion. Warum aber deren Hasspropaganda – dass Siedler keine Zivilisten sind und selbst Kinder darum getötet werden dürfen – entgegenkommen, indem man Siedlungsbau als Antwort auf ein Massaker weitertreibt?“ Würde die israelische Regierung auf Jörg Lau hören, so insinnuiert dieser, so könnte der Spirale der Gewalt ein Ende gesetzt werden. Stattdessen aber komme sie der „Hasspropaganda“ entgegen, unterstütze sie geradezu. Dass Israel selbstverständlich die Täter verfolgt, stellt und ihrer Strafe zuführt, wird nicht erwähnt. Wichtig ist nur, dass die Ermordeten Siedler waren, um einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Tat und der israelischen Regierungspolitik herzustellen.

Der Spiegel setzte sogar noch einen drauf. Ihr Autor Gil Yaron, ein israelischer Arzt, der sich aber hauptberuflich als Journalist verdingt, verfasste einen Artikel mit dem Titel Hass auf neuem Höhepunkt, in dem er weitgehend neutral im Stil einer Reportage über die verschiedenen Reaktionen auf das Verbrechen berichtete. [2] Die Redaktion von Spiegel Online verpasste dem Artikel einen neuen Titel und einen Einleitungstext. Der Titel lautet: Gewaltspirale im Westjordanland. Frieden? Mit denen? Unmöglich. [3] Und darunter setzte man folgendes Musterbeispiel deutschen Wahns: „Die jüdische Siedlung Itamar im Westjordanland gilt als Heimat derer, die besonders überzeugt von ihrer Sache sind. Doch auch die palästinensischen Nachbarn sind wenig kompromissbereit. Nun zeigt ein grausiger Mord, wie unversöhnlich beide Parteien sind.“ Wohlgemerkt: Dieser geschmacklose Text, der offensichtlich bemüht ist, die Opfer zu Tätern zu machen, erschien nur drei Tage nach dem Massaker.

Einen Monate später – Mitte April – wurde bekannt, dass die israelische Regierung Jörg Laus genialem Einfall gefolgt war und Ermittlungen aufgenommen hatte. Und das mit Erfolg: Sie hatte tatsächlich die beiden der PFLP angehörenden Täter gestellt, die sich stolz zur Tat bekannten und verkündeten, sie würden es jederzeit wieder tun: „According to a senior Shin Bet official, despite the suspects’ young age, Hakim and Amjad ‚described what they did with self-control and did not express regret over their actions at any stage of the investigation‘.“ [4] Wie die Haaretz weiter berichtet, war das einzige, das sie ärgerte, dass sie in dem Haus noch zwei Kinder übersehen hatten: Nach der Tat „the suspects realized that their gunshots had gone unnoticed and they had not yet been discovered. Amjad Awad subsequently reentered the home in order to steal an additional M-16 rifle that was there. Back inside the parents’ room, Awad noticed three-month-old Hadas and stabbed her to death. While leaving the home once more, the suspect noticed that there were more children but apparently figured that he was running out of time. The lives of Roi Fogel, 8, and Yishai Fogel, 2, were spared.“

Man muss die Haaretz lesen, um überhaupt irgendetwas Substantielles zum Tathergang zu erfahren. Die deutschen Tageszeitungen schwiegen sich entweder vollkommen aus oder machten weiter mit ihrem Versuch, Israel die Schuld an den Morden zuzuschieben. Es war wieder Spiegel Online, dem zur Festnahme der Täter kein anderer Titel einfiel als Israel macht Teenager für Mord an Siedlern verantwortlich. [5] Hieran ist vielerlei bemerkenswert: Erstens wird die Formulierung gewählt, Israel mache jemanden für die Tat verantwortlich, anstatt zu schreiben, die Täter seien gefasst. Man könnte das noch als Zugeständnis an die Rechtslage verstehen, nach der die Täter trotz ihres Geständnisses offiziell erst dann welche sind, wenn sie von einem unabhängigen Gericht dazu verurteilt wurden. Warum die Redaktion dann aber nicht die übliche Formel vom „mutmaßlichen“ Täter verwendet, bleibt unklar. Zweitens ist der Verweis, Israel verdächtige jemanden, dazu geeignet, dessen mangelnde Objektivität als Kriegspartei zu suggerieren. Nach dem Motto: Wenn Israel das behauptet, wird es sich wahrscheinlich um Propaganda handeln. Drittens wird hervorgehoben, dass die Festgenommenen „Teenager“ sind. Das stimmt formal sogar, denn sie sind 18 und 19 Jahre alt, also noch keine Twens. Dennoch verbindet der Leser mit dem Begriff Teenager doch eher Pubertierende, nicht Erwachsene. Die Verwendung dieses Terminus ist also dazu geeignet, auf die vermeintliche Unschuld oder zumindest verminderte Schuldfähigkeit dieser zarten Pflänzchen hinzuweisen. Viertens ist im Titel vom „Mord“ in der Einzahl die Rede, nicht von „Morden“, geschweige denn von einem „Massenmord“ oder einem „Massaker“.

So wird’s gemacht: Die vermutlich ohnehin tendenziell antiisraelisch eingestellte Leserschaft wird ständig mit neuer „Hasspropaganda“ versorgt. Am besten eignen sich dazu im Internet- bzw. iPhone-Zeitalter freilich Überschriften und Kurztexte. Und so wird der Nachrichtenkrieg gegen Israel zur leicht konsumierbaren Ware, deren Genuss darin besteht, seine Ressentiments jeden Tag aufs Neue bestätigt zu bekommen.


 Anmerkungen:

[1] http://blog.zeit.de/joerglau/2011/03/14/das-massaker-von-itamar_4726.

[2] http://www.info-middle-east.com/news/hass-auf-neuem-hohepunkt.html. (Info Middle East ist Yarons private Website, auf der seine Artikel im Original erscheinen.)

[3] http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,750935,00.html.

[4] http://www.haaretz.com/news/diplomacy-defense/two-teens-from-west-bank-village-arrested-over-itamar-massacre-1.356396.

[5] www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,757564,00.html.

 

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