Ausgabe Weerthkritik vom

Der Wein

Teil 3

GEORG WEERTH

                   XI
 
 O Friederich! O Friederich!
 Ich war erstaunlich liederlich.
 Im rötlichen Wein ist alles verschlemmt,
 Der Rock, die Hose, der Hut und das Hemd.
 
 Doch fröhlich bin ich und wunderkühn,
 Da nun am Strande die Rosen blühn.
 Ich springe hinab in den grünen Strom
 Und schwimme vorüber an Burg und Dom.
 
 Ein schmucker Delphin kommt eben daher,
 Er trägt mich hinunter ins stille Meer.
 Gen Westen ist unser Zug gewandt:
 Gott grüße dich, schönes Engelland!
 
 Gott grüße dich, Spanien und Portugal!
 Ich fliege dahin auf der Wogen Schwall.
 Die Nixe singt und der Haifisch springt,
 Ein Möwenlied in den Lüften erklingt.
 
 Dort steigen die grünen Inseln herauf,
 Dort nehmen mich freundliche Völker auf.
 Und König werd ich zur selbigen Stund,
 Dieweil ich am meisten vertrinken kunnt.
 
 Nun seufz ich nicht länger - ich säufe nur,
 Mein Minister ist ein Mundschenke nur,
 Mein Geheimrat singt wie die Nachtigall -
 Und wild wächst der Wein im Gebirg und im Tal.
 
 Wie mag es da drüben in Deutschland sein?
 Ach Bruder, grüße die Deutschen fein.
 Ach grüße mir jeden, der mich kennt,
 Und jeden schönen deutschen Student.
 
                    XII
 
 Auf meiner Lippe brennend Rot
 Blüht nun die fürchterlichste Not,
 Da blüht wie auf verdorrter Flur
 Das bittre Kraut des Durstes nur.
 
 Zwar hab ich frühe schon und spät
 Versucht, was mich kurieren tät:
 Liebfrauenmilch genoß ich schon
 Als neugeborner junger Sohn.
 
 Und frischte drauf den trocknen Schlund
 Mit Wein aus Spanien und Burgund.
 Ja mehr des goldnen Weins ich trank,
 Als Regen auf die Felder sank,
 
 Als Wasser einst im Meere floß,
 Drin Pharao mit Mann und Roß
 Zugrunde ging! Ja Wein soviel,
 Als Wasser übern Rheinfall fiel! -
 
 Doch immer, wie zu alter Zeit,
 Plagt mich dasselbe Kreuz und Leid;
 Es stachelt mich des Durstes Dolch,
 Als bissen Schlangen mich und Molch.
 
 Und preßtet ihr am ganzen Rhein
 All Trauben in ein Faß hinein:
 Ich tränk es aus auf einen Zug -
 Und hätt noch immer nicht genug.
 
 Und nähmt ihr aus dem ew'gen Rom
 Die Kuppel von Sankt Petri Dom
 Und fülltet sie mit rotem Wein -
 Der Becher wär mir noch zu klein!
 
 Drum hab ich lange schon gesagt:
 O schrecklich, wen das Dürsten plagt!
 Er ist wie ein verlaßnes Kind,
 Das nirgends Ruh und Freude find't.
 
                    XIII
 
 Zu Feste lief ich wohl
 Von hier bis nach Tirol,
 Ich lief drei Meilen weiter,
 Ich liefe froh und heiter
 Für eine Kanne Wein
 Bis in den Mond hinein.
 
 Wär ich ein hohes Tier
 Und hörte alles mir,
 Und tät in meinen Reichen
 Die Sonne nie erbleichen -
 Gerät' am Rhein die Rebe nicht,
 Ich war ein armer Wicht.
 
                   XIV
 
 Ich mag nicht räsonieren
 Ins Dunkelblaue hinein!
 Viel lieber will ich probieren
 Einen kühlenden Abendwein.
 
 Zwar vor den Herrn Gelahrten,
 Da habe ich großen Respekt,
 Sie haben schon manche Arten
 Geschichten ausgeheckt.
 
 Auch habe ich stets gefunden:
 Den Schelling, Hegel, Kant,
 Die hat man immer gebunden
 In einen Schweinslederband.
 
 Man sagt, daß dies eine Ehre
 Für Menschenkinder sei -
 Drum, wenn der Wein nicht wäre,
 Da studiert ich Philosophei!
 
                    XV
 
 Herr König, Ihr, in Gold und Samt,
 Ihr seid ein hochgepreister!
 Sagt, habt Ihr nicht ein kleines Amt
 Als Obertrinkemeister?
 
 Studieren tät ich manches Jahr
 Am Neckar und am Rheine
 Und an der Mosel und der Ahr
 In rot und weißem Weine.
 
 Beim Löwenwirte an der Lahn
 Und seiner schönen Schwester
 Hab ich mein Geld und Gut vertan
 Und blieb dort zwölf Semester!
 
 Bis mein Examen kam heran -
 Da war Herr Hans gar fleißig:
 Der Fässer größtes stach er an
 Vom Jahre vierunddreißig.
 
 Aus allen Schenken nah und fern
 Erschienen vor den Toren
 Der Fakultät gelahrte Herrn
 Und spitzten ihre Ohren.
 
 Und ich dozierte blitzgeschwind
 Und wies vor allen Dingen,
 Daß Kölner Schoppen kleiner sind
 Als die zu Mainz und Bingen,
 
 Und daß hier Simrock, der Poet,
 Als Winzer auch zu schauen,
 Wenn er zum Menzenberge geht,
 Sein Drachenblut zu bauen. -
 
 Mein römisch Glas, so hell und rein,
 So grün und bunt gekräuselt,
 Erhub ein besseres Latein
 Als Cicero gesäuselt.
 
 Da schrieb man mein Diploma gut
 Auf Pergament und Leder
 Und steckte auf den Doktorhut
 Mir eine Pfauenfeder.
 
 Die Bauern aus dem Binger Loch
 Hab ich zum Schmaus genommen;
 Doch bin ich, leider, nimmer noch
 Auf grünen Zweig gekommen.
 
 Drum König, Ihr, in Gold und Samt,
 Ihr hoch und sehr gepreister,
 Sagt, habt Ihr nicht ein kleines Amt
 Als Obertrinkemeister?
 
 Gebt mir, soviel ein ehrlich Mann
 Mit Würde weiß zu fassen,
 Und habt Ihr keine Lust - wohlan,
 So mögt Ihr's bleiben lassen.
 
 
 Fortsetzung folgt...