Ausgabe #3 vom

Babylon inna Zion

Die Riddim im Kulturkampf gegen Zionisten und Schwule

MATHIAS SCHÜTZ

Reggaemusik hat seit den 60ern einen stetigen Popularitätszuwachs verzeichnen können, fristet aber bis heute - trotz Bob Marley - eher ein Nischendasein in der Popkultur. Im Zuge des Durchbruchs von Black Music in den 90ern haben es jedoch auch einige Reggaeacts zu internationalem Ruhm geschafft: Zu nennen wären hier vor allem Gentleman (!), aber auch Beenie Man (!!) oder Elephant Man (!!!), die ebenfalls Majordeals erhielten. Dementsprechend ist eine Szenezeitschrift wie die seit 2001 in dem Popkultur-Verlagsmoloch Piranha Media (u.a. Spex) erscheinende, äußerst erfolgreiche Riddim durchaus nichts Bemerkenswertes. Bemerkenswert und gleichzeitig exemplarisch für den allgemein herrschenden Zeitgeist ist vielmehr der Umgang mit einigen Aspekten ihres Gegenstandes: Denn Reggae ist nicht beschränkt auf die gängigen, von den Künstlern, Promotern und Medien so willig wie reflexartig reproduzierten Klischees über Sonne, Liebe und Kiffen. Vielmehr lassen sich in ihm zwei verwobene inhaltliche rote Fäden erkennen, die der genaueren Betrachtung bedürfen, nämlich eine verschwörungstheoretische Grundtendenz und eine aggressiv vorgetragene Homophobie.
 
 Good vs. Evil...
 
 Seit seinen Anfängen nimmt all das, was gerne mit dem Adjektiv „sozialkritisch“ geadelt wird, viel Platz im Reggae ein und unterliegt auf Grund der Einzigartigkeit jamaikanischer Musikproduktionsverhältnisse - ein Sänger wie Sizzla bringt im Jahr locker 4 bis 6 Alben sowie eine Unzahl an Singles auf den Markt - genauso der beschriebenen Reproduktion von schablonenhaften Phrasen wie z.B. das allmächtige Marihuana. Die in der Regel christlich geprägten Künstler klagen über Rassismus, Korruption und Machtmissbrauch, fordern Einheit und Frieden, appellieren abwechselnd an die politischen Führer, an Gott und an die Liebe - es wird nicht selten gefloskelt ohne sich auch nur mit einem Wort an realen Verhältnissen aufzuhalten. (Den größten Realitätsverlust kann man dem Sänger Luciano mit seinem Song It Haffi Stop attestieren, der mit der Forderung „East and west should be friends again“ beginnt!) Für die Reggaegemeinde und ihre infantile Weltvorstellung sind es nicht die ökonomischen und politischen Verhältnisse, sondern urböse Gefühle wie Hass oder die Gier nach Macht und Geld, die der Realisierung ihres Traumes von „ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne“ (Nicole) im Wege stehen. Die verkehrten Verhältnisse werden so zum Produkt gemeiner Menschen halluziniert.
 
 So verwundert es nicht, dass die konservierten religiösen Ursprünge von Reggae in Zeiten der ökonomischen Krise in ihrer immanent wahnhaften Gestalt zu Tage treten; insbesondere bei den Anhängern Rastafaris, jener für Reggae so bedeutenden religiösen Bewegung, die ihre Inspiration aus dem messianischen Panafrikanismus Marcus Garveys ebenso bezieht wie aus dem Alten Testament und den Worten Haile Sellassies I. (dem letzten Kaiser von Äthiopien, für Rastas die Inkarnation von Gott) (1). Beispielhaft für diese Paranoia sind die folgenden Aussagen des Rasta-Sängers Cocoa Tea, die er anlässlich des Irakkrieges 2003 im Interview mit der Riddim-Redaktion unwidersprochen tätigte: „Einen Angriff der USA gegen den Irak halte ich für moralisch falsch. Doch mit solchen Äußerungen wird man schnell in die Ecke von Terroristen gedrängt. Dabei sage ich die Wahrheit. (…) Nun wollen sie mich zum Kriminellen abstempeln?! Nur weil ich die Wahrheit sage?! (…) Bush erhebt sich über die ganze Welt - ein einzelner Mann. Er ist der nächste Hitler.“ (2) Und wo der große Satan schon ausgemacht ist, kann der kleine nicht weit sein. So sind sich die Gesprächspartner in einem anderen Riddim-Interview mit dem kölnischen Engländer Neil Perch (Betreiber von „Abassi Hi Power“, einem Rasta-Soundsystem) einig, wo das Unrecht in seiner reinsten Form zu Hause ist: In Israel. Nachdem der Interviewer das Stichwort Apartheid vorgeben hat, legt Perch ordentlich nach: „Allerdings ist der Terror, mit dem die israelische Nation die palästinensische unterwirft, wirklich eine Schande - und gleichzusetzen mit dem Horror der Apartheid in Süd-Afrika. Alles was ich auf dem Berg Zion (…) sehen konnte waren israelische Soldaten mit geladenen Waffen und Gräber von ultra-reichen jüdischen Amerikanern.“ (3) Hier treffen offensichtlich bewährte antisemitische Klischees auf die Erkenntnisresistenz zweier Menschen, die nichts gegen die Juden als interessante Kultur- und Religionsgemeinschaft haben, aber um so mehr gegen den Staat Israel als selbst bestimmte Schutzmacht und Zufluchtsort der Juden. Deswegen können sie nichts anderes wahrnehmen als den Zionisten, der angeblich die eigenen, Jahrtausende alten heiligen Stätten durch Materialismus und Gewalt entweiht. „Babylon inna Zion“ sozusagen.
 
 Was die beiden Aussagen bezüglich Israel und den USA vorführen sollen, ist nicht eine explizite Feindschaft den beiden Staaten (und dem für was sie stehen) gegenüber, die im Reggae natürlich genauso vorhanden ist wie in sämtlichen anderen, irgendwie alternativen Szenen. Sie stehen vielmehr exemplarisch für eine herrschende verschwörungstheoretische Weltwahrnehmung in der Reggae- und Rastagemeinde. In den Songtexten stößt man unweigerlich und unabhängig von Person und Zeit auf das beschriebene Gut-Böse-Schema sowie auf die biblische Metapher „Babylon“, welche eine gigantische Verschwörung gegen die „black people“ umschreibt und unter die alles Schlechte und Unverstandene aus Vergangenheit und Gegenwart subsumiert wird. Der Rassismus der weißen Kolonisatoren und Sklavenhalter mit all seinen bis heute bestehenden Konsequenzen - eines der großen Themen im Reggae - gilt den Reggaefans deshalb nicht als barbarische Konsequenz negativer Gleichheit, sondern sei Aspekt eines umfassenden Plans zur Vernichtung schwarzafrikanischer Kultur gewesen. Diese Annahme ist auch in den Reportagen und Artikeln der Riddim stets implizit vorhanden. So zum Beispiel bei Ulli Güldner, der die „SINGULARITÄT des schwarzen Holocausts“ (4) behauptet. Güldner scheint von Ernst Nolte und Horst Möller inspiriert zu sein, er will wie jene durch Begriffswahl und Hervorhebung in bester tabubrecherischer Manier provozieren und eine absolut absurde und unangebrachte historische Parallele konstruieren.
 
 Es wird also deutlich, dass das dominierende Geschichts- und Weltverständnis im Reggae auf Verschwörung und Manipulation fußt. Aber keine Verschwörungstheorie kommt ohne Personifizierung der Verhältnisse, ohne konspiratives Subjekt aus. Dieses stellen für die Reggaecommunity vor allem der Vatikan (5), des Öfteren auch Politiker oder „falsche Führer“ dar. Das Verschwörungsdenken ist zwar generell eher schwammig und wirr - wie die allgegenwärtige aber auch beliebige Anwendung des Begriff Babylons zeigt - , aber worüber man sich einig ist, ist der unangefochtene Ausdruck aller babylonischen Übel: die Homosexualität.
 
 …Reggae vs. Queer
 
 Dieser Hass auf Homosexualität ist in Jamaika nicht auf Reggae beschränkt, sondern gesellschaftlich akzeptierter und staatlich institutionalisierter Konsens. So ist die gleichgeschlechtliche Liebe („acts of gross indecency“) auf Jamaika gesetzlich verboten. Der Reggae übernimmt in diesem gesellschaftlichen Klima nur die Aufgabe, den offensichtlich durchaus vorhandenen Vernichtungs- und Mordphantasien der Mehrheit der jamaikanischen Bevölkerung zum Ausdruck zu verhelfen.
 
 Müßig wäre es daher, die Unzahl an Beispielen für homophobe Äußerungen, für Hasstiraden und Mordaufrufe gegen den „batty boy“ und „chi chi man“ in Reggae-Texten einzeln aufzuführen. Es reicht schon, sich die bedeutendsten, weil wirkungsmächtigsten Exemplare herauszupicken. Da ist zum einen Buju Bantons Song Boom Bye Bye: „Guy come near we, then his skin must peel, burn him up bad like an old tire wheel (...) It’s like boom bye bye inna batty boy head, rudeboy nah promote no nasty man, dem haffi dead“. Und die Reggae-Boyband T.O.K. singt in ihrem Song über Chi Chi Man: „Ra-ta-tat, every chi chi man dem haffi get flat, mi and my niggaz ago make a pact, chi chi man fi dead and dat´s a fact“. Der selbsternannte „King of the Dancehall“ Beenie Man formulierte dieses Bedürfnis am drastischsten in seinem Song Damn: „I’m dreaming of a new Jamaica, come to execute all the gays“. Es sei gesagt, dass Buju Bantons und Beenie Mans Texte vor mehr als zehn Jahren geschrieben wurden und der Erste sich vom Inhalt distanziert, der Zweite sich dafür entschuldigt hat. Das bedeutet aber nicht, dass die beiden mittlerweile Homosexualität akzeptieren oder zumindest keine Hate-Lyrics mehr schreiben; etwas Derartiges anzunehmen wäre fernab der Realität. Ulli Güldner hat in mehreren Essays, Interviews und Kommentaren in der Riddim ausführlich dargelegt und hervorgehoben, „dass sich Reggae (...) und militante Homophobie unmöglich auseinanderdividieren lassen“ (6). Distanzierungen und halbgare Entschuldigungen sind durchaus nichts Besonderes - vor allem im Zuge gefährdeter Europa-Tourneen. Dadurch ändert sich vielleicht kurzfristig das Live-Set eines Künstlers, aber gewiss nicht seine Gesinnung.
 
 Die gewählten Textauszüge sind also exemplarisch, nicht als Höhepunkt oder vereinzelte Meinung zu verstehen. Ob ein Reggae-Artist sich zum Beispiel eine Gangster- oder Rasta-Attitüde aneignet, entscheidet zwar in vielen Punkten über textliche und musikalische Schwerpunkte im Verlauf seiner Karriere. Die aggressive Homophobie war und ist beiden jedoch stets gemein. Die aufgeführten Beispiele sind in ihrer Intention mit anderen Texten austauschbar. Sie stechen aus der homophoben Masse lediglich hervor durch ihre bis heute andauernde Popularität. Diese rührt bei Buju Banton und Beenie Man vor allem aus den Protesten von Schwulenverbänden - so wurde z.B. Buju Bantons Europa-Tour 2004 fast vollständig durch Kampagnen lahm gelegt. T.O.K. hingegen hat mit dem Song Chi Chi Man den Durchbruch - in Jamaika und international - geschafft. Der Song wurde von der konservativen Jamaican Labour Party sogar als Wahlkampfhymne gegen den allein stehenden, und somit verdächtigen Premierminister P.J. Patterson benutzt, woraufhin dieser sich gezwungen sah, in der Öffentlichkeit ein Bekenntnis zur Heterosexualität abzulegen.
 
 Relativierung des Wahns
 
 Die Riddim hat zum Verhältnis von Homophobie und Reggae zwei Specials (7) abgedruckt. Es wurde eine Diskussion über den angeblichen „Kampf der Sexualitäten“ (8) angekündigt, wobei schon diese Formulierung in der Einleitung stutzig machte. Was dabei herausgekommen ist, kann mit viel Wohlwollen als „unkritischer Dialog“ angesehen werden, hat mit einer Diskussion aber rein gar nichts zu tun. Was im Rahmen einer ohnehin schon zweifelhaften Debatte - denn was soll es über einen Sachverhalt wie die mordlüsternde Homophobie schon zu diskutieren geben - nahe gelegen hätte, nämlich zumindest die Positionen von Kritikern der Homophobie, etwa Schwulenverbänden - ob nun von J-FLAG aus Jamaika, OUTRAGE! aus England oder dem LSVD - einzuholen, schien bei der Riddim niemandem einzufallen.
 
 Was nun zur Verteidigung der inkriminierten Künstler bzw. zur Relativierung ihres Wahns so alles geschrieben wurde, soll und kann hier nicht in seiner ganzen Vielfalt Gegenstand sein. Ein Aspekt ist aber hervorzuheben, der maßgeblich zur Entkräftung der Vorwürfe gegen Mordaufrufe in Reggaetexten verwendet wurde: Apologeten jamaikanischer Homophobie führen gerne an, dass das „Fire bun…“ rein metaphorisch gemeint sei und sich zudem ja auch gegen Babylon, Politiker, die Polizei oder den Vatikan richte - also prinzipiell gegen alles, was gemeinhin als westlich = dekadent und korrupt erkannt wird. Eine Konzentration allein auf Homosexualität ist tatsächlich nicht festzustellen; was jedoch verschwiegen oder so nicht wahrgenommen wird, ist, dass Homosexualität mit Babylon in Eins gesetzt wird bzw. als dessen Wesen gilt: Das „Babylon Shitstem“ („shitstem“: westliche Welt) ist lediglich ein Begriff, der zwar mehr oder weniger beliebig mit Inhalten gefüllt, an sich, als leere Form aber nicht angegangen werden kann. Die konkreten Subjekte des verschwörungstheoretischen Denkens - hier, wie schon gesagt, vor allem der Vatikan, die Polizei und die Politik - sind zwar tatsächlich für den Einzelnen greif- und spürbar, bleiben aber dennoch abstrakt; denn sie haben die Form von Institutionen. Es sind Systeme, die stets mehr darstellen als sie durch die Summe ihrer Teile beinhalten und deren Teile austauschbar sind, was das gesamte System gegen oberflächliche Angriffe immunisiert. So kann der Hass zwar ausgedrückt, im Zweifelsfall aber nicht effektiv ausgelebt werden.
 
 Die Homosexualität hingegen ist zwar ebenfalls eine Abstraktion, nämlich die einer Vielzahl individueller und somit widersprüchlicher Existenzen. Aber den Homophoben stört dies nicht, für ihn gibt es nichts konkreteres und wahrhaftigeres als sein Feindbild, dem eine Reihe von unweigerlichen Verhaltensweisen zugeschrieben werden: Homosexualität wird also pathologisiert, alle Schwulen und Lesben sind an ein objektives Schicksal gebunden. Jeder kann theoretisch Politiker, Polizist und mit Einschränkungen sogar Papst werden und sich für bzw. gegen Babylon entscheiden. Homosexualität hingegen ist, wie Ulli Güldner weiß, „eine Frage von Veranlagung und Verhalten“ (9). Folgerichtig ist auch die pathisch-homophobe Projektion absolut anschaulich und eindeutig: Sie kann und will sich nur den rosa-tuckigen Schwulen, die kahl geschorene Kampflesbe vorstellen und weiß Bescheid über die schier unbändige Triebhaftigkeit eines jeden Homosexuellen, welcher auch dem unschuldigen Hetero (speziell dem Minderjährigen) unweigerlich auf die Pelle zu rücken trachtet, also eben jene Toleranz missachtet, die pauschal und lautstark von ihm selbst in Anspruch genommen wird (10). Hinzu kommt, dass religiös geprägte, interdependente Gemeinschaften dazu neigen, kollektives oder auch lediglich privates Unglück mit dem Verstoß einzelner Mitglieder gegen die sittlichen Gebote Gottes in Verbindung zu bringen und so zu rationalisieren. Den Homo- sexuellen wird nicht nur ihre sexuelle Orientierung zu Last gelegt; diese ist vielmehr Hinweis auf und Ausdruck einer tiefen und weitreichenden Durchtriebenheit, einer existentiellen Gefahr für die Gemeinschaft: „Chi Chi bedeutet in Jamaika wirklich Termite. Ein Tier, dass alles auffrisst, vor allem Holz, und so Häuser zum Einsturz bringt. Gleichzeitig ist der Begriff auch ein Synonym für einen Parasiten, einen korrupten Feind der Gesellschaft, der durch seine Gefräßigkeit das Gemeinwesen aushöhlt und zerstört.“ (11). Hier wird das ganze Ausmaß des paranoiden Wahns, welcher sich im Hass auf Homosexuelle kristallisiert, deutlich, wie auch seine strukturelle, begriffliche Verwandtschaft mit dem Antisemitismus. Dieser Hass auf alles, was in den eigenen beschränkten Begriffen nicht aufgeht, was auch durch äußerlichen oder selbst verinnerlichten Zwang nicht in die Identität der Gemeinschaft gepresst werden kann, war grundlegend für die Konstitution des modernen Antisemitismus.
 
 Folglich, weil sich in der homophoben Vorstellungswelt scheinbar all jene gesellschaftlichen Übel konkret manifestieren, die normalerweise unter der Abstraktion Babylon subsumiert werden, dort aber eben keine angreifbare Gestalt annehmen können und so dem Homosexuellen ausnahmslos eine schier übermächtige volksfeindliche Rolle zugeschrieben wird - deswegen hat das Erschießen, Verbrennen, Aufknüpfen von Schwulen und Lesben in Reggae-Texten definitiv eine andere, wirklichere Dimension als das rituelle „Fire pon Babylon“!
 
 Back to the Roots
 
 Die international vernetzte Kampagne „Stop Murder Music“ gegen Mordaufrufe in Reggaetexten hat mittlerweile zu einigen Konsequenzen geführt. Homosexuellenverbände und Reggaeindustrie vereinbarten ein Abkommen über die Nichtverbreitung von homophoben Songs (12); auf dem „Sting“, einem der traditionsreichsten jamaikanischen Festivals, wurde kurzfristig eine Hatelyrics-Zensur eingeführt. Diese marginalen Zugeständnisse, die eher dazu dienen, die dem Reggae immanente Homophobie zu verdecken als sie zu bekämpfen, scheinen aber ihr Ziel, die Proteste der Queer-Verbände einzudämmen und zu stoppen, zum Glück zumindest teilweise verfehlt zu haben. So wurden die 2005er Tourneen von Capleton und Sizzla von erneuten Mobilisierungen europäischer Queer-Verbände begleitet: Sizzla weigerte sich, einen Kompromiss zu schließen, woraufhin seine Konzerte gecancelt wurden. Das dürfte mit der Grund für den Song „Nah Apologize“ gewesen sein, indem er die homophobe Paranoia noch einmal in ihrer realitätsfernen Tragweite darbietet: „Rastaman nah apologize to no batty boy, if you diss King Selassie i will gunshot you boy“. Ob es wirklich im Sinne eines „batty boy“ liegt, einen verstorbenen Monarchen oder, in Abwandlung des Refrains, die „black people“ im Allgemeinen und die „black woman“ im Besonderen zu dissen, steht nicht zur Debatte, da dessen Schwulsein selbst ja schon die reine Beleidigung für den Rasta-Ideologen Sizzla ist, der im gleichen Song auch noch ein Kostprobe seiner eigenen, rechtschaffenen Vision liefert: „Inna di biblical days we used to stone them to death“. 
 
 
 Anmerkungen:
 
 (1) Vgl. zu den völkischen Aspekten der Rasta-Ideologie: Münninghoff, Tim: Marihuana des Volkes. Homophobie und Volksmusik auf Jamaika, in: Bahamas 46/2005, S. 53-56.
 
 (2) Zit. nach: Köhlings, Ellen/ Lilly, Pete: No blood for oil. Interview mit Cocoa Tea, in: Riddim 7/2003, S. 33.
 
 (3) Zit. nach: Galbierz, Oliver: To be a warrior you must train. Interview mit Neil Perch/ Abassi Hi Power, in: Riddim 18/2005, S. 33.
 
 (4) Güldner, Ulli: Burning more illusions, in: Riddim 7/2003, S. 98. Güldner formuliert hier nicht mit explizitem Bezug auf die Shoa, sondern als Reaktion auf eine (zumindest von ihm so verstandene) Gleichsetzung von Homophobie und Rassismus in einem Leserbrief.
 
 (5) So singt zum Beispiel der Berliner Rasta Ganjaman (!!!!), der es sich zu Aufgabe gemacht hat, jamaikanische Reggaelyrics sinngemäß ins deutsche zu übersetzen in seinem Song Rom: „Ich sah, der Teufel, er stellte seinen Thron, mitten ins Herz von Rom. Das ist die Wahrheit, das ist kein Gerücht, im Vatikan wohnen Schlangen und Otterngezücht“ und „Ich sag die Kirche und der Papst haben sich gegen uns verschworen, ihre Seelen bei dem Pakt mit dem Teufel verloren“.
 
 (6) Güldner, Ulli: Burning all illusions, in: Riddim 5/2002, S. 44. Insgesamt muss betont werden, dass Güldner kontinuierlich versucht, dass Verhältnis Homophobie/Reggae aufzuschlüsseln; es scheint schon fast so, als würde es sich die Zeitschrift im argumentativen Windschatten der Autorität und Wortgewalt Güldners bequem machen.
 
 (7) Vgl. The Greatest Taboo. Reggae & Homosexualität, in: Riddim 5/2002, S. 36-45; Reggae Under Attack, in: Riddim 16/2004, S. 46-53.
 
 (8) The Greatest Taboo. Reggae & Homosexualität, in: a.a.O., S. 36.
 
 (9) Güldner, Ulli: Burning all illusions, a.a.O., S. 43.
 
 (10) Ganz ähnlich funktioniert ein häufig anzutreffender Vorwurf in den einschlägigen Reggae-Foren auf Riddim.de und dancehallmusic.de gegenüber Homosexuellenverbänden die anlässlich von Tourneen zum Protest aufrufen: Diese würden, kaum sei die eigene Emanzipation erreicht, nun selber diskriminieren und ausgrenzen.
 
 (11) Zit. nach: Noack, Noe: Wie macht die Uhr? Tick T.O.K.! Interview mit T.O.K., in: Riddim 2/2002, S. 41. Bandmitglied Craigy T erläutert hier die tiefere Bedeutung von Chi Chi Man, da in einem Pressetext die offensichtliche schwulenfeindliche Intention des Songs - wohl aus Rücksicht auf die junge Karriere der Band - geleugnet worden war.
 
 (12) Vgl. Deal to ban ,homophobic’ reggae (http://news.bbc.co.uk/1/hi/entertainment/music/ 4246599.stm).