Ausgabe #18 vom

Stachel im Fleische

Die Dialektik der Aufklärung und der zionistische Imperativ

JAN HUISKENS

„Aber es gibt keine Antisemiten mehr.“1 Diese keineswegs erleichternde, sondern äußerst bittere Bemerkung aus der in den Jahren 1939 bis 1944 verfassten Dialektik der Aufklärung war überaus klarsichtig: Wenn der Nationalsozialismus die Zerstörung des bürgerlichen Individuums zelebrierte, dann starb damit tendenziell auch der von Jean-Paul Sartre so treffend beschriebene Typus der antisemitischen Persönlichkeit.2 Es kam im Nationalsozialismus überhaupt nicht mehr darauf an, die Juden zu hassen, denn es reichte vollkommen aus, sie aus welchen Gründen auch immer zu töten oder dem Verbrechen zumindest nicht im Wege zu stehen.3 Das impliziert keineswegs die Reduktion der Mörder auf gleichgültige Schreibtischtäter, die keine libidinöse Beziehung zu ihren Opfern gehabt hätten, denn die individuelle Idiosynkrasie hatte sich im Nationalsozialismus in einen kollektiven Wahn verwandelt, der keine Pathologie mehr darstellte, sondern die Normalität. Selbst wer gegenüber Juden bisweilen Mitleid empfunden haben mag, war noch ein funktionierendes Glied jener Gesellschaft, die ganz im Banne des „Erlösungsantisemitismus“ (Saul Friedländer) stand.

Die Alliierten wurden nach dem 8. Mai 1945 mit dem Problem konfrontiert, dass der Antisemitismus der Deutschen nicht heilbar war, weil er keine seelische Krankheit Einzelner mehr darstellte, sondern vor allem eine soziale Realität. Schon Freud hatte zugestanden, dass die Psychoanalyse gegen den Wahn, anders als gegen die Neurose, machtlos ist.4 Deshalb verordneten die Alliierten den Besiegten keine Psychoanalysesitzungen, sondern änderten die sozialen und politischen Verhältnisse in Eigenregie: per Dekret. Die Reeducation basierte auf der Hoffnung, die Kinder der Täter würden sich, wenn sie eine liberale Realität vorfänden, vom Wahn der Eltern emanzipieren. Und die Tabuisierung des Antisemitismus war ein substanzieller Teil dieser veränderten Realität des neuen Deutschlands.

So bekam auch Adornos und Horkheimers Provokation, es gebe keine Antisemiten mehr, eine neue Bedeutung: Nach der Shoah und der Niederschlagung des Nationalsozialismus wollte niemand mehr Antisemit genannt werden, der Wahn suchte sich scheinbar unschuldigere Ausdrucksformen, die mit der zur Schau gestellten demokratischen Gesinnung harmonisierten. Der deutsche Bürger, der eben noch Teil der Volksgemeinschaft gewesen war, versuchte nach der „Stunde Null“ unter Aufbietung beträchtlicher argumentativer Strategien den Eindruck zu vermeiden, ihn verbinde auch nur irgendetwas mit der Ideologie des Nationalsozialismus. Für wie glaubwürdig auch immer man diese Transformation halten mag, fest steht, dass der Vorwurf, Antisemit zu sein, jahrzehntelang als höchst verwerflich galt.5

Dies scheint sich nun, in der dritten Generation nach der bedingungslosen Kapitulation, langsam zu ändern. Das Bekenntnis des Tagesspiegel-Kolumnisten Harald Martenstein in der Augstein-Affäre, er wolle Antisemit genannt werden, wenn das, was Augstein von sich gegeben habe, antisemitisch sei, ist dafür der sinnfälligste Ausdruck.6 Martensteins Äußerung zeigt an, dass der Antisemitismus als Ticket eines Tages tatsächlich wieder salonfähig werden könnte. Immer mehr nämlich setzt sich die Meinung durch, nicht der Antisemitismus, sondern der Antisemitismusvorwurf sei das eigentliche Problem. Wer andere der Judenfeindschaft zeihe, wolle diese herabsetzen und diskriminieren, was gegen die Regeln des gepflegten demokratischen Diskurses verstoße.7 Je mehr sich die Intellektuellen von tatsächlichen oder nur halluzinierten Antisemitismusvorwürfen bedroht fühlen, desto mehr entwickeln sie auch das Bedürfnis, der Gefahr dadurch auszuweichen, dass der Antisemitismus selbst wieder respektabel gemacht wird. Die scheinbar ganz objektive, wieder einmal medizinisch-wissenschaftlich daherkommende Kritik jüdischer Rituale, die in der Beschneidungsdebatte schon mal ausgetestet wurde, könnte ein erster Schritt dahin sein, antijüdische Ressentiments wieder formulierbar zu machen, ohne unbedingt den antizionistischen Umweg gehen zu müssen. Es bleibt abzuwarten, wann sich die Bedenkenträger das Schächten vornehmen oder ihre hochmoralischen Einwände gegen das Hühnerschwenken an Jom Kippur vortragen.

Vorerst aber werden die nächsten Jahre eine Intensivierung der Warnungen vor Anti-Antisemiten bringen, welche als Bedrohung für die freie Meinungsäußerung markiert werden.

Schon kurz vor der Augstein-Affäre hatte es Anlass gegeben, munter die Anti-Antisemitismus-Keule zu schwingen. Judith Butler, eine jüdische Antizionistin, die bekanntermaßen auch Moralphilosophin und Gender-Theoretikerin ist, war im September 2012 der Adorno-Preis der Stadt Frankfurt zugesprochen worden. Nach heftiger Kritik der Frankfurter „Gruppe Morgenthau“, die in der philosophischen Tradition Adornos steht, hatte der Generalsekretär des Zentralrates der Juden, Stephan J. Kramer, die Preisverleihung unter explizitem Verweis auf Butlers Liebäugeleien mit islamistischen Terrorgruppen öffentlich kritisiert und damit ein gewaltiges Medienecho ausgelöst.8 Wie im Fall Augstein war sich auch hier die Presse einig: eine Antisemitin sei Butler ganz sicher nicht. Reflexhaft wurde in beinahe jedem Artikel ein Antisemitismusvorwurf zurückgewiesen, den überhaupt niemand erhoben hatte. Sowohl die Frankfurter Ideologiekritiker, die eine Gegenkundgebung zur Preisverleihung organisiert hatten, als auch der Zentralrat hatten lediglich darauf hingewiesen, dass man eine Person, die den islamistischen Terror gegen Israel relativiert und offen zum Boykott des jüdischen Staates aufruft, nicht mit einem Preis ehren dürfe, der den Namen eines Mannes trägt, der durch die Nazis zum Juden gemacht wurde und sich aus gutem Grund niemals gegen Israel positioniert hat. Dass Butlers „Ethik der Gewaltlosigkeit“ Adornos Verteidigung des Nichtidentischen zudem diametral entgegensteht, weil diese Ethik angesichts der gewalttätigen Verfasstheit der Welt und nicht zuletzt aufgrund der Hartnäckigkeit des antisemitischen Wahns in ihren politischen Konsequenzen brandgefährlich ist, machte die Preisverleihung vollends absurd. Aber mit den philosophischen Gründen für Butlers Israelfeindschaft wollte sich ohnehin kaum einer der Diskursanten auseinandersetzen. Stattdessen ging es darum, Antizionismus als legitime Meinung zu schützen.

Liberale Feindschaft gegen die Kritische Theorie

Eine Ausnahme stellten die proisraelischen Autoren des liberalen Flaggschiffs Die Welt dar, die unmissverständlich Butlers politische Haltung verurteilten. Allerdings verknüpften diese Liberalen – Richard Herzinger, Alan Posener und leider auch Henryk M. Broder – ihre Schelte mit einer Denunziation des Preisnamensgebers selbst. In den Worten Herzingers: „Allerdings erhält Judith Butler den Adorno-Preis ja nicht als Anerkennung für ihren antiisraelischen politischen Aktivismus, sondern für ihre philosophischen Beiträge in der Tradition der ‚Kritischen Theorie‘, deren Päpste bekanntlich Max Horkheimer und Theodor W. Adorno waren. In dieser Hinsicht aber, der theoretischen Nähe Butlers zu Adorno, liegen die Dinge keineswegs so einfach, wie es sich die Protestierer machen, wenn sie, vor Empörung bebend, die Preisverleihung an Butler als Schändung des geistigen Erbes des Frankfurter Meisterdenkers darstellen. Das lautstarke Lamento über die vermeintliche Entweihung des Säulenheiligen Adorno beruht auf seiner Idealisierung zum unbeirrbaren Verteidiger der Aufklärung gegen alle Formen des Irrationalismus und zum angeblich in Treue fest zum Staate Israel stehenden Anti-Antizionisten, die kaum etwas mit den tatsächlichen Ideen Adornos, dafür aber alles mit dem Wunschdenken oder dem vorgefertigten ideologischen Weltbild einiger seiner eifernden Epigonen zu tun hat.“9 Tatsächlich, so hatte Herzinger herausgefunden, steht in der Dialektik der Aufklärung, dass Aufklärung totalitär sei. Die Frankfurter Ideologiekritiker, die Herzinger damit treffen wollte, kennen das Buch sicher besser als er und so dürfte ihnen auch kaum das inkriminierte Zitat entgangen sein. Anders als von Herzinger aus bloßem Unverstand behauptet, waren sie jedoch nicht so töricht, Adorno als „unbeirrbaren Verteidiger der Aufklärung gegen alle Formen des Irrationalismus“ darzustellen, denn das hätte schließlich nicht nur bedeutet, allem nicht unter die Herrschaft der Ratio Subsumierbaren jegliches Recht abzusprechen (der Liebe etwa oder der Kunst), sondern auch das Irrationale der Aufklärung selbst zum Verschwinden zu bringen. Die Dialektik der Aufklärung und das Buch, das sie entlarvt, gehen offenbar über Herzingers Fassungsvermögen. Er denkt unphilosophisch, in bloßen Gleichungen und Phrasen: Wenn Adorno die Aufklärung kritisierte und Butler dies auch tut, dann müsse beide schließlich eine „theoretische Nähe“ verbinden – dass dieser simplen Rechnung ohne weiteres auch Adolf Hitler und Osama bin Laden zuzufügen wären, schreckt den wackeren Aufklärer ebenso wenig ab wie von ihm jemals ein kritisches Wort über den vehementen Antisemitismus der Voltaires, d’Holbachs und Fichtes zu vernehmen gewesen wäre.10 Stattdessen verblasst die Aufklärung, die doch trotz ihrer repressiven Dynamik das Versprechen der Freiheit erst hervorgebracht hat, bei Herzinger zur propagandistischen Parole, die geeignet ist, politische Gegner zu denunzieren. Vor allem sind ihm „antideutsche Kommunisten“ ein Dorn im Auge – gar nicht zu Unrecht, denn die Sehnsucht, eines Tages vielleicht doch noch Herrschaft und Knechtschaft abzuschaffen, trennt dann doch den in rein denunziatorischer Absicht als „Kommunisten“ Bezeichneten über alles Verbindende hinweg vom sogenannten Liberalen, der die Herrschaft von Menschen über Menschen aufrechterhalten will, weil er sie für naturgemäß, praktisch, vernünftig oder unvermeidlich hält. Anstatt diese politische Banalität aber einfach auszusprechen, verstieg sich Herzinger dazu, wutschnaubend gegen die Kommunisten Adorno und Horkheimer zu wettern, die es sich erdreistet hätten, im amerikanischen Exil weiter Gesellschaftskritik zu betreiben, „während in Europa amerikanische und britische Soldaten ihr Blut im Kampf gegen die entfesselte Barbarei der Gegenaufklärung vergießen mussten“. Herzingers virtueller McCarthy-Ausschuss lehnte sogar die Gewährung mildernder Umstände ab, denn Adorno sei „entgegen einem weit verbreiteten Irrtum“ kein Jude gewesen – man fragt sich, warum dieser vor den Nazis dann überhaupt fliehen musste. Am schwerwiegendsten aber war Herzingers Vorwurf, die Kritischen Theoretiker hätten sich nie öffentlich für Israel eingesetzt. Das ist zwar auch sachlich falsch, wie nicht nur Horkheimers Ehrenmitgliedschaft im Komitee des Keren Hayesod bezeugt,11 aber die Anklage, Adorno und Horkheimer seien keine strammen Zionisten gewesen, mutet ohnehin etwas befremdlich an. Wie jeder vernünftige Mensch hielten Adorno und Horkheimer die Existenz und (auch bewaffnete) Verteidigung des jüdischen Staates für notwendig,12 ohne deshalb den von der Aufklärung hervorgebrachten, aber von ihr nicht einlösbaren Universalismus aufgeben zu müssen. Gerade die Kritische Theorie, die den von der Totalität Überrollten und Gequälten immer ins Zentrum gestellt hatte, wusste, dass ein abstrakter Universalismus, der die historische Erfahrung der Verfolgung und Vernichtung des jüdischen Partikularen nicht berücksichtigt, in Barbarei umschlägt. Horkheimers frühe kritische Texte über den Zionismus waren daher ein Ausdruck der Trauer darüber, dass die Gründung eines jüdischen Staates, die das grauenhafte Scheitern der Emanzipation anzeigte, notwendig geworden war.13 Das universelle Versprechen der Aufklärung war mit dem Nationalsozialismus dementiert, man konnte nicht einfach so tun, als ob das Schlachten nie stattgefunden hätte, und naiv zum scheinbar glücklichen Ausgangspunkt zurückkehren. Mit dieser Erkenntnis hielten Adorno und Horkheimer der Aufklärung mehr die Treue als Herzinger mit seinem Lob der „zivilisationsstiftenden Zweckrationalität“, die angeblich die Amerikaner und Engländer davor bewahrt habe, Nazis zu werden.14

Eine vergiftete Verteidigung

Die liberalen Denunziationen Adornos setzten der Ehrung Butlers die Krone auf, denn plötzlich war nicht etwa Butlers Israelfeindschaft im Zentrum der Debatte, sondern die vermeintliche Adornos. Hätte sich das Streuen dieses Gerüchts auf Herzinger und Co. beschränkt, es wäre zwar ärgerlich, aber nicht weiter der Rede wert gewesen. Schlimmer aber war, dass ein Mann, der sich seit eh und je als Erbverwalter der Kritischen Theorie inszeniert, ins selbe Horn stieß: Die Rede ist von Detlev Claussen, der zwar über die Identifizierung Butlers mit Adorno korrekt festhielt, Butler sei „eine weltberühmte akademische Idiotin“, die „keine Beziehung zu irgendeiner Sache habe[n], sondern nur zu ihrer eigenen Schaustellerei“15, aber zugleich die Gelegenheit nutzte, Butler vom Antisemitismus frei zu sprechen und vermeintliche „watchdogs“ zu denunzieren, „die weltweit überwachen, was akademische Prominenz zu Israel, den USA und den Muslimen zu sagen hat“. Was, um alles in der Welt, motivierte Claussen nur, ausgerechnet jene anzugreifen, die sich vom anything goes des postmodernen Diskurses nicht dumm machen lassen und darauf beharren, dass juden(staats)feindliche Äußerungen in Wort und Tat nicht tolerierbar sind? Wieso reihte sich Claussen in den Chor derer ein, die unbedingt immer Israel kritisieren wollen und sich von mächtigen, weltweit agierenden „watchdogs“ umzingelt sehen? Und weshalb war es Claussen, der keine zwei Seiten zustande bringt, ohne auch nur mindestens ein abstützendes Adorno-Zitat anzubringen, überhaupt so wichtig, als Adornit Israel kritisieren zu dürfen?

Um auf diese Fragen eine zufriedenstellende Antwort zu finden, bedarf es einiger Umwege, denn was sich in Claussens Haltung zur Preisverleihung kundtat, das Ertapptfühlen, ist zwar einerseits – wie zu zeigen sein wird – Resultat einer antizionistischen Kontinuität seines Denkens seit den sechziger Jahren, andererseits aber war sein Werk immer dann, wenn es sich von diesem schlechten linken Erbe partiell befreien konnte, tatsächlich dem Adornos viel näher als die meisten anderen der sogenannten „Schüler“. Das zeigt sich schon daran, dass Claussen immer wieder die Kritik des Antisemitismus und die Erfahrung des Nationalsozialismus ins Zentrum seiner Theorie gerückt hat – ganz im Gegensatz zu jenen Adorniten, die beharrlich von Auschwitz schweigen oder es in ihren zivilisationskritischen Elaboraten einfach als Synonym für „die Moderne“ verwenden und damit Adornos Erkenntnisse um ihren dialektischen Gehalt bringen. Demgegenüber hat Claussen gerade in seiner Schrift Grenzen der Aufklärung versucht, die historische Genese des Antisemitismus in der bürgerlichen Gesellschaft nachzuzeichnen und dabei zugleich an dem ihr innewohnenden Glücksversprechen festzuhalten. Seine Bestimmung des Verhältnisses von bürgerlicher Gesellschaft, Kapitalismus, Antisemitismus und Auschwitz stellt daher die Voraussetzung dar, unter der auch seine Einlassungen zu den „watchdogs“, zum Antizionismus und zu Israel zu verstehen sind.

Allerdings hat Claussens Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus noch eine weitere Ebene, die nicht außer acht gelassen werden darf: Die Tatsache nämlich, dass Claussen als ehemaliger SDS-Verbindungsmann zu Arafats PLO Ende der sechziger Jahre mit dezidierten Judenfeinden Kontakt pflegte und sich von dieser Tätigkeit zwar verabschiedet, aber nie ausdrücklich distanziert hat, verleiht seiner intensiven Auseinandersetzung mit der Geschichte des Antisemitismus eine hässliche Note; so als ob er beständig Beweise dafür suchen würde, warum sein Antizionismus nichts mit der langen Tradition der Judenfeindschaft zu tun haben könne. Noch in seinem neuesten Erguss, der Rezension einer Biographie Joschka Fischers, schreibt Claussen ohne weiteren Kommentar, er habe im Winter 1969 Fischer „meinen Platz in der SDS-Delegation zur PLO-Konferenz in Algier [überlassen], da ich an der Lunge erkrankt war und sicher war, Fischer besitze genug Problembewusstsein, sich dort als interessierter, aber nicht kritikloser Abgesandter aus Deutschland aufzuführen“.16 Man kann sich nur ausmalen, wie Fischers problembewusste, nicht kritiklose Miene ausgesehen haben mag, als Arafat auf eben dieser Konferenz zum Kampf gegen Israel bis zum „Endsieg“ aufgerufen hat und die Schlusserklärung verabschiedet wurde: „Die Versammlung vertraut darauf, dass der Endsieg dem palästinensischen Volk gehören wird, und es ihm gelingen wird, ganz Palästina zu befreien.“17 Hätte Claussen, der sich ja nicht zufällig so für die PLO begeisterte, an Fischers Stelle empört den Saal verlassen? Wohl kaum. Nur einige Monate zuvor hatte Claussen an einer Fahrt einer inoffiziellen SDS-Delegation in ein Fatah-Trainingscamp in Jordanien teilgenommen. Laut Wolfgang Kraushaar soll es sich so zugetragen haben: „Nach ihrer Ankunft in dem El Fatah-Lager werden die Studenten neu eingekleidet. Zu ihrer Vorbereitung auf eine paramilitärische Ausbildung werden sie in olivgrüne Jacken und Mützen gesteckt. Da die Uniformen unvollständig sind, wirken manche von ihnen jedoch eher komisch. [...] Im Rahmen der Ausbildung, die nicht von allen absolviert wird, werden auch Schießübungen mit Kalaschnikows auf Flaschen durchgeführt.“18 Zwar sei bei den meisten Teilnehmern „die anfängliche Begeisterung für das palästinensische Revolutionsmodell einer skeptischen bis resignativen Einstellung über die Wirklichkeit in dem kargen, sonnenverbrannten arabischen Land und dem Elend in den Flüchtlingslagern gewichen“19, aber zu einer prinzipiellen Ablehnung der Ziele und Methoden der Fatah scheint es nicht gekommen zu sein. All dies sind keine Kleinigkeiten, denn sie bezeugen, dass Claussen sich 1969 so stark mit der palästinensischen Sache identifiziert hat, dass er dafür lange, strapaziöse Reisen, eine Gefahr für Leib und Leben sowie eine Inhaftierung durch die Behörden in Kauf nahm.

Ein Antisemitismusexperte, der einmal die Nähe zu antizionistischen Guerillakämpfern gesucht hat, muss sich den Verdacht gefallen lassen, dass seine wissenschaftliche Tätigkeit die eigenen antijüdischen Neigungen rationalisieren und das schlechte Gewissen beruhigen soll. Das aber würde auch bedeuten, dass die Analyse des Antisemitismus die Gegnerschaft zu Israel in irgendeiner Weise begründen können müsste. Die Antisemitismustheorie wäre kein bloßes Alibi, Israel schelten zu können, sondern der Kampf gegen den Antisemitismus müsste als mit dem Kampf gegen den Zionismus identisch dargestellt werden. Hier kommt ein linkes Erbe ins Spiel, auf das sich Claussen merkwürdig geschichtsblind bezieht: auf einen marxistischen Antizionismus vor Auschwitz, der noch hoffen konnte, dass der Sozialismus den Antisemitismus abschaffen würde, und deshalb den Zionismus dafür kritisierte, dass dieser in seiner Betonung jüdischer Partikularität die Stigmatisierungen von Seiten der Judenfeinde geradezu unterstütze.20

Der „ewige Antisemitismus“

Es mag erstaunlich klingen, aber genau diese Zionismuskritik ist die Quintessenz des über weite Strecken ohne Frage gewinnbringend zu lesenden Buches Grenzen der Aufklärung. Gerade weil dieses Buch streckenweise so sehr zu überzeugen vermag, ist die Konsequenz, die Claussen darin scheinbar aus seinen Erkenntnissen zieht (die aber in Wahrheit a priori feststeht), umso ärgerlicher. Das wiederkehrende Motiv, das sich durch das gesamte Werk zieht, ist der Angriff auf die These des „ewigen Antisemitismus“. Claussen versucht auf historiographischem Wege nachzuweisen, dass der moderne Antisemitismus, den er strikt vom traditionellen trennt, vom Kapitalismus hervorgebracht worden sei und deshalb mit dem Sozialismus auch wieder verschwinden könne. Der Zionismus, der davon ausging, dass die Juden nur in einem eigenen Staat letzte Sicherheit finden können, weil die Diasporageschichte gezeigt habe, dass die Juden überall gehasst würden, wird von Claussen als unkritisch geschasst.21 Auch wenn er anmerkt, er wolle „nicht in die Nähe antizionistischer Polemik geraten“22 und damit zu verstehen gibt, dass er selbst weiß, worauf seine Kritik hinausläuft, bleibt sein Argument stumpf gegenüber der historischen Erfahrung, die der Zionismus verkörpert: Die Aussage, der Antisemitismus sei ein vorübergehendes Phänomen, ist kontrafaktisch. Sie ist nur negativ, als unausgesprochener Fluchtpunkt der Kritik festzuhalten. Als Ausgangsbasis für das Begreifen der Geschichte ist sie irreführend, blind, naiv. Ob der Zionismus mit seiner These vom „ewigen Antisemitismus“ wirklich recht hat oder nicht, wird die Zukunft zeigen – bisher aber gibt es leider wenig Grund, daran zu zweifeln.23 Deshalb ist eine als-ob-Haltung gegenüber dem Antisemitismus einzunehmen: Aus purem Überlebenswillen müssen der Zionismus und die ihn verteidigende Gesellschaftskritik davon ausgehen, dass der Antisemitismus ewig ist, und zugleich alles daran setzen, dass diese These real widerlegt wird. Das Verhältnis umzukehren, wie es der Marxismus getan hat, auf den Claussen sich trotz aller Einwände im Einzelnen beruft, bedeutet, die Juden einem gefährlichen Experiment auszusetzen, von dem man nicht wissen kann, ob es glückt oder nicht; ja, bei dem man nach allem, was passiert ist, befürchten muss, dass das Resultat nicht besonders menschenfreundlich wäre. Eine befreite Gesellschaft, die diesen Namen verdient, wird es nicht geben können, solange der Antisemitismus nicht vollständig marginalisiert ist. Max Horkheimer hat die Wahrheit des Zionismus treffend so festgehalten: „Herzls Buch ‚Der Judenstaat’, das den Beginn der zionistischen Bewegung bezeichnet, verkörpert den Zweifel an der Fähigkeit der europäischen Staaten, mit der Idee des Pluralismus auf Dauer Ernst zu machen, das heißt dem Besonderen die Freiheit zu lassen, innerhalb des Allgemeinen dem eigenen Prinzip sich hinzugeben. Die zionistische Bewegung, die der Chance des Pluralismus, der Kultur des autonomen Einzelnen in Europa nicht mehr traut, bildet die zugleich radikale und resignierte Reaktion des Judentums auf die im letzten Jahrhundert eröffneten Möglichkeiten. Es ist der trübste Aspekt der Geschichte, die seither sich abspielte, der trübste sowohl für das Judentum wie für Europa, daß der Zionismus recht behielt.“24

Entgegen dieser Einsicht legt sich Claussen die Geschichte so zurecht, dass auf Biegen und Brechen die Unwahrheit der zionistischen These und die Möglichkeit einer freien Gesellschaft erwiesen wird: „Einzig in der Differenzierung kann emanzipatorisch gedacht werden: daß nicht alles notwendig so kommen musste, wie es kam, und daß nicht alles so bleibt, wie es ist.“25 Indem Claussen aber rein instrumentell die Differenzierung vollzieht, dass der moderne Antisemitismus gesellschaftlich statt naturgeschichtlich bedingt sei, nimmt er die Blindheit des prozessierenden Kapitals, die Tatsache, dass die gegenwärtige Form der Naturbeherrschung die Gesellschaft in „zweite Natur“ verwandelt, nicht mehr Ernst. Die grundlegende Einsicht der Dialektik der Aufklärung, dass der Prozess der Zivilisation, den die Autoren „Aufklärung“ nennen, eben doch notwendig – solange die Menschen nicht den Lauf der Dinge ändern – mit Judenfeindschaft einhergehen musste, wehrt Claussen aus politischen Gründen ab. Er lässt die Dialektik der Aufklärung gerade in ihrer Radikalität, die sie nicht zuletzt der Lektüre Freuds verdankt, nicht gelten: „Mit großem Recht rekonstruiert die Dialektik der Aufklärung die philosophische Urgeschichte des Antisemitismus, die unabtrennbar mit der Geschichte von Naturbeherrschung und Herrschaft in menschlicher Gesellschaft verknüpft ist. Durch diese Erörterung aber wird der Blick allzu sehr auf das identische Moment der Vorgeschichte gelenkt, das eben diese Vorgeschichte zur Vorgeschichte macht. Die Betonung der Differenz hält den Gedanken an Befreiung wach, der angesichts des Grauens der Jahre 1941 bis 1945 fast vermessen erscheint.“26 Unter der Hand verwandelt sich die „traditionelle Gesellschaft“ – eine Zeit, die von der Antike bis zum Anbruch der Neuzeit zu reichen scheint – in die „Vorgeschichte“ der Ära der Emanzipation. Damit verbunden ist die durch nichts zu rechtfertigende Gewissheit, „daß nicht alles so bleibt, wie es ist“. Was als Rettung der Aufklärung gedacht war, schlägt um in Affirmation. Die Einsicht, dass die Vorgeschichte mit dem Nationalsozialismus geendet haben könnte, ohne dass deshalb die Geschichte begonnen hätte, kommt Claussen nicht. Er will nicht verstehen, dass die Geschichtsteleologie, von der er beseelt ist, am Holocaust zerschellt ist.

Man könnte Claussens Buch Grenzen der Aufklärung als Versuch lesen, die Geschichtsphilosophie der Aufklärer nach Auschwitz wiederzubeleben. Das ist nur um den Preis der Verdrängung möglich und so nimmt es nicht wunder, dass der Name „Auschwitz“, den Claussen immer wieder vehement gegenüber dem kulturindustriellen „Holocaust“ (wörtlich: ganzheitliches Brandopfer) oder dem hebräischen „Shoah“ verteidigt hat, bei ihm letztlich zum Jargon wird. Es gibt, anders als Claussen meint, gute Gründe, warum in Israel der Begriff „Shoah“ verwendet wird; Gründe, die nicht nur mit dem Hebräischen als Nationalsprache verbunden sind, sondern auch mit der konkreten Bedeutung des Wortes, die jedem, der sie kennt, den Atem stocken lässt.27 Freilich, wer des Hebräischen nicht mächtig ist, dem bietet das fremde Wort vielleicht eine willkommene Möglichkeit, sich nicht mit dem Grauen auseinandersetzen zu müssen – aber gilt dasselbe nicht auch für den Namen „Auschwitz“? Indem die Diskriminierung, Ausplünderung, Verfolgung, Vertreibung, Ghettoisierung, Aushungerung, Marterung, Entmenschlichung, Ermordung der europäischen Juden auf einen Ort reduziert wird, der emblematisch für die scheinbar sterile Vernichtung durch Gas in einem quasiindustriellen Komplex steht, wird die rohe physische Gewalt, der psychische Terror, werden die Schreie, der Schmutz, das Blut, der Gestank verdrängt. Es bleibt eine fast schon klinische Banalität des Bösen, die niemanden mehr erschreckt. Auch Claussen, der doch weiß, was passiert ist, gleitet daher immer wieder in bedeutungsschwangeres, aber doch auch beruhigendes Raunen ab, in Formeln, die geeignet sind, Sinn zu stiften: „Die Entfesselung einer absoluten Gewalt, die in Auschwitz an Wehrlosen in einem weltgesellschaftlichen Halbdunkel praktiziert wurde, läßt sich nicht als kumulative Steigerung antisemitischer Gefühle begreifen.“28 Eine absolute Gewalt, die sich im Halbdunkel ereignet habe – abstrakter geht es kaum. Konkrete Täter kommen nicht vor, ja, die Gewalt selbst scheint das Subjekt gewesen zu sein: „Die verselbständigte Gewalt im Universum der Konzentrations- und Vernichtungslager folgte aus der Dynamik des mißglückten deutschen Griffs nach der Weltmacht, der in der Maxime ‚Jeder Widerstand ist sinnlos!’ kulminierte und jegliches, was die Ahnung an Anderssein und Veränderung aufrechterhält, zu vernichten drohte [...].“29 Auschwitz, das ja tatsächlich nicht nur ein Vernichtungslager war, wird in Formulierungen wie dieser zum Synonym für die Konterrevolution. Die Identifizierung der Juden mit Agenten gesellschaftlicher Veränderung macht aus den Nazis Konservative und die Vernichtung zum Folgeeffekt des Imperialismus.30

Angesichts der Tatsache, dass Millionen Deutsche und ihre Helfer aus anderen Nationen alles daran gesetzt haben, eine als „Gegenrasse“ halluzinierte Gemeinschaft von Menschen, die vielleicht eben noch ihre Nachbarn, Kollegen, Freunde gewesen waren, zu ermorden, an die Zukunftsperspektive der Aufklärung anzuknüpfen, ist nicht nur „fast vermessen“, sondern vollständig absurd. Und zwar deshalb, weil die Grundannahme der Aufklärungsphilosophie – dass der Mensch ein Vernunftwesen ist – praktisch widerlegt wurde. Claussen weiß das, aber er will – zu Recht! – nicht resignieren, will nicht die Hände in den Schoß legen und sich mit diesem Ergebnis der Geschichte zufrieden geben: „Die Rede vom Antisemitismus als einer Naturkonstante abendländischer Geschichte ist politisch äußerst gefährlich. Denn, um die Generalthese halten zu können, muß die historisch entscheidende Epoche von Aufklärung und Emanzipation ebenso wie jede sozialrevolutionäre Alternative zur bürgerlichen Gesellschaft für genuin judenfeindlich erklärt werden.“31

Der nichtjüdische Jude als revolutionäres Subjekt

Das Problem an Claussens Einspruch ist nicht, dass er sich mit dem Resultat der Geschichte nicht abfinden will, sondern dass er den sozialistischen Universalismus dem zionistischen Partikularismus gegenüberstellt. Dadurch sprengt er die Dialektik des Universalismus in eine Antinomie auf, die Zionisten erscheinen als Stachel im Fleische des Sozialismus, als diejenigen, die die falschen Lehren aus Auschwitz gezogen hätten. Vernünftig wäre es, wie Horkheimer einerseits darauf zu bestehen, dass der Zionismus Recht behalten hat und der Staat Israel deshalb bedingungslos zu verteidigen ist, andererseits aber durch Aufklärung und Kritik wider alle Evidenz, einzig getrieben von dem inneren Drang nach Wahrheit, Vernunft und universellem Glück, der „Sehnsucht nach dem ganz Anderen“ negativ Ausdruck zu verleihen. Die Kritische Theorie handelt vom Falschen, nicht vom Richtigen.32 Das bedeutet zugleich, gesellschaftliche Bedingungen schaffen zu helfen, in denen die Einrichtung einer vernünftigen Gesellschaft nicht nur wieder denkbar, sondern auch machbar wird. Dies ist der Hauptgrund dafür, dass die Analyse des Antisemitismus einen so großen Stellenwert in der Kritischen Theorie einnimmt: Die Frage der Judenfeindschaft ist der Lackmustest für die Möglichkeit universeller Befreiung. Indem Claussen die Perspektive verschiebt und den Partikularismus als entscheidendes Problem markiert, werden der leibhaftige „jüdische Jude“ und der konkrete jüdische Staat zum Störfaktor.

Es sollte deutlich geworden sein, dass Claussens Zionismuskritik wesentlich auf Verdrängung und Abwehr beruht. Die Radikalität der Dialektik der Aufklärung muss er relativieren, um sich eine „sozialrevolutionäre Alternative“ offen zu halten. Gleichzeitig aber versteht sich Claussen als orthodoxer Adorno-Schüler und den Vorwurf, er unterscheide sich in seinem Antizionismus von seinem Meister, würde er vermutlich vehement zurückweisen. Darin ist sich Claussen einig mit Liberalen wie Herzinger, die Adorno ebenfalls für einen Kritiker Israels halten. Claussen aber versteht das als Lob.

Allerdings hat die Sache den Nachteil, dass sich in Adornos Werk beim besten Willen keine antizionistischen Äußerungen finden lassen. Claussen hat sich deshalb einen besonderen Kniff ausgedacht, der neuerdings von Nachahmern übernommen wird, die offenbar noch nicht wissen, was sie sich damit einhandeln: Weil Adorno sich selbst nicht als Jude definiert hat, sondern durch die Nazis zu einem gemacht wurde, scheint auf ihn Isaac Deutschers Terminus des „nichtjüdischen Juden“ vollauf zuzutreffen. Diese Zuschreibung ermöglicht es, sich positiv auf ein Judentum zu beziehen, das universalistisch sei und in der Tradition der Aufklärung stehe: Die Ahnenreihe, die Deutscher entsprechend eigener politischer Interessenslage anbietet, reicht vom tragischen Fall Uriel Acostas über Spinoza, Heine, Marx, Freud, Luxemburg bis hin zu Trotzki. Sie repräsentieren gute Juden: „Wie Marx, so strebten auch Rosa Luxemburg und Trotzki gemeinsam mit ihren nichtjüdischen Genossen nach den universalen und nicht den partikularistischen, nach den internationalistischen und nicht den nationalistischen Lösungen für die Probleme ihrer Zeit.“33 Claussen übernimmt diese Genealogie bruchlos, mit dem einzigen Unterschied, dass er Adorno als Kulminationspunkt der Figur des „nichtjüdischen Juden“ setzt. Er scheint nicht einmal zu bemerken, dass er damit geistesgeschichtlich die Aufklärung als kontinuierliche Linie festklopft, die durch Auschwitz merkwürdig unberührt bleibt.

Aber Claussen geht noch weiter: Er sieht im „nichtjüdischen Juden“ das Unterpfand der Revolution: „Der gegenwärtig herrschende Druck, eine positive Identität vorzuzeigen, rehabilitiert falsche Kollektive. Der nichtjüdische Jude aber verabschiedet sich aus naturwüchsigen Kollektiven. In ihm lebt der emanzipatorische Impuls weiter, sich aus undurchschauten Zwängen zu befreien.“34 Wem nicht schlecht wird, wenn er liest, nur Juden, die das traditionelle Judentum abgelegt haben, seien der Vorschein der kommenden Revolution, dem ist nicht mehr zu helfen, sondern nur noch heimzuleuchten. Was ist das für ein Sozialismus, der den orthodoxen Juden um jeden Preis ihr Judentum austreiben möchte? Wieso stört sich der Revolutionär ausgerechnet am „jüdischen Juden“, für den kein Platz mehr in der zukünftigen Welt zu sein scheint? Claussen bastelt sich eine Identifikationsfigur zurecht, die es ihm erlaubt, sein Unbehagen am partikularistischen Judentum als Kritische Theorie auszugeben. Der nichtjüdische Jude, so führt er aus, verkörpere die „Nicht-Identität“, „die Verweigerung gegenüber dem schlechten Zustand“35. Das revolutionäre Subjekt, das der enttäuschte Linke zu finden sucht, ist auf einmal ein möglichst wenig jüdischer Jude. Umgekehrt heißt das: Ist der Jude jüdisch, betet er, trägt traditionelle Kleidung, lässt seine Söhne beschneiden und glaubt an Gott, dann ist er korrumpiert und steht der universellen Befreiung im Weg.

Nicht zufällig muss Claussen genau an dieser Stelle seine Kritik am jüdischen Staat loswerden: Der Sechstagekrieg von 1967 sei ein Umschlagspunkt gewesen „der Israel die besetzten Gebiete bescherte, an denen es langsam zu ersticken droht. Vergiftet ist Israel durch die Unterdrückung der Palästinenser schon lange.“36 Die Mordmetaphern vom Ersticken und Vergiften kommen nicht von ungefähr, denn Claussen verdreht Ursache und Wirkung: Die arabischen Armeen beabsichtigten 1967, Israel ins Meer zu treiben. Israels Armee wusste glücklicherweise zu verhindern, dass seine Bürger „erstickt“ wurden.

Ein Opfer israelischer Repression

Leider ist es nicht so, dass Claussens Antizionismus eine Sache der Vergangenheit wäre – wenn dieser nicht, wie gezeigt, in seiner Theorie selbst einen zentralen Platz einnehmen und sich nicht immer wieder in öffentlicher „Israelkritik“ äußern würde, die Erinnerung an Claussens aktivistische Vergangenheit grenzte an Rufmord. Leider aber ist sich Claussen treu geblieben. Zwei Beispiele mögen das verdeutlichen: ein Beitrag mit dem kitschigen Titel Widerschein des letzten messianischen Hoffnungsfunkens von 1998 und eine Buchrezension aus dem Jahr 2013.

Der erste genannte Text knüpft an die Stilisierung des nichtjüdischen Juden zum revolutionären Subjekt unmittelbar an. In diesem Text, der zum 50. Jahrestag der Gründung des jüdischen Staates erschien, verkörpert Israel den „messianischen Hoffnungsfunken“. „Israel“ aber meint bei Claussen expressis verbis nicht den „realen Staat“, sondern ausgerechnet und nur diejenigen Israelis, die „etwas mit einem sympathischen, gelebten Sozialismus zu tun“ haben.37 Man kann nur darüber mutmaßen, an welche Personen Claussen konkret denkt, aber das ist auch völlig nebensächlich: Wichtig ist, dass er der Solidarität mit dem realen Staat Israel und seiner vermeintlich „gnadenlosen militärischen Härte und politischen Starrheit“ – es fehlen nur ein paar Buchstaben zum antisemitischen Klischee der „Starrköpfigkeit“ – sowohl Herz als auch Verstand verweigert.

Aber er scheint selbst ein schlechtes Gewissen über seine Vergangenheit zu verspüren, denn nur so ist die als Bewältigungsstrategie so leicht entzifferbare wie alles andere als landesuntypische Impertinenz erklärbar, sich selbst als Opfer darzustellen: „Über die Aktivitäten der sechziger Jahre ist inzwischen viel Unsinn geschrieben worden: Menschen sind als Antisemiten diffamiert worden, die an Lösungen [!] für einen scheinbar unlösbaren Konflikt gearbeitet haben.“38 Es ist evident, dass Claussen hier über sich selbst spricht. Das Ungefähre der Formulierung jedoch ist verräterisch. Schon 1998 also sah sich Claussen als Opfer sinistrer „watch dogs“, die ihn ob seiner Vorschläge zur Lösung des Nahostkonflikts als Antisemiten denunziert hätten. Er nennt keine Quelle, wer ihn konkret verdächtigt habe, aber aus seinem Text wird deutlich, dass er sich nicht nur durch Worte, sondern auch durch Taten attackiert sieht: Täter sind in dem Text aus dem Sammelband Mein Israel nicht nur anonyme „watch dogs“, sondern der israelische Staat selbst. Das Sicherheitspersonal am Flughafen, das offenbar über seine Verbindungen zum palästinensischen Terrorismus unterrichtet war, begrüßte ihn bei seiner ersten Israelreise 1978 verständlicherweise nicht mit einem roten Teppich, sondern mit gebotener Skepsis: „Der Staat Israel empfing mich nicht gerade freundlich“, hebt Claussen an, als sei er ein offizieller Staatsgast. „Als einziger aus der Maschine [...] wurde ich nach einem Geblätter in irgendwelchen Listen [!] von Grenzbeamten aussortiert [!!] und der Security überstellt.“39 Doch seine israelischen Genossen, die ebenso der Emanzipation verpflichtet gewesen seien, hätten ihn nicht im Stich gelassen und ihm sofort einen Anwalt besorgt: „Das Gefühl, nicht allein zu sein, hat mir geholfen, die Behandlung [!!!], die mir zuteil wurde, psychisch gut zu überstehen. Freunde haben mich danach gebeten, alles, was mir bei der Security widerfahren ist, aufzuschreiben.“40 Was war geschehen? War Claussen gefoltert worden? Hatte man ihn tagelang bei Wassersuppe in einer verschimmelten Gefängniszelle festgesetzt? Nicht ganz: „vier Stunden wurde ich auf dem Flughafen verhört, dann wurde mein Gepäck geholt, und ich wurde im Dunkeln von vier mit Maschinenpistolen bewaffneten jungen Soldaten zu einem Bunker außerhalb des Flughafengebäudes gekarrt. Den Bunker, eine fensterlose bombensichere Röhre, durfte ich allein betreten. In ca. drei Meter Höhe befand sich ein Sehschlitz, und eine Stimme wie die von Mr. Spock befahl mir, meinen Koffer zu öffnen und auszupacken.“41

Offenbar hatte Claussen mit dieser zugebenermaßen nicht schönen, aber sich angesichts der Vorgeschichte durchaus im üblichen Rahmen bewegenden Sicherheitsprüfung nicht gerechnet. Die Unverschämtheit, sich in einem Buch breit darüber zu beschweren, wie der „Staat Israel“ mit ihm umgegangen sei, wo er doch nur Frieden und Völkerverständigung im Sinn gehabt habe, erhärtet den Verdacht, dass Claussen nicht nur theoretisch mit dem Zionismus hadert, sondern auch die Neigung verspürt, sich aus Schuldbewusstsein als dessen Opfer zu inszenieren. Gepaart mit seinem Expertentum in Sachen Antisemitismus ist es genau diese Opferperspektive, die Claussen immer wieder dazu beflügelt, Israel öffentlich zu kritisieren. Das jüngste Beispiel ist eine Rezension des Buches Die amerikanischen Juden und Israel (engl. Originaltitel: The Crisis of Zionism) von Peter Beinart, die im Mai 2013 in der taz erschienen ist. Beinarts Buch, das europäische Ressentiments bedient und voll von historischen Fehlern ist, wie Sol Stern gezeigt hat42, passt Claussen genau deswegen gut ins Konzept. Nach einem Lob des Zionismus vor 1967, der noch den Rassismus bekämpft und Chancengleichheit in einer demokratischen Gesellschaft habe herstellen wollen und damit „universelle Ziele“ vertreten habe, sei aus Israel nach dem Sechstagekrieg „eine Besatzungsmacht [geworden], die ein ethnokratisches Regime über eine rechtlose palästinensische Bevölkerung errichtete. In einem Zeitalter der Dekolonisierung verfolgt Israel seit über 40 Jahren ein siedlerkolonialistisches Projekt, das weltweit Kritik auf sich zieht.“43

Es ist wieder dasselbe Schema, auch hier bringt Claussen den guten Universalismus der Chancengleichheit und des Antirassismus gegen den zionistischen Partikularismus in Stellung, nur mit dem Unterschied, dass er heute, anders als 1969, den guten Universalismus mit „seinem Israel“, dem „sympathischen, gelebten Sozialismus“ identifiziert und nicht mehr mit der PLO. Die Denkstruktur bleibt die gleiche. Auf die Idee, dass ein Nationalstaat, noch dazu ein jüdischer, notwendig partikularistisch bleiben und Antisemiten die Chancengleichheit verweigern muss, wenn er weiter existieren will, mag Claussen, der vollgestopft ist mit Habermas’ postnationaler Ideologie, nicht kommen. Ihn stört vor allem, dass Israel ein Staat wie jeder andere geworden zu sein scheint und nicht mehr seine sozialistischen Fantasien beflügeln kann, wie es die Kibbuzim noch taten. Zu verstehen, dass es ausnahmsweise aber mal nicht um ihn selbst, sondern um die Möglichkeiten der Verteidigung jüdischer Souveränität in einer antisemitischen Welt geht, überfordert den Denker, der nur mit anderen, nicht aber mit sich selbst kritisch ins Gericht gehen kann. Stattdessen sieht er große Verschwörungen am Werk, wie sonst nur Stephen Walt und John Mearsheimer: „Die einst linksliberal dominierten jüdischen Organisationen von gesellschaftlichem Einfluss sind in die Hand von kritiklosen Israelsupportern übergegangen, die ein Bündnis mit der republikanischen, meist christlich-evangelikalen Rechten eingegangen sind, um ihre Interessen durchzusetzen. Demokratisierungsversuche im Nahen Osten interessieren sie nicht, sie werden eher als störend empfunden, weil sie den Status quo, in dem Israel die machtpolitischen Fäden in der Hand hält, gefährden.“44 Dass die Republikanische Partei „rechts“, „evangelikal“ und damit von vornherein Teufelswerk sei, dürfte ohnehin niemand in Deutschland bezweifeln (Einparteienregimes haben allerdings auch eine gewisse Tradition hierzulande). Die Skepsis über demokratische Prozesse etwa in Ägypten, die einen Status quo, in dem Israel existieren kann, offensichtlich gefährden, muss Claussen dagegen auch vielen Lesern der taz noch austreiben, die schon einmal darüber gelesen haben, dass die Muslimbruderschaft nicht nur antisemitisch, sondern auch frauenfeindlich ist und keinen gesteigerten Wert auf die Förderung erneuerbarer Energien legt. Einig dürften sich die Leser aber mit Claussen sein, wo er die Idiotien wiederkäut, die noch jeder halbwegs gebildete Deutsche im Schlaf runterzubeten weiß: Der Stopp des Siedlungsbaus sei die „Schlüsselforderung“, „ohne die es keinen Fortschritt bei Friedensgesprächen geben“ könne. Weshalb alles am Siedlungsbau, aber nichts am Gewaltverzicht der Hamas liegen soll, die Claussen als Friedenshindernis nicht einmal erwähnt, bleibt sein Geheimnis und das aller anderen sogenannten Nahostexperten. Claussens Empörung darüber, dass die Israellobby dafür gesorgt habe, dass alle „linksliberalen Nahostberater aus Obamas Team“ verschwunden seien, macht ebenso stutzig:45 Hatte Obama nicht kurz bevor Claussens Artikel erschienen war ausgerechnet John Kerry zum Außenminister und den antiisraelisch eingestellten Republikaner Chuck Hagel zum Verteidigungsminister ernannt? Reicht das Claussen vielleicht nicht? Will er, dass Obamas frühere Weggefährten, etwa die radikalen palästinensischen Aktivisten Rashid Khalidi und Ali Abunimah das Weiße Haus in Sachen Israel beraten?46

Und so entpuppt sich Claussen mit zunehmendem Alter wieder als ordinärer Antizionist. Der Antizionismus war in seinem Werk immer präsent, aber er hatte es in seinen besten Zeiten doch immer wieder auch vermocht, sich in enger, nahezu philologischer Auseinandersetzung mit dem Werk Adornos vom Aktionismus seiner Studentenzeit zu emanzipieren. Das ist der Grund dafür, warum Grenzen der Aufklärung trotz der schlecht universalistischen Perspektive ein unter Umständen lesenswertes Buch bleibt; warum auch andere Texte, etwa über die psychoanalytische Antisemitismustheorie47, klüger sind als vieles, was die herkömmliche akademische Antisemitismusforschung produziert. Und doch bleibt die bittere Erkenntnis zurück, dass das Scheitern des Universalismus von Detlev Claussen beredt verdrängt und die Notwendigkeit des jüdischen Staates als Stachel im Fleische des Sozialismus wahrgenommen wird. Jeder Universalismus, der sich nach der Shoah gegen den zionistischen Imperativ wendet, ist das Blatt nicht wert, auf dem er formuliert wurde. Er führt die uralte Polemik gegen den jüdischen Juden fort, die letztlich auch den nichtjüdischen treffen wird. Das Allgemeine, Universelle ist noch nicht, sondern muss erst noch realisiert werden. Was sich gegenwärtig zum Allgemeinen aufspreizt – das Recht, das Geld, der Verstand usw. – ist in Wahrheit eine Form universeller Exklusion; der diesem schlecht Allgemeinen zugrundeliegende Wert ist eine negative Synthesis: er setzt alles zu allem durch die verallgemeinerte Existenzangst in Beziehung.48 Permanente Panik, exzessive Gewalt und (nicht nur) antisemitischer Wahn lauern unter der Oberfläche des Reichs der Freiheit. Solange dieser Zustand fortdauert, wird der zionistische Imperativ in Kraft bleiben. Verhältnisse, in denen er kein Imperativ mehr sein müsste, sind der Fluchtpunkt Kritischer Theorie.

 

Anmerkungen:

     
  1. Theodor W. Adorno/Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, in: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften, Bd. 3, Frankfurt/M 1997, S. 226.



  2.  
  3. Diese Entwicklung spiegelt sich bereits in Hitlers 1919 verfasstem Gutachten, in dem er dem Gefühlsantisemitismus den „Antisemitismus der Vernunft“ gegenüberstellt. Vgl. Adolf Hitler, Gutachten über den Antisemitismus. 1919 erstellt im Auftrag seiner militärischen Vorgesetzten, auf: http://www.ns-archiv.de/verfolgung/antisemitismus/hitler/gutachten.php



  4.  
  5. Michael Wildt zeigt in seinem Buch Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939, Hamburg 2007, dass auch der bloße Zuschauer an der Konstitution der Volksgemeinschaft gegen die Juden teilnahm. Vgl. auch schon Raul Hilberg, Täter, Opfer, Zuschauer. Die Vernichtung der Juden 1933–1945, Frankfurt/M 1996, S. 233–238.



  6.  
  7. Vgl. Sigmund Freud, Abriss der Psychoanalyse, in: Ders., Gesammelte Werke, Bd. XVII: Schriften aus dem Nachlaß 1892-1938, Frankfurt/M 1999, S. 98f.Bd. XVII: Schriften aus dem Nachlaß 1892-1938, Frankfurt/M 1999, S. 98f.



  8.  
  9. Daniel Goldhagen zeigt in seinem neuesten Buch, wie sehr man Adornos und Horkheimers zitierte Erkenntnis missverstehen kann, wenn man den argumentativen Kontext ausblendet, in dem sie formuliert wurde. Er bescheinigt Max Horkheimer und Paul (!) Adorno, dieser Satz sei die absurdeste Behauptung, die deutsche Intellektuelle nach 1945 je aufgestellt hätten, denn es gebe schließlich noch immer Antisemiten. Vgl. Daniel Jonah Goldhagen, The Devil That Never Dies. The Rise and Threat of  Global Antisemitism, New York/Boston/London 2013.



  10.  
  11. Harald Martenstein, Ich will auch auf die Antisemiten-Liste!, in: Tagesspiegel vom 6. Januar 2013.



  12.  
  13. Seinen publizistischen Ausdruck findet diese Entwicklung auch in dem Buch von Moshe Zuckermann, „Antisemit!“ Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument, Wien 2010. Es kann nicht verwundern, dass Zuckermann bereitwillig sowohl Günter Grass als auch Jakob Augstein vom Vorwurf des Antisemitismus freisprach.



  14.  
  15. Vgl. Gruppe Morgenthau, Never Mind the Adorno, Here’s the Judith Butler, auf: http://gruppemorgenthau.com/2012/08/08/never-mind-the-adorno-heres-the-judith-butler/ (8. August 2012).



  16.  
  17. Richard Herzinger, Der Adorno-Preis und die Wirrungen der „Dialektik“, auf: http://freie.welt.de/2012/09/03/der-adorno-preis-und-die-wirrungen-der-dialektik/.



  18.  
  19. Vgl. Arthur Herzberg, The French Enlightenment and the Jews. The Origins of Modern Anti-Semitism, New York 1968. Dass „Aufklärung“ bei Adorno und Horkheimer in einem sehr viel umfassenderen als dem bloß geistesgeschichtlichen Sinne verstanden wird, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.



  20.  
  21. Vgl. Monika Boll, Max Horkheimers zweite Karriere, in: Dies./Raphael Gross (Hgg.), „Ich staune, dass Sie in dieser Luft atmen können“. Jüdische Intellektuelle in Deutschland nach 1945, Frankfurt/M 2013, S. 363. Keren Hayesod ist eine zionistische Organisation, die hauptsächlich im Ausland Spenden für den Aufbau Israels sammelt.



  22.  
  23. 1967 schrieb Adorno an Lotte Tobisch: „Man kann nur hoffen, daß die Israelis einstweilen immer noch militärisch den Arabern soweit überlegen sind, daß sie die Situation halten können.” Theodor W. Adorno/Lotte Tobisch, Der private Briefwechsel, Graz/Wien 2003, S. 197. Vgl. dazu auch Stephan Grigat, Befreite Gesellschaft und Israel. Zum Verhältnis von Kritischer Theorie und Zionismus, in: Ders. (Hg.), Feindaufklärung und Reeducation. Kritische Theorie gegen Postnazismus und Islamismus, Freiburg i. B. 2006, S. 115–129.



  24.  
  25. 1970 sagte er im Süddeutschen Rundfunk rückblickend über seine frühe Kritik am Zionismus: „Ich habe deshalb auch gewisse Schwierigkeiten gehabt, wie ich die Gründung des jüdischen Staates in Israel anstatt in einer anderen Region beurteilen soll. In der Bibel heißt es doch, der Messias werde die Gerechten aller Völker nach Zion führen. Ich denke noch immer darüber nach, wie der Staat Israel, den ich bejahe, diese Prophezeiung heute exakt zu deuten hat. Ist Israel das biblische Zion? So wie die Dinge sind, scheint mir die Lösung darin zu liegen, daß die Verfolgung der Juden – und die gehört zu der Prophezeiung – trotz des Staates Israel weitergeht. Israel ist heute ein bedrängtes Land, wie die Juden immer bedrängt waren. Man hat daher Israel zu bejahen. Für mich ist entscheidend: Israel ist das Asyl für viele Menschen.“ Max Horkheimer, Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen. Gespräch mit Helmut Gumnior, in: Ders., Gesammelte Schriften, Bd. 7: Vorträge und Aufzeichnungen 1949–1973, Frankfurt/M 1985, S. 398.



  26.  
  27. Wie naheliegend Adornos und Horkheimers Befürchtung während des zweiten Weltkriegs war, dass auch in den USA die Nationalsozialisten an die Macht kommen könnten, war kürzlich in der New York Times zu lesen: „American anti-Semitism, which was running high throughout the 1930s, steadily increased after the onset of war. During the entire period, polls showed, well over a third of the populace stood ready to back discriminatory laws. Nor was this a mere offshoot of the general xenophobia spawned by isolationism. Every synagogue in Washington Heights was desecrated (and some were smeared with swastikas); in Boston, beatings, wreckings and defilements had become near-daily occurrences by 1942. The disgraceful fever, which ruled out all but a trickle of immigration and so cost countless lives, reached its historic apogee in 1944 — by which time the Holocaust was more or less complete.“ Martin Amis, His Subject, Himself. Claudia Roth Pierpont’s ‘Roth Unbound’, in: New York Times vom 17. Oktober 2013.



  28.  
  29. Detlev Claussen, Preis des Grabes, Grab des Preises? Eine kurze Mitteilung an die Freunde Adornos, auf: http://faustkultur.de/819-0-Adorno-Preis-an-Judith-Butler.html.



  30.  
  31. Detlev Claussen, Missglückte Reprise. Eine überflüssige Wiederaufnahme der Joschka-Fischer-Oper, auf: http://faustkultur.de/1159-0-Detlev-Claussen-Joschka-Fischer-und-seine-Frankfurter-Gang.html.



  32.  
  33. Zit. n. Neue Vorwürfe: Nahm Fischer 1969 an PLO-Konferenz teil?, in: Der Spiegel vom 12. Februar 2001, auf: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/neue-vorwuerfe-nahm-fischer-1969-an-plo-konferenz-teil-a-117287.html.



  34.  
  35. Wolfgang Kraushaar (Hg.), Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail 1946 bis 1995, Bd. 1, Hamburg 1998, S. 446.



  36.  
  37. Kraushaar, Frankfurter Schule, S. 446.



  38.  
  39. Ein von Claussen zustimmend angeführtes Beispiel dafür wäre Abraham Léon, Die jüdische Frage. Eine marxistische Darstellung [1942], Essen 1995, der noch ganz im Sinne Lenins argumentiert.



  40.  
  41. Als Stellvertreter der These vom „ewigen Antisemitismus“ werden von Claussen vor allem die zionistischen oder zumindest mit dem Zionismus sympathisierenden Historiker Alex Bein, Edmund Silberner, Julius Carlebach und Léon Poliakov angeführt, die er der „Gegen-Aufklärung“ zurechnet. Vgl. Detlev Claussen, Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus, Neuauflage, Frankfurt/M 2005, S. 88. Ihnen stellt er die marxistischen Antizionisten Abraham Léon und Isaac Deutscher gegenüber. – Das sind die Bezugspunkte.



  42.  
  43. Claussen, Grenzen, S. 89. Statt vom „Zionismus“ spricht Claussen deshalb vom „Judaeozentrismus“, als ob das irgendetwas ändern würde.



  44.  
  45. Ohne Frage ist der Zionismus nicht auf die These vom „ewigen Antisemitismus“ zu reduzieren, denn schließlich sind zahlreiche seiner Vertreter – angefangen bei Herzl selbst – der Ansicht, die „Normalisierung“ der Juden durch die Gründung eines Nationalstaates würde den Antisemitismus tatsächlich aus der Welt schaffen. Dennoch ist die Erkenntnis, dass mit einem Verschwinden der Judenfeindschaft unmittelbar nicht zu rechnen ist, die Grundannahme jedes politisch begründeten Zionismus.



  46.  
  47. Max Horkheimer, Über die deutschen Juden, in: Ders., Zur Kritik der instrumentellen Vernunft. Aus den Vorträgen und Aufzeichnungen seit Kriegsende, Frankfurt/M 1997, S. 309.



  48.  
  49. Claussen, Grenzen, S. 75.



  50.  
  51. Claussen, Grenzen, S. 75f.



  52.  
  53. Die Hauptbedeutung des Wortes ist „Zerstörung“, „Katastrophe“. Zum weiteren semantischen Feld gehören „Verheerung“, „Untergang“, „Unheil“, „Finsternis“ und „Abgrund“. Vgl. Reuben Alcalay, The Complete Hebrew-English Dictionary, Ramat Gan/Jerusalem 1963, Sp. 2554.



  54.  
  55. Claussen, Grenzen, S. 29.



  56.  
  57. Claussen, Grenzen, S. 29.



  58.  
  59. Das Zitat ist nicht repräsentativ für Claussens Interpretation der Shoah, aber fällt auch nicht zufällig. Wo er sich im letzten Kapitel des Buches extensiv auf die Schilderungen der Überlebenden bezieht, gerät die Argumentation in auffälligen Widerspruch zu der in den vorausgehenden Kapiteln beschworenen Wiederaufnahme der Aufklärung. Der Bruch, den die Shoah darstellt und den Claussen eigentlich rekonstruieren will, spiegelt sich somit durchaus in seinem Buch – aber anders als von Claussen intendiert.



  60.  
  61. Detlev Claussen, Vom Judenhaß zum Antisemitismus. Materalien einer verleugneten Geschichte, Darmstadt 1988, S. 26.



  62.  
  63. Vgl. Theodor W. Adorno/Max Horkheimer, Für Voltaire, in: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften, Bd. 3, Frankfurt/M 1997, S. 247.



  64.  
  65. Isaac Deutscher, Der nichtjüdische Jude, in: Ders., Der nichtjüdische Jude. Essays, Berlin 1988, S. 66.



  66.  
  67. Detlev Claussen, Weiter als Auschwitz. Eine Einführung, in: Deutscher, Der nichtjüdische Jude, S. 24f.



  68.  
  69. Claussen, Weiter als Auschwitz, S. 27.



  70.  
  71. Claussen, Weiter als Auschwitz, S. 25.



  72.  
  73. Detlev Claussen, Widerschein des letzten messianischen Hoffnungsschimmers, in: Micha Brumlik (Hg.), Mein Israel. 21 erbetene Interventionen, Frankfurt/M 1998, S. 49.



  74.  
  75. Claussen, Widerschein, S. 52.



  76.  
  77. Claussen, Widerschein, S. 50.



  78.  
  79. Claussen, Widerschein, S. 50.



  80.  
  81. Claussen, Widerschein, S. 50.



  82.  
  83. Vgl. dazu die Rezension von Sol Stern in diesem Heft.



  84.  
  85. Detlev Claussen, Veränderte Verhältnisse, in: taz vom 25./26. Mai 2013, S. 27.



  86.  
  87. Claussen, Veränderte Verhältnisse, S. 27. Es ist schockierend, wie leicht Claussen nach Jahren des Studiums antisemitischer Schriften die Behauptung von der Hand geht, Israel halte alle „machtpolitischen Fäden in der Hand“.



  88.  
  89. Claussen, Veränderte Verhältnisse, S. 27. Der radikale Prediger Jeremiah Wright, mit dem Barack Obama in seiner Chicagoer Zeit Kontakt gepflegt hatte, antwortete auf die Frage eines Journalisten, ob er Obama seit dessen Präsidentschaft wiedergesehen habe: „Them Jews ain’t gonna let him talk to me.“ Zit. n. Jay Nordlinger, Second-Term Freedom, in: National Review vom 23. April 2013.



  90.  
  91. Vgl. dazu Peter Wallsten, Allies of Palestinians see a friend in Obama, in: Los Angeles Times vom 10. April 2008.



  92.  
  93. Vgl. Detlev Claussen, Über Psychoanalyse und Antisemitismus, in: Psyche, 47. Jahrgang, Nr. 1 (Januar 1987), S. 1–21.



  94.  
  95. Vgl. dazu auch Philipp Lenhard, Die Kontraktion des Kapitals. Überlegungen zum Charakter der Totalität im Spätkapitalismus, in: Prodomo, Nr. 16 (2012), S. 22–28.