Ausgabe #5 vom

Geburt der Shoah aus dem Geist der Moderne?

Korrekturen anlässlich der Neuauflage von H.G. Adlers Buch 'Theresienstadt 1941-1945. Antlitz einer Zwangsgemeinschaft'

FABIAN KETTNER

Keine Irrfahrten in die Vergangenheit mehr. Doch das war leicht gedacht. Die Vorzeit hatte alle Zukunft mit einst gefällten Entschlüssen längst überholt. [...] Im Frost der Vergangenheit stand ich, vergeblich meine fremde Hand an der Klinke. Man sollte für etwas verzweifeln, nicht an etwas. Verstehen Sie mich? 

H. G. Adler (1) 

Historiker wurde H. G. Adler durch das, was man ihm antat. Vor dem Nationalsozialismus hatte er, am 2. Juli 1910 geboren, an der Deutschen Universität in Prag Musikwissenschaft, Literatur, Philosophie und Psychologie studiert. Nebenbei war er schriftstellerisch und dichterisch tätig, bildete einen literarischen Kreis unter anderem mit Franz Baermann Steiner, promovierte 1935 über Klopstock und die Musik. 1936 begann die Freundschaft mit Elias Canetti. Die Flucht nach Südamerika hatte er schon vorbereitet, doch der Einmarsch der Deutschen in Prag im März 1939 kam ihm zuvor. Ab August 1941 wurde er zur Zwangsarbeit beim Eisenbahnbau herangezogen, im Februar 1942 wurde er mit seiner Frau und einigen Verwandten ins KZ Theresienstadt deportiert. Sein Vater wurde bald in Chelmno ermordet, seine Mutter in Trostinetz, seine Frau und deren Mutter in Auschwitz, wo Adler im Oktober 1944 für circa zwei Wochen inhaftiert war, bevor er in ein Nebenlager des KZ Buchenwald weiter verbracht wurde. Dort wurde er am 13. April 1945 befreit. Er kehrte zunächst nach Prag zurück und emigrierte 1947 nach London, wo er 1988 starb. 

In Theresienstadt beschloss er, sollte er überleben, einen Bericht über dieses KZ zu verfassen. Fortan beobachtete er alles, sammelte Material und Notizen. Theresienstadt 1941-1945. Antlitz einer Zwangsgemeinschaft wurde sein bekanntestes Werk. Geschrieben hat Adler das Buch 1945-48, erstmalig veröffentlicht wurde es – mit maßgeblicher Unterstützung Theodor W. Adornos – 1955 und drei Jahre später mit dem Leo Baeck-Preis ausgezeichnet. Bis heute gibt es kein weiteres umfassendes Werk in deutscher Sprache zu Theresienstadt; Adlers Buch ist nach wie vor Standard und wird in den Publikationen immer noch lobend erwähnt. Neben Theresienstadt publizierte er an historiographischen Werken Die verheimlichte Wahrheit. Theresienstädter Dokumente (1958), Der Kampf gegen die ‚Endlösung der Judenfrage’ (1958), Die Juden in Deutschland (1960) und nicht zuletzt sein zweites großes Werk, Der verwaltete Mensch (1974). Neben verschiedenen Romanen, die weitgehend unbekannt blieben, wie beispielsweise Panorama (1948 geschrieben/1968 veröffentlicht), Die Reise (1950-51/1962), Die unsichtbare Wand (1954-56/1989) und Gedichtbänden gibt es von ihm auch zwei Sammelbände soziologischer Arbeiten, Die Erfahrung der Ohnmacht (1964) und Die Freiheit des Menschen (1976). (2) Sein gesamtes Werk thematisiert die Verfolgung, ihre Darstellung, Gründe und Folgen. Für ihn waren alle seine Arbeiten Versuche, das zu verstehen, was ihm widerfuhr. Er wolle dies, lässt er Artur, den Protagonisten in Die unsichtbare Wand, sagen, „weil ich gar nicht anders kann. Bevor nicht alles durchgedacht und aufgewiesen ist, werde ich nicht rasten, geschweige denn Ruhe finden.“ Denn „nur durch die Sprache wird gefährlichstes Dasein verscheucht“, nur so könne er „das Übermächtige bannen.“ (3) Aber nicht nur im Werk hinterließ die Verfolgung ihre Spuren: seine beiden Vornamen hat Adler seit dem Nationalsozialismus auf ihre Initialen verkürzt, weil sie genauso lauten wie Vor- und Nachname des SS-Sturmbannführers Hans Günther, dem Adler begegnet sein könnte, als jener 1939-45 der Leiter der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Böhmen und Mähren in Prag war – und Stellvertreter Adolf Eichmanns. 

Adler wird nachgesagt, dass er – nicht nur in seiner Prosa, sondern auch in seinen historiographischen Werken – „mehr als pure Geschichtsschreibung“ geleistet habe, da er „neben den Fähigkeiten eines Historikers auch das Sensorium eines Schriftstellers“ besessen habe. (4) Aber was das heißen soll, darüber gibt die Sekundärliteratur keinen Aufschluss. Geht es nur um die „Ausdruckskraft eines Dichters“, die „hinter der Objektivität eines Richters“ stand, weswegen Theresienstadt, wie Grete Fischer meinte, „umso härter“ traf? (5) Worin besteht die Aufhebung des Gegensatzes von „Beliebigkeit und Bestimmtheit“, mit der er über die bloß „subjektive Erfahrung“ hinausgelangt sei? (6) Was ist das Besondere an Adlers Darstellung, „die das Unaussprechliche sprechbar macht, ohne ihm vom Gewicht zu nehmen“? Von welcher Art ist seine Form, die „Inhalte nicht übertüncht, sondern mit hervorbringt, erzeugt“? Der „Detailreichtum“ allein, den Marcel Atze anführt, „der in konventioneller historischer und soziologischer Literatur keinen Platz gehabt hätte“ (8), kann es wohl nicht sein. Denn dann wäre der Unterschied zur herkömmlichen Historiographie nur ein quantitativer. Es können nur einige Abstoßungspunkte genannt werden. Weder soll die Kraft der subjektiven Sicht geschmälert, noch das Geschehen sentimentalisiert oder dramatisiert werden. Weder soll das Grauen herausfallen, denn es ist Teil der zu erzählenden Geschichte, noch soll es die Darstellung und den Darstellenden dominieren, respektive überdecken. Im Briefwechsel mit Hermann Broch äußert sich Adler über seine Prosa: „Für das, was ich zu sagen hatte, konnte ich mich aber keiner diskursiven Technik bedienen [...], weil ich Resultate vorzuführen hatte, die wohl mit Kenntnis von und Rücksichtnahme auf Philosophie und Wissenschaft geschrieben, doch keineswegs auf deren Weise oder durch sie allein erreicht worden waren. [...] Es bleibt eine wichtige Aufgabe, diese Resultate auch auf andere Art zu erreichen, was einen langwierigen Arbeitsprozeß erfordern wird, der Belegstücke und Beweisketten liefern muß.“ Hiermit ging er auf eine Anmerkung Brochs ein, der ihm bestätigte, dass die Dichtung mehr umfasst, mehr einfängt als die wissenschaftliche Form, dass deswegen „die Indirektheit des Ausdruckes, seine dichterische Dunkelheit [...] notwendig [ist], wenn dadurch Realitätsschattierungen eingefangen werden, denen mit der diskursiven Sprache nicht beizukommen ist.“ (9) 

Umso mehr überrascht Adlers Nähe zum Institut für Zeitgeschichte (IfZ, München) und deren Pathos der Sachlichkeit. (10) Einig war man in der Ablehnung von Gerald Reitlingers Studie Die Endlösung und von Hannah Arendts Buch Eichmann in Jerusalem. Adler bekam Lob für Theresienstadt, und das, obwohl damals generell Vorbehalte gegen Historiker jüdischer Herkunft vorherrschten. Erstens waren ihre Themen besonders „begründungspflichtig“. Zweitens wurden ihre Arbeiten „nicht als Wissenschaft betrachtet, sondern im besten Falle als ‚Quellen’“, so dass sie „konsequent aus dem Wissenschaftsdiskurs herausgehalten“ wurden. Zum dritten galt die Beschäftigung mit der Shoah als partikulär jüdische Perspektive auf den Nationalsozialismus. (11) Auch Adler muss eine solche Ablehnung erfahren haben. „Wenn ich schon was über Unterdrückung lese, dann Objektives und nicht persönliche Erfahrungen“, lässt Adler einen Herrn Konirsch-Lenz sagen, der das Hauptwerk des der Verfolgung entronnenen Artur ablehnt. Dieser erwidert: „Meine Soziologie des unterdrückten Menschen hat sehr wenig mit meinen privaten Erfahrungen zu tun“ (12) – auch wenn er diese Erfahrungen selber machen musste, weil Unterdrückung an ihm sich manifestiert hatte. Durch Akte der Unterdrückung ist etwas Überindividuelles im Einzelnen anwesend. Und nur aus diesem Einzelnen heraus kann die Unterdrückung erfasst werden. Der Gefahr eines – womöglich leidenden – Subjektivismus war Adler sich bewusst. Deswegen hatte er sich für die Abfassung von Theresienstadt vorgenommen, sich wie ein ethnologischer Feldforscher streng „vorurteilsfrei und nüchtern“ zu verhalten. Aber dieses Werk zu verfassen, stellte für ihn auch „eine vitale Bewährungsprobe [dar], die ich bestehen wollte.“ In seinem Vorgehen kann man eine Dialektik von „privaten Gründen“ (13) und Objektivität entdecken: die Abstraktion von einer empörten, aufgewühlten und leidenden Sicht war die Vorbedingung für die persönliche Befreiung vom Erlebten. Diese Einstellung dürfte Adorno an ihm als „die Konstellation des Zarten und des Resistenten“ erkannt haben, wenn er an Adler bewunderte, „daß ein zarter und sensibler Mensch seiner selbst geistig mächtig bleibt und zur Objektivation fähig [ist] in der organisierten Hölle.“ (14) Diese Fortbildung des Gefühls, das seiner selbst nur mächtig ist, nachdem es sich objektiviert hat, das man nur und erst dann hat, nachdem man es begrifflich erfasst hat, das um seiner selbst willen sich von sich selbst entfremden muss, entging anderen. Denn andere hatten andere Probleme. „Wie schwer ist es aber, über Auschwitz nicht wirkungsvoll zu schreiben!“ (15), seufzten die führenden Historiker des IfZ im Jahre 1965. Passt man nicht auf, so brennt die Sprache mit der Realität durch, und schon habe man ein illegitimes Kind vor sich: ein beeindruckendes Werk. Die Abneigung gegen eine Nacherzählung des Grauens, die Gefahr läuft, sich – nur um der Bewegung willen – in den das Gemüt bewegenden Details aufzuhalten und dabei dem Geschehen begriffslos gegenüberzustehen, ist berechtigt. Aber so wie die pralle Empirie blind ist und macht, so ist das kategoriale Gerüst des Strukturfunktionalismus leer: Täter und Motivationen könnenhier nicht vorkommen. Sie sollen wissenschaftlich nicht greifbar sein und dienten im Zweifelsfall niederen Bedürfnissen. Auch in der Gegenwart kann Hans Mommsen in der Berücksichtigung individuellen Täterverhaltens nur die Gefahr eines „Rückfall[s] in eine moralisierende Betrachtungsweise“ sehen, womit „sich ein ausgeprägt emotionaler Zugriff“ verbinde. Keinesfalls sei es Aufgabe der Geschichtswissenschaft, „die Büchse der Pandora auszugießen und ein Panorama der unerhörten Verbrechen zu entwerfen.“ (16) Wer aber doch von den Verbrechen schreibt, dem wurde schon 1965 – wie dann Goldhagen 1996 wieder – ein Vorab-Einverständnis mit dem breiten Publikum, Sensationslust und Schielen auf hohe Verkaufszahlen unterstellt: „Die Neigung des Publikums kommt der Oberflächlichkeit vieler Veröffentlichungen entgegen: man bevorzugt das literarisch wirkungsvoll Geschriebene [...], man strebt weg von der historisch-rationalen hin zur moralisch-emotionalen Betrachtungsweise.“ (17) Etwas von dem muss auch bei Adler durchgekommen sein, denn im Gegensatz zu Theresienstadt fiel das Manuskript von Der verwaltete Mensch beim IfZ durch. Die „stark subjektive Komponente“ des „sehr persönlich gefärbten Produkt[s]“ ließ das IfZ von einer Veröffentlichung Abstand nehmen. (18) 

Dabei stand man sich teilweise so nahe. Theresienstadt wie die übrigen Werke Adlers sind für diverse Lesarten und Vereinnahmungen offen. Denn in ihnen liegt Richtiges und Falsches, Kluges und Abstruses dicht beieinander. So hell und scharf Adler im Detail ist, so dunkel und verschwommen wird er im Allgemeinen. Vor allem in seinen Romanen findet man sehr häufig die ekstatische Schwammigkeit des fundamentalontologischen Jargons (19), auch wenn er sich an anderen Stellen genau hiergegen wendet. Artur, der Protagonist aus Die unsichtbare Wand, schätzt an seiner Frau gerade deren „unerschütterliche Treue zum Uneigentlichen“ (20) und amüsiert sich mit ihr über einen Empfehlungstext zu einem erfolgreichen soziologischen Autor, dessen „Anliegen“ es sei, „im geistigen Raume einer wissenschaftlichen Wesensschau angesiedelt [...], den Finger auf die Wurzel eines um sich fressenden Gefahrenherdes ohne Scheu und Furcht mit der kühlen Methode des unerbittlichen Analytikers, aber auch des hellhörigen Menschenfreundes und helfenden Arztes zu legen, der unabdingbar um die Werte einer echten und wirklichen Seinsschau weiß.“ (21) Doch solches ist Adler leider auch nicht fremd. Die Judenverfolgung, das sei die „Schuld der Menschheit in dem verwirrten Zustand, den sie bereits vor Hitlers Herrschaft erreicht hat; die Schuld der Unmenschlichkeit, die, wer will, auch als Gottlosigkeit auffassen mag; die Schuld eines lieblosen Zeitalters, in dem die Ordnung in Schematik, die Organik in Mechanik, das Leben in Masse, die Menschen in Ware, die Seele in Komplexe, der Geist in Ideologie verwandelt wurden; die Schuld der Verkennung oder Entwertung der Werte und die Begriffsverwirrung, die zum Zerfall geführt hat; die Schuld eines stumpfen Geschlechtes, das durch Torheit, Haß, Eigennutz, Lüge in diesen Verwandlungen so geblendet wurde, heraufbeschworenes und dann auch noch unausweichlich kommendes Unheil nicht vorauszusehen, das mit dem mechanischen Materialismus und mit seinem zerstörerisch verzehrenden Auswuchs in der Gestalt des Nationalsozialismus über die Welt gekommen ist“ (S. 645). (22) Eine Erklärung, in der das Ressentiment gegenüber der Moderne, das den Nationalsozialismus mit trug, in allen Artikulationen durchgespielt wird: philanthropisch, christlich-religiös, konservativ und marxistisch; eine Erklärung, die so allgemein ist, dass in der Nacht der Schuld alle Katzen grau werden, und die den gleichen seelischen Mehrwert abwirft wie eine ganz gewöhnliche klerikale Warn- und Erbauungspredigt über die Gefahren des ‚Materialismus’. Das moderne Denken, welches Adler als „mechanischer Materialismus“ bezeichnet, das sei „ein ideenarmes, farbloses, grob sinnliches Denken in ärmlichen, starr rationalen Formen, die gar nicht die Möglichkeit des Lebens sehen können und zulassen wollen“ (S. 632). Dieses Denken bringe die Entstehung zweier Phänomene mit sich: von Masse und Ideologie.

 „‚Masse’ als Menschen, das ist [...] das Amorphe, Gestaltlose [...], es ist das Gruppenlose, nirgendwo Zugehörige [...], das alles Menschliche aufgibt.“ (23)  In der Masse wird der Mensch „zum Objekt verdinglicht“, „ein entpersönlichtes Objekt zur ‚Erfassung’ in Rubriken“, „zum behandelten Gegenstand“, „wie eine Sache, wie eine Ware verwaltet“. Wo immer so mit Menschen verfahren wird, da sei es nicht mehr weit bis zur Errichtung von KZs: „Verfolgt man die moderne ‚Massenbehandlung’ bis zur letzten Konsequenz, dann sind Zwangsarbeit, Sklaverei, Konzentrationslager, Gaskammern und andere Greuel fast natürliche Folgen.“ (24) So hat man schließlich einen Faschismus der historischen Tendenz einerseits – und nicht nur ein freies Menschentum andererseits, sondern auch ein unschuldiges, passives deutsches Volk. Die Form ‚Masse’ bleibt nach Adler den vermassten Menschen äußerlich; mit vitalistischen Anklängen behauptet er die Unmöglichkeit, den Menschen/das Leben auf eine Masse zu reduzieren. (25) Mit dem Masse-Begriff verwischt die Differenz zwischen KZ-Insassen und übriger Bevölkerung: beide teilten ein allgemeines Schicksal, beide seien Objekt von Herrschaft. Die einen werden interniert und ermordet – und dienten damit der Einschüchterung der anderen. (26) Tatsächlich aber sind jüdische KZ-Insassen nicht einmal als „Ware“ zu bezeichnen, sondern nur als zu vernichtende Materie. Die deutsche Bevölkerung kann man als selbstbewusste Masse ohne Bewusstsein (im Sinne von Selbstbesinnung) bezeichnen, die aktiv und lustvoll ihre Beherrschung reproduzierte. Wenn in der Moderne alles zur Masse degradiert wird, wieso aber traf dann die Verfolgung die Juden? Deren Besonderheit als Hassobjekt betont Adler zu recht immer wieder: Die Verfolgung und Vernichtung der Juden war das „fast ausschließliche[.] Kriegsziel[.]“, eine „pseudo-eschatologische[.] Aufgabe für alle Zeiten“ (S. 16). Die Juden waren „die mythische Antithese“ zum Führer und zum deutschen Volk, so dass deren Vernichtung zu einer „Erlösungslehre“, „zu einem pathologisch-metaphysischen Befreiungswerke“ geworden ist (S. 649-51). Das Judenbild der Deutschen weiß Adler als Projektion zu dechiffrieren: die Bedrohung, die man meinte, von den Juden ausgehen zu spüren, war die eigene Aggression und die Gefahr, die man für andere darstellte. Die Bedrohung, die man bei anderen ablas, nachdem man sie auf sie projiziert hatte, sollte die Legitimation für die eigene – pseudo-präventive – Aggression liefern. „Im Wahngebilde, das der Nationalsozialismus sich von seinem vermeintlichen, schließlich wirklichen Gegner schuf, hat er das Vorbild für den Aufbau seines eigenen Herrschaftssystems gefunden.“ Verschwörer waren sie selbst, nicht ihre Opfer. „Die Juden ihrer Vorstellung waren also die führenden Nationalsozialisten selbst, der ‚jüdische’ Weltverschwörungsverein war die NSDAP und die SS – nur wußten es die Wahnsinnigen nicht, zumindest nicht ganz.“ Aber immer wieder muss man beobachten, dass Adler hinter seine eigenen Einsichten zurückfällt. Auch wenn er weiß, dass ‚der Jude’ der „erst aus Irrsinn erzeugte[.] Feind [war], den es eigentlich und wesentlich nicht gab“ (S. 651), so weicht er zum einen auf anthropologische Konstanten aus (27), zum anderen behauptet er, „daß sich das jüdische Volk stets allen Totalitätsansprüchen, die je eine irdische Macht für sich beanspruchte, bewußt oder unbewußt widersetzt hat und in seiner Mehrheit sich gewiß nicht für den mechanischen Prozeß einer Gleichschaltung eignete“ (S. 648). Als wäre an den Juden etwas gewesen, als wären sie dem Gleichheitszwang des mechanischen Materialismus im Wege gewesen; als wären sie Ecken gewesen, die die Moderne abschliff, als sie die Welt nach ihrer Logik gestaltete. 

Ideologie und Masse sind einander strukturell ähnlich: in der Ideologie wird mit dem Denken verfahren wie in der Masse mit den Menschen. „Ideologie ist ein Sammelwort für zurechtgemachte, gleichsam als Fertigware übernehmbare Gedankenschemata, denen ihrer Persönlichkeit nicht sichere Menschen ohne selbständiges kritisches Vermögen anhängen.“ (28) Masse und Ideologie bedingen, bewirken und verstärken einander. Ideologien sprechen Menschen an, die bereits zur Masse erniedrigt worden, die Ich-schwach sind. „Jede Ideologie ist ein vorgedachtes Gedankensystem mit Emotionalgehalt, das eine geschlossene und angeblich einzig richtige Weltschau verspricht, neben der [...] keine andere gültige, ja auch nur sittlich zu rechtfertigende Auffassung bestehen kann.“ (29) Indem der Mensch eine Ideologie übernimmt, macht er sich immer mehr zu einem Exemplar der Masse. Die Gründe für die Massengesellschaft sieht Adler in einem „unaufhaltsam weiterwuchernde[n] Mißverhältnis zwischen der Entwicklung fast des gesamten modernen gesellschaftlichen Aufbaus und vieler seiner Institutionen.“ Leider wahrt Adler nicht den bestimmten Unterschied zwischen Entfremdung und Entartung, zwischen einer bestimmten Negation beschädigender gesellschaftlicher Verhältnisse und einer Kritik auf Grundlage einer als natürlich unterstellten Lebensweise. Weil diese Entwicklung „auf die Menschen keine Rücksicht nahm, weil sie zu abstrakt, zu mechanisch verfuhr, weil sie dem Leben nicht gerecht wurde [...], fanden die Menschen keinen genügenden Ausgleich.“ (30) Diesen Ausgleich suchten die Menschen in der „Regression auf einen scheinbaren Mythos“ (S. 634), der aber kein echter war, sondern ein fabrizierter, ein „mechanische[r] Mythos“ (S. 649). An einen Mythos, den man sich selbst produziert hat, kann man nicht glauben: ihm fehlt das, was über einen selbst hinausgeht, in ihm ist kein Gott anwesend, hier begegnet einem nur das aufgeblasene Selbst. Doch wenn der mechanische Materialismus ein über die Menschen gekommenes Schicksal ist, dann müssten auch und besonders die internierten – und damit im extremen Maße zur Masse degradierten – Juden zur Ideologie neigen. Die Differenzen einer verfolgten zu einer verfolgenden Gruppe, die zwar auch unreflektierten Meinungen anhängen mag, aber nicht einer wahnwitzigen Ideologie wie die verfolgende Gruppe, stellt Adler nicht heraus. 

Adlers Erklärung des Nationalsozialismus, die gar keine ist, fügt sich zu weiten Teilen mühelos in einen breiten Strom der deutschen postfaschistischen Historiographie, die weiß, dass die NS-Verbrechen „dem Denken in der allgemeinen abendländischen Kulturkrise“ entsprochen haben sollen (S. 634). (31) Je nach Ausprägung konnte man damit verschiedene Bedürfnisse befriedigen: entweder die Moderne, deren Umwälzungen man (aus Konservatismus) vorher schon gefürchtet hatte, zu verurteilen, indem man sie nun auch noch für den Nationalsozialismus verantwortlich machte oder den Nationalsozialismus in dieser Moderne verschwinden zu lassen. Nach letzterem wäre er – erstens – nur eine ihrer Erscheinungsweisen, den Deutschen tragisch zugestoßen, nicht ihr mit immenser Energie vorangetriebenes und mit enormen Entbehrungen gehaltenes Projekt. „Die Probleme des Nationalsozialismus stellen nichts anderes dar als einen extremen – es sei zugegeben: einen wahnsinnig extremen – Sonderfall für Zustände oder doch Möglichkeiten, die zumindest latent, oft aber manifest in der modernen Gesellschaft über die ganze Erde hin angetroffen werden.“ Zweitens verschwinden die Täter hinter einer allgemeinen historischen Tendenz respektive hinter ‚gesellschaftlichen Mechanismen’. Wo „der Mensch als Einzelwesen nur noch eine Funktion im Gefüge einer unmenschlichen Apparatur ist“ (S. 643), da wird man nicht nur schuldlos, da braucht man von diesem Menschen gar nicht mehr zu reden, weil er in ‚Verstrickung’ gefangen ist (vgl. S. 636f.). 

Im Diskurs von der Geburt des Nationalsozialismus aus dem Geist der Moderne verschwimmen apologetische und gesellschaftskritische Absichten. (33) Der Gesellschaftskritiker möchte warnen: der Faschismus ist nicht Vergangenheit. „Die geistige Weltlage hat zum Zeitpunkt des Unterganges des nationalsozialistischen Staates den gleichen Ausdruck beibehalten wie zur Zeit seines Beginns. Man muß es sich eingestehen, daß alles so blieb und ist, als ob ‚nichts’ geschehen sei“ (S. 680). Die Shoah ist kein unerklärlicher Bruch in der Geschichte. Sie ist einzigartig – aber nur bislang; sie ist „präzedenzlos“ (34), kann aber wieder passieren. „Theresienstadt ist möglich geblieben“ (S. 684), weil die Grundlagen, die den Nationalsozialismus ermöglichten, fortbestehen. 

Und sie bestehen nicht nur latent fort, als ungenutzte Anlage, sie sollen sich auch universalisiert haben – allerdings weniger offen sichtbar als im Nationalsozialismus. Die verblüffende Einsicht, dass unsere Welt zu einem „guten KZ“ geworden sei, die Adler bereits Ende 1949 Hermann Broch mitteilen konnte (35), fiel bei der Lektüre von Theresienstadt auch Wolfgang Pohrt an, der meinte, „daß die markante Differenz zwischen KZ und dem Leben, das wir führen, nicht existiert.“ (36) Es gibt in der Tat Beobachtungen Adlers, die aus der Gegenwart stammen könnten. Beispielsweise seine Typologie der Charaktere in Theresienstadt: wer kennt als Kritiker nicht die „Gedankenlosen“, die „glaubten erkannt zu haben, daß alle Überlegungen und Bemühungen zwecklos seien“? Oder die „Optimisten“, „die geborenen freiwilligen Mitwirker“, die zu „unfreiwilligen Verbündeten der SS [wurden], deren Spiel sie nicht durchschauten“ und die „beleidigt“ waren und „auch unangenehm werden konnten“, wenn man ihre Sicht bestritt? Oder die „Aktiven“, die zu „blinden Mitwirkern“ wurden? Die „Opportunisten“, die „sich leicht vor sich selber“ entschuldigten und „sich auf den Zwang der herrschenden Verhältnisse“ beriefen (S. 670ff.)? Kennt man nicht die sich selbst überlassenen Kinder, „zurückgeblieben und überreif“ zugleich (S. 558), die sich in Horden organisierten? Sind ihre Erzieher heute nicht auch in einer schwachen Position, weil sie, ebenso wie ihre Klientel, in einer ohnmächtigen Zwangslage steckten, vor der ihre Bemühungen, den Kindern eine Perspektive zu vermitteln, die es für sie nicht geben soll, lächerlich wirken müssen? Auf die heute wie damals zutrifft, dass sie „so durch die Zeichen der Zeit litten, daß sie sie nicht mehr sahen“ (S. 568)? Kennt man sie, ebenso wie das Phänomen einer „Flucht in die Krankheit“, nicht auch von heute? Die überdurchschnittlich vielen Erkrankungen in Theresienstadt waren, so Adler, nicht nur Folge der miserablen Lebensbedingungen, sie antworteten auch auf äußere Umstände. „Man übertrug das allgemeine Leid auf jeden Zwischenfall“, ging zum Arzt und erwartete von diesem doch etwas ganz anderes (S. 494f.). „Je unglaubwürdiger ein dauerhafter Aufbau des Lagers wurde, je mehr man es ‚verschönerte’, desto empfindlicher wurden Leib und Seele; Krankheit ist unter anderem ein Wartezustand des Menschen, der eine schwierige Lage nicht meistern kann“ (S. 510). 

Doch Pohrt will hierüber hinaus. Weil man in Theresienstadt wie in unserer Zeit die Bedrohung verdrängt und sich verzweifelt in kulturelle Zerstreuung stürzt; weil jeder in Panik seine Haut retten will, ohne die Ursachen der Bedrohung nicht nur angehen, sondern auch erkennen zu wollen; weil man hier wie dort einen Verlust von Zeitgefühl, Gedächtnis und Geschichtsbewusstsein feststellen kann (37); deswegen besteht für Pohrt „kein Gewißheit stiftendes Kriterium“, ob nicht „die ganze Welt in ein überdimensioniertes KZ verwandelt wurde.“ (38) Die Parallelisierung ist gut gemeint, denn sie soll „dem gemütlichen Leben, das wir führen, den Schein der Harmlosigkeit“ nehmen. (39) Vom KZ her soll ein Schlaglicht auf das eigene Leben fallen. Dies hat aber keinen anderen Effekt, als die eigene banale Existenz zu dramatisieren. Manche brauchten diesen hysterisch herbei geredeten Notstand, um ihren blinden Aktionismus zu rechtfertigen. Die Leiden der NS-Opfer sind hier nur Material für die Selbstdarstellung. Natürlich werden auch im KZ ganz banale Dinge verrichtet und natürlich werden die Menschen auch dort nicht klüger und besser. Sollten sie? Dadurch wird weder das KZ angenehmer, noch das normale Leben grausiger. Pohrt gibt mit solchen Vergleichen der Tendenz nach, die er von einem seiner theoretischen Referenzpunkte, Hannah Arendt, hat, den Nationalsozialismus in der Misere der Moderne aufgehen zu lassen. 

Adler wandte sich in Theresienstadt dagegen, die Differenz zwischen Innen- und Außenwelt des KZ zu verwischen. (40) Er verweigert sich nicht nur dieser totalisierten Totalitarismustheorie, sondern – obwohl dies verwundern mag – auch ihrer traditionellen Form. Und das, obwohl er dem Institut für Zeitgeschichte gegenüber äußerte, „wie ‚verwandt’ dessen Überlegungen zum Totalitarismus seinen eigenen seien.“ (41) Die Differenzen zwischen Stalinismus und Nationalsozialismus betont er immer wieder. (42) Ebenso verweigert Adler sich denen, die mit Zygmunt Bauman die Shoah aus ‚der Rationalität der Moderne’ hervorgehen lassen wollen, respektive aus deren Institutionen Staat, Bürokratie und Wissenschaft – nicht zuletzt, um damit Rationalität und Aufklärung als ganze zu diffamieren. Dass dem bei Adler so ist, verwundert, wenn man sich seine bisherige Semantik anschaut. Adler sagt an einer Stelle, dass „die kurze Zeit, die ich in Auschwitz war [...], die erhellendste Zeit meines Lebens [war], denn da sah ich, bis wohin sich Herrschaft verirren kann“ (43) – also nicht muss. Herrschaft und Macht sind für Adler erstmal neutral, es kommt darauf an, was man daraus macht. Er verkennt nicht die Gewalt eines jeden Staates und dessen unausgesprochene Drohung, wozu er fähig ist. Ein Überlebender hat hierfür solch ein besonderes Sensorium, dass seine Wahrnehmung als pathologisch gilt. Wie in William G. Niederlands Studie über das „Überlebenden-Syndrom“beschrieben (44), so fürchtet auch Artur in Die unsichtbare Wand die Staatsmacht, die ihm zuerst seine Subjektivität und seine Individualität raubte und ihn dann vernichten wollte. Auf der Straße hat er Angst vor einem Polizisten, der ihm drohe, „das Recht des geduldeten Gastes zu bestreiten.“ Bei einer Fahrt in die Tschechoslowakei achtet er sorgfältig darauf, „Paß, Geldtasche, Fahrscheinheft, Devisenschein und was man sonst noch zum Beweis seiner Rechtmäßigkeit benötigt“ dabeizuhaben. (45) Was der Staat gab, kann er auch wieder nehmen, denn „der Staat beglaubigt der erschaffenen Menschen Gültigkeit. Wohl dem, wer ordentliche Dokumente hat, er ist lebendig und darf richtig leben.“ Die Einzelnen sind Material des Staates, in seinen „Schriften ist er offenbar, die eigene leibliche Erscheinung ist bloß ein Hilfsmittel, ein bedienter Bote, ein bestellter Träger der Papiere, dem erst sie einen ebenbildlichen Sinn verleihen.“ (46) Aber nichtsdestotrotz ist Macht für Adler „ethisch indifferent, erst die angewandte Macht wird ethisch relevant, ihre Handlungen können gut und böse sein oder auch ein Mischungsverhältnis beider Qualitäten liefern.“ (47) Was einen Gesellschaftskritiker die Stirn runzeln lässt, ist genau das, was Adler zum einen vor der postmodernen Kritik der Rationalität bewahrt und zum anderen die Möglichkeit zur Differenzierung zwischen verschiedenen Nationen offen hält. Der Rationalismus des mechanischen Materialismus ist kein reiner, sondern ein „ungezügelter“ (S. 643), ein Rationalismus, der sich selbst verlassen hat. Adlers Werk verweigert sich einer jeden Interpretation, die eine Rationalität der Shoah erblicken will, sei’s hinsichtlich ökonomischer Ausbeutung, sei’s hinsichtlich kalter Macht-Rationalität, sei’s hinsichtlich eines wissenschaftlichen Experimentiergeistes. 

Die Ausbeutung der Juden, so resümiert Adler, geschah nur „wenig und sehr unrationell“, „unsystematisch und kopflos und in ständigem Widerspruch zu den primären Vernichtungstendenzen“ (S. 424). „Widersinnig einander ablösende Befehle“ (S. 446) machten jede Ordnung unmöglich. (48) In der Versklavung der Juden kann Adler also zu recht „weder ein[en] Weg noch ein[en] Ausweg des Kapitalismus oder Imperialismus“ sehen. Ein ökonomischer Nutzen mag herausgekommen sein. Aber zum einen war dieser meistens das Ergebnis von „unverhüllte[m] Raube“ (S. 429), zum anderen ist an der Judenverfolgung „die Schuldzuweisung an bestimmte Menschen und Gruppen für das eigene wirkliche oder vermeintliche Unglück“ entscheidend. (49) 

Am 10. August 1944 veröffentlichte das „Zentralsekretariat“ Theresienstadts einen „Gliederungsplan“: eine systematische Übersicht über alle Abteilungen der jüdischen Selbstverwaltung. In Theresienstadt nimmt seine Wiedergabe siebzehn (!) klein und eng bedruckte Seiten ein (S. 223ff.). Die Bürokratie war in Theresienstadt ein gigantischer Apparat: von circa 30.000 Einwohnern waren circa 16.500 Arbeitskräfte, von denen 1.100 bis 2.900 in der Verwaltung tätig waren, also ein Satz von 6-18% (vgl. S. 404). Man sollte aber nicht meinen, dass eine solche hypertrophe Bürokratie das Leben, das sie verwalten sollte, besonders gut erfasst und außergewöhnlich im Griff gehabt hätte. Sie war reine Formalie statt Form, eine Verwaltung ohne Gegenstand, lediglich eine „Nachahmung längst ungültig gewordener alter Formen, versteinert in verkrampften Mechanismen“ (S. 241), ohne Zusammenhang mit der Gesellschaft, dafür in ständigem Widerspruch zum alltäglichen Leben (vgl. S. 261) und immer wieder behindert von „den dauernden genau so sinnlosen wie systematischen Störeingriffen“ (S. 259) der Deutschen. Aus der Binnenperspektive der jüdischen Verwaltung klammerte man sich an den Apparat aus Furcht vor dem Transport, sei’s dass man auf Grund seiner Anstellung hoffte, nicht deportiert zu werden, sei’s dass man sich an Regularien klammerte, mit denen man sich selbst beweisen wollte, dass man nicht deportiert werden könnte. Das Zentrum der Verwaltung war ein Nichts. „Das Nichts lässt sich nicht organisieren, aber um den Anschein eines Etwas hervorzurufen, entwickelte man eine betriebsame Geschäftigkeit, deren psychische Wirkungen zunächst auf die Inhaber einer Verwaltungsstelle und schließlich für alle betäubend waren und einen pathologischen Charakter zeigten. Es herrschte ein ungeheuerlicher Leerlauf zahlreicher einander in den Kompetenzen sich überkreuzender Ämter, die das Lager in Atem hielten“ (S. 403). Die Verwaltung hatte so keine innere Konsistenz und „wäre augenblicklich in das Nichts zerfallen, das sie war, hätte nicht eine Mischung von aktivem Wahnsinn und passiver Besessenheit unter dem Zwange der SS alles zusammengekittet“ (S. 240f.). Die Gliederung schuf keine Ordnung, schon gar kein Recht, weder eine Autonomie des Rechts noch wenigstens Sachzwänge, kein ehernes Gefüge, das über formale Regularien funktionierte. Sie wurde von etwas anderem angetrieben. „Hinter dem geschäftig schwirrenden Betrieb stand nichts als ein abgründiger Vernichtungswille und ein infantiler Spieltrieb“ (S. 259). Die Juden in Theresienstadt wurden nicht von einer Bürokratie bedroht, nicht zwischen ihren mitleidslosen anonymen Rädchen zerrieben, sie wurden nicht von interesselosen Bürokraten umgebracht, sondern von engagierten willkürlichen Deutschen. In Der verwaltete Mensch hebt Adler ausdrücklich hervor, dass es von dem Geist abhängt, mit dem ein Verwaltungsapparat betrieben wird, welchen Zielen dieser dient. (50) Die Verwaltung in Theresienstadt war nicht das mahnende Extrem einer überzogenen Ordnung, sondern gar keine, nur „eine Scheinordnung des Chaotischen, eine Gespensterordnung“ (S. 240), das „Zerrbild einer Ordnung“ (S. 223), der deutsche Hohn darauf. Mit diesen Deutungen des Lebens in Theresienstadt löst Adler sich von den üblichen Rationalitätskritiken. Den mechanischen Materialismus sieht er beispielsweise bei der statistischen Erfassung des Arbeitsprozesses der versklavten Juden am Werke. „Eine Statistik mit Kurven und Zahlen“ wurde angefertigt, die aber „keine vernünftigen Korrelate für wirkliche Vorgänge mehr abgibt, aber gleichsam letzte Aufschlüsse über geheimnisvolle Funktionen vermittelt“; sie „vertritt in diesem System die Rolle der Mystik“ (S. 638). Der Rationalismus, der in der Positivierung des menschlichen Lebens via Mathematisierung seine Zuspitzung erfahren hatte, ist im Nationalsozialismus in Irrationalismus umgekippt.

Entgegen späteren kulturkritischen Diagnosen, die in der Herrschafts-, Verfolgungs- und Vernichtungspraxis der Deutschen reine Wissenschaft und experimentelle Anordnungen sahen (51), stellt Adler von vornherein die Unvereinbarkeit beider heraus. Zum einen kann man „nicht experimentieren und den Gegenstand seines Experiments hassen, denn Experiment setzt Verzicht auf solche Leidenschaften voraus und verlangt eine positive Einstellung zu den untersuchten Werten“ (S. 246). Zum anderen setzt jedes Experiment „eine bewußte Vorbereitung und Durchführung voraus. Davon konnte allgemein im nationalsozialistischen Deutschland und besonders in Theresienstadt nicht die Rede sein; die Leiter der SS waren wohl von einem phantastischen Spieltrieb erfüllt, sie konnten auch neugierig sein und eine krause Liebe zum Systematischen entwickeln, aber im strengen Sinne waren sie gewiß keine Experimentatoren.“ Hinter der Endlösung der Judenfrage „verbarg sich kein Experiment, und wie anderswo begnügte man sich auch in Theresienstadt mit Modifikationen ursprünglicher Pläne und behalf sich mit wirren Improvisationen“ (S. 627). Adler denkt zusammen, was anderswo auseinander fällt, weil man unreflektiert bestimmte theoretische Vorentscheidungen getroffen hat, mit denen man die Shoah weiter begriffslos anschauen kann. „Es ist diese Behandlung der Juden, die das Konzentrationslager der SS im Gesamtrahmen der Sklaverei zu einer einzigartigen und unvergleichlichen Institution prägte, denn nirgendwo sonst ist die kälteste Berechnung [...] so eng und untrennbar mit leidenschaftlich loderndem Haß verbunden gewesen [...], noch nie so planmäßig institutionalisiert worden.“ (52)
 
 Mit diesen Betrachtungen war Adler seiner Zeit so weit voraus, dass es noch nicht einmal die Positionen gab, gegen die man ihn heute in Anschlag bringen kann. Natürlich gibt es einen Zusammenhang von moderner Welt und Nationalsozialismus. Aber diese Feststellung ist eben auch banal: sie ist nur die Variante einer ganz im Allgemeinen verbleibenden Erkenntnis, dass alles, was ist, seine gesellschaftlichen Ursachen hat. Aber es ist wichtig, den Zusammenhang bestimmt genug zu erfassen, um das Besondere nicht im Allgemeinen aufgehen zu lassen. Es gilt, worauf Gerhard Scheit hinwies, „die Differenz festzuhalten zwischen einem Räderwerk [...], das unmittelbar bereits der Vernichtung dient, - und einem, das Vernichtung wenn auch nicht für immer verhindern, so doch entscheidend aufschieben kann; zwischen einer Politik, die der Krise willfahrend jene der Reproduktion der Gesellschaft entspringende Destruktivität sich zu eigen macht – und einer, die noch in der Krise auf Reproduktion der Gesellschaft beharrt.“ (53)
 
 
 Anmerkungen:
 
 
(1) Die unsichtbare Wand, S. 293 und Eine Reise, S. 346.
 
 (2) Die letzte aktuelle Bibliographie zu Adler findet sich in Vol. 16 (1999) von Comparative Criticism (Cambridge University Press), eine Auswahlbibliographie in text + kritik Nr. 163 (2004), 107ff. Das Österreichische Literaturarchiv hat auf CD-ROM einen Katalog des gesamten Werknachlasses erstellt, bei dessen Erstellung alle Versionen sowie sämtliche Duplikate, Fragmente, Entwürfe usw. berücksichtigt wurden (vgl. Hocheneder 1999). Der Werknachlass selber liegt im Deutschen Literatur-Archiv Marbach.
 
 (3) Die unsichtbare Wand, S. 235 und S. 367.
 
 (4) Atze 2004, S. 17.
 
 (5) Fischer 1966, S. 337.
 
 (6) Schmatz 2004, S. 32.
 
 (7) Ebd., S. 37 und S. 40.
 
 (8) Atze 2004, S. 29.
 
 (9) Adler an Broch, 04.07.1949, Briefwechsel Broch & Adler, S. 27 und Broch an Adler, 08.06.1949, ebd., S. 23. Gegenstand dieser Erörterungen ist das Manuskript von Adlers unveröffentlichtem Roman Raoul Feuerstein. Geschichte eines quälenden Namens.
 
 (10) Zum Verhältnis Adler – IfZ vgl. Berg 2003, S. 304ff., S. 622ff., zu Stil und Semantik der Historiographie des IfZ vgl. ebd., Kapitel 3.2, 5.1 und 5.2.
 
 (11) Vgl. ebd., S. 192, S. 218, S. 291.
 
 (12) Die unsichtbare Wand, S. 463.
 
 (13) Warum habe ich mein Buch Theresienstadt 1941-1945 geschrieben?, S. 112.
 
 (14) Adorno GS 20.2, S. 495.
 
 (15) Vorwort in Buchenheim et al. 1999, S. 11.
 
 (16) Mommsen 1999, S. 78.
 
 (17) Vorwort in Buchenheim et al. 1999, S. 11.
 
 (18) zit. n. Berg 2003, S. 310.
 
 (19) Nur ein Beispiel: „... eine Hingabe ans Nichts, damit man aufersteht im Sein [...]. Durch Nichts zum Sein. Das ist das Geheimnis, aus dem die Welt erschaffen ist“ (Die unsichtbare Wand, S. 330). Dies zieht die Rezensenten an und sorgt für die entsprechenden Klappentexte und Nachworte.
 
 (20) Ebd., S. 14.
 
 (21) Ebd., S. 664.
 
 (22) Alle Seitenzahlen im Text beziehen sich auf Theresienstadt.
 
 (23) Mensch oder Masse?, S. 61f.
 
 (24) Ebd., S. 64f.
 
 (25) Vgl. Theresienstadt, S. 223, S. 633, S. 638f., Briefwechsel Broch & Adler, S. 42, S. 44.
 
 (26) Vgl. Zur Morphologie der Verfolgung, S. 189f., Gedanken zu einer Soziologie des Konzentrationslagers, S. 223.
 
 (27) „Tief in der menschlichen Natur liegt die Abneigung gegen andersartige, mit dem eigenen Wesen nicht konforme Mitmenschen“ (Gedanken zu einer Soziologie des Konzentrationslagers, S. 186).
 
 (28) Mensch oder Masse?, S. 67.
 
 (29) Ebd., S. 72.
 
 (30) Ebd., S. 81.
 
 (31) Zum Verhältnis der deutschen Historikerzunft zum Holocaust vgl. Berg 2003.
 
 (32) Gedanken zu einer Soziologie des Konzentrationslagers, S. 210. Vgl. fast ebenso Warum habe ich mein Buch Theresienstadt 1941-1945 geschrieben?, S. 114.
 
 (33) Vgl. hierzu am Beispiel der Wahrnehmung und Interpretation des Phänomens Adolf Eichmann Kettner 2003/04, inzwischen auch auf www.rote-ruhr-uni.com.
 
 (34) Vgl. Bauer 2001, S. 62-94.
 
 (35) an Broch, 16.12.1949, Briefwechsel Broch & Adler, S. 36.
 
 (36) Pohrt 1980, S. 80.
 
 (37) Vgl. ebd., S. 80-83 und S. 86-90, sowie Pohrt 1997, S. 110-113.
 
 (38) Pohrt 1980, S. 83.
 
 (39) Ebd., S. 82.
 
 (40) Vgl. Theresienstadt, S. 546, S. 601.
 
 (41) Berg 2003, S. 305.
 
 (42) Vgl. Zur Morphologie der Verfolgung, S. 191, Gedanken zu einer Soziologie des Konzentrationslagers, S. 216, S. 223.
 
 (43) Es gäbe viel Merkwürdiges zu berichten, S. 46.
 
 (44) Niederland 1980.
 
 (45) Die unsichtbare Wand, S. 20 und 21.
 
 (46) Ebd., S. 42.
 
 (47) Die Erfahrung der Ohnmacht – Beitrag zu einer Soziologie der Verfolgung, S. 200.
 
 (48) Ähnlich vgl. Gedanken zu einer Soziologie des Konzentrationslagers, S. 218.
 
 (49) Zur Morphologie der Verfolgung, S. 185.
 
 (50) Vgl. Der verwaltete Mensch, S. 872ff.
 
 (51) Am explizitesten bei Harald Welzer 1997.
 
 (52) Gedanken zu einer Soziologie des Konzentrationslagers, S. 223.
 
 (53) Scheit 2004, S. 13.
 
 
 Zitierte Schriften Adlers:
 
 
Adler, H.G., Zur Morphologie der Verfolgung. In: Ders., Die Erfahrung der Ohnmacht. Beiträge zur Soziologie unserer Zeit. Frankfurt a. M. 1964, S. 176-192.
 Ders., Die Erfahrung der Ohnmacht – Beitrag zu einer Soziologie der Verfolgung. In: Ebd., S. 193-209.
 Ders., Gedanken zu einer Soziologie des Konzentrationslagers. In: Ebd., S. 210-226.
 Ders., Der verwaltete Mensch. Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland. Tübingen 1974.
 Mensch oder Masse? In: Ders., Die Freiheit des Menschen. Aufsätze zur Soziologie und Geschichte. Tübingen 1976, S. 1-85.
 Ders., Es gäbe viel Merkwürdiges zu berichten (Interview mit Hans Christoph Knebusch). In: Jeremy Adler (Hg.), H.G. Adler. Der Wahrheit verpflichtet. Interviews, Gedichte, Essays. Gerlingen 1998, S. 32-60.
 Ders., Warum habe ich mein Buch Theresienstadt 1941-1945 geschrieben?, In: Ebd., S. 111-114.
 Ders., Eine Reise. Mit einem Nachwort von Jeremy Adler. Berlin 2002.
 Ders., Die unsichtbare Wand. Mit einem Nachwort von Jürgen Serke. Berlin 2003.
 Ders., Theresienstadt 1941-1945. Antlitz einer Zwangsgemeinschaft. Nachwort von Jeremy Adler. Göttingen 2005.
 H.G. Adler und Hermann Broch. Zwei Schriftsteller im Exil. Briefwechsel. Herausgegeben und kommentiert von Ronald Speirs und John White. Göttingen 2004.
 
 
 Sonstige Literatur:
 
 
Adorno, Theodor W., Über H.G. Adler. In: Ders., GS 20.2, S. 495.
 Atze, Marcel, „Wie Adler berichtet“. Das Werk H.G. Adlers als Gedächtnisspeicher für die Literatur. In: text + kritik, Heft 163 (Juli 2004), S. 17-30.
 Bauer, Yehuda, Die dunkle Seite der Geschichte. Die Shoah in historischer Sicht. Interpretationen und Re-Interpretationen. Aus dem Englischen von Christian Wiese. Frankfurt a. M. 2001.
 Berg, Nicolas, Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung. Göttingen 2003.
 Buchheim, Hans/Broszat, Martin/Jacobsen, Hans-Adolf/Krausnick, Helmut, Anatomie des SS-Staates. München 71999.
 Fischer, Grete, Dienstboten, Brecht und andere. Zeitgenossen in Prag, Berlin, London. Olten 1966.
 Hocheneder, Franz, H.G. Adlers Schriften. Ein neues Werk- und Nachlaßverzeichnis auf CD-ROM. In: Sichtungen online, PURL: purl.org/sichtungen/hocheneder-f-1a.html (Stand 03.2006) - Auch in: Sichtungen No. 2 (1999), S. 276-280.
 Kettner, Fabian, Ein Handlungsreisender in Sachen Judenvernichtung. Adolf Eichmann, die Moderne und der Antisemitismus. (gekürzte Version) in: Context XXI (Wien), No. 8/2003-1/2004, S. 7-13.
 Mommsen, Hans, „Es geht darum, einen Prozeß zu erklären und nicht in moralischer Empörung steckenzubleiben!“. Interview mit Hans Mommsen. In: Harald Welzer (Hg.), Auf den Trümmern der Geschichte. Gespräche mit Raul Hilberg, Hans Mommsen und Zygmunt Bauman. Tübingen 1999, S. 49-90.
 Niederland, William G., Folgen der Verfolgung: Das Überlebenden-Syndrom Seelenmord. Frankfurt a. M. 1980.
 Pohrt, Wolfgang, Vielleicht war das alles erst der Anfang. Über das unter diesem Titel erschienene Tagebuch aus dem KZ Bergen-Belsen. Berlin 1980, S. 75-85.
 Ders.,Überlegungen zur Aktualität von KZ-Erfahrungen. In: Ebd., S. 86-93.
 Ders., Brothers in Crime. Die Menschen im Zeitalter ihrer Überflüssigkeit. Über die Herkunft von Gruppen, Cliquen, Banden, Rackets und Gangs. Berlin 1997.
 Scheit, Gerhard, Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt. Freiburg i. Br. 2004.
 Schmatz, Ferdinand, Wahres anders gesagt. Dichtung und Wirklichkeit bei H.G. Adler. In: text + kritik, Heft 163 (Juli 2004), S. 31-41.
 Welzer, Harald, Die Sozialwissenschaften und der Holocaust. In: Ders., Verweilen beim Grauen. Essays zum wissenschaftlichen Umgang mit dem Holocaust. Tübingen 1997, S. 69-92.
 Ders., Sozialingenieur der Vernichtung: Rudolf Höß. In: Ebd., S. 93-108.