Ausgabe #16 vom

Zwei Nasen tanken super

MATHEUS HAGEDORNY

 „Ein besinnungsloser Aufsatz darüber, was alles mit der Psyche passiert, wenn sie auf Endlospartys in den Wahnsinn getrieben wird. Geschrieben in einer Sprache, die auch Leser von “Bussi-Bär”-Comics nachvollziehen können.“ 1 Diesen Worten des taz-Autoren Julian Weber, die für sich genommen den literarischen Gehalt von Raven wegen Deutschland treffend benennen, müsste man gar nichts hinzufügen. Tatsächlich sind diese Worte jedoch als Lob gemeint und atmen -wie sämtliche Rezensionen 2- den Geist eines wehmütigen journalistischen Prekariats, dem die „Party des Jahrhunderts“ (Fettes Brot) entgangen ist, die ein linksradikaler Elektropunk namens Torsun an ihrer statt gefeiert hat. 

Raven wegen Deutschland, das sich selbst als „Doku-Roman“ rubriziert, erzählt die Geschichte des arbeitslosen Ravers und Egotronic-Frontmanns Torsun, der im Sommer des Jahres 2007 sein zweites Album produzieren muss und sich auf dem Weg dorthin der populären Volkskrankheit des Prokrastinierens befleißigt. 

„Doku-Roman“, das klingt nicht zufällig nach Infotainment, sondern ist es auch. Dass das Buch in irgendeiner Hinsicht als autobiographischer Roman durchgehen könnte, würde ein Mindestmaß an Distanz zum Geschehenen voraussetzen, stattdessen beherrscht freimütige Ereigniswiedergabe die Erzählung. Oft wird Redundantes rekonstruiert, ohne damit die Handlung voranzutreiben, während ganze Wochen mit einem Satz zum Verschwinden gebracht werden. 

Der Autobiograph erzählt im ersten Teil des Buchs Kapitel für Kapitel Schwank aus seiner amphetamingeschwängerten Sommerfrische zwischen Berliner Clubszene und hessischer Provinz, unterbrochen von Einschüben seines Sekundanten Daniel Kulla, der im Sinne des Infotainments seine Zeitzeugenbefragungen humorisieren möchte („Herzlich Willkommen zu Nasenmann-TV“) 3. Den Tiefpunkt dieser vermessen als multiple Erzählebenen ausgegebenen, tatsächlich hinfälligen Unterbrechungen des Leseflusses markiert die verhohnepiepelnde Parodie eines stalinistischen Parteiverfahrens, das gegen den in der Story sehr beiläufig auftauchenden Mitbewohner Torsuns geführt wird und mit folgenden Worten schließt: „Wir verstoßen Dich aus der Vorhaut der Arbeiterklasse 4.“ 

Generell scheint in diesem Buch kein sprachlicher Holzhammer zu groß und kein Geistesblitz zu unausgegoren zu sein, was den agitatorischen Effekt befördert, dass „[m]it diesem Buch jeder des Lesen Mächtige mitsaufen, mitfeiern, mit Torsun und seinem Co-Autor Kulla rauf- und runterfeiern [kann]“ 5.

Liest man das Buch nicht als Roman, sondern als Erfahrungsbericht der ravenden Linken Berlins, ist es umso unerquicklicher. Nichts steht pars pro toto, vielmehr alles pars pro torsun. Die Weggefährten bei Torsuns mehrtägigen Feierexzessen erscheinen als reine Statisten und Stichwortgeber, unspezifisch und austauschbar. Als besonders betrüblich erweist sich dies bei der Darstellung der Liebschaften des Egotronic-Sängers. Auch sie heben sich von den blassen Feiergestalten keineswegs ab und lassen sich allenfalls durch ihren Vornamen und kursorisch angedeuteten jeweiligen sexy Kleidungsstil auseinander halten. Sinnlichkeit, so kann man in diesem Buch lernen, ist die Sache des Ravers nicht, vielmehr feiert und redet man aneinander vorbei, und so bleibt zu hoffen, dass es sich nicht genau so zugetragen hat. 

Die einzige explizite Sexszene beschreibt Torsun dann, weil es ihm in seiner Muttersprache peinlich ist, auf Englisch und scheint die Benennung des weiblichen Hinterns nur im zotigen Französeln hervorbringen zu können. Der erste Satz zur Anbahnung liest sich entsprechend „When we were spooning, she started to gently press her derrière against me and to slowly move up and down“ 6, und der Leser fragt sich, ob die verschämt-technische Darstellung eines Sexualakts der mangelnden Erotik der deutschen Sprache, der dargelegten Situation oder schlicht der Verklemmtheit des Autors geschuldet ist, die sich letztlich seinem hemmungslosen Mitteilungsbedürfnis unterwerfen musste.

Warum diesem Deutschland die widerständige Elektropunkband Egotronic gefehlt hat, darf der Fan und Zweitautor Daniel Kulla dann im zweiten Teil des Buches in einer Art Bandgeschichte nacherzählen. Wie bereits im ersten Teil des Buches, lässt es sich der Vollblut-Blogger Kulla auch hier nicht nehmen, die Egotronic-Bandgeschichte durch seinen Gedanken zur Weltlage unmotiviert zu verlängern. 

Dass Raven wegen oder gegen Deutschland zu Subversion führen könnte, kann nach Lektüre dieses Buchs ausgeschlossen werden, ist doch die Moral der Bandgeschichte, dass man in seiner kulturindustriellen Nische eine supergeile Zeit haben und wie das sympathische Original Torsun sogar aus den Fängen der Arbeitsagentur entkommen kann. Dem prekarisierten Publikum wird am Ende Mut gemacht, es doch auch einmal zu versuchen, schließlich sei es „offensichtlich ganz einfach, Musik zu machen“ und das Internet „trotz aller Kommerzialisierung“ ein „Ort der globalen kollektiven Produktion“ 7, wo Labels ihre ehrenvolle Aufgabe nicht mehr verrichten können, musikalische Rohrkrepierer aufzuhalten. Aufmunternde Worte, die aus der Feder des zu Recht erfolglosen „Musikers“ Classless Kulla allerdings einen Beitrag zur globalen kollektiven Fremdschamproduktion leisten. 

Wem es bislang an Sinn und Führung in seinem Leben gefehlt hat, wird schließlich nach reichlich 270 Seiten mit knappen Imperativen an die Hand genommen: „Lieber nicht mitmachen, selber überlegen, was man machen kann, sich mit anderen zusammentun, die das auch tun. Nichts selber machen, was man sich auch einfach kaufen kann, aber sich alles anschauen, rauskriegen, wie man es tun könnte, selber machen 2.0. Sein Leben als Generalprobe für eine Welt leben, die irgendwann vielleicht tatsächlich nicht mehr so beschissen ist. In der ihr nicht mehr bloß nach Klassen sortiert zum Fressnapf dürft, sondern alle an allen Segnungen gleichermaßen teilhaben können, soweit sie das möchten“ 8.

Fest steht, dass das Leben zu kostbar ist, um sich von Raven gegen Deutschland schlecht unterhalten und sein Dasein zur tödlichen Generalprobe für den jenseitigen Kommunismus herabwürdigen zu lassen. Wer sich die aufgepeppte Abizeitung der hedonistischen Linken dennoch antun möchte, dem sei empfohlen, sich bezüglich der PDF-Datei des Buches beim Rezensenten zu melden, ganz unkommerziell, am „Fressnapf“ und „Ort der globalen kollektiven Produktion“ 9.

Raven wegen Deutschland von Torsun und Kulla, Ventil Verlag, 277 Seiten, 12,90 Euro

 

Anmerkungen:

     

  1.  Julian Weber: Feinkost für Käfer, Sonntaz vom 12.11.2011, http://www.taz.de/digitaz/2011/11/12/a0050.archiv/exportHtml

  2.  

  3.  mutmaßlich sämtliche Rezensionen lassen sich hier einsehen: http://www.classless.org/kontakt/torsun-und-kulla-raven-wegen-deutschland/

  4.  

  5. Torsun und Kulla: Raven wegen Deutschland, Mainz 2011, S. 24.

  6.  

  7.  ebd., S.26

  8.  

  9.  Jan Drees: Tanzen ist die wärmste Jacke, EinsLive Magazin, 

  10.  

     http://www.einslive.de/magazin/literatur/2011/12/raven.jsp

     

  11.  Raven wegen Deutschland, S. 120ff.

  12.  

  13.  ebd. S. 276

  14.  

  15.  ebd.

  16.  

  17.  ebd.

  18.